Gleichstellung

Gemeinsam stark: Ecuadorianische Frauen kämpfen um ihre Rechte

SWISSAID stärkt in Ecuador die Eigenständigkeit indigener Frauen. Agrarökologie, Leadership, Grundrechte: Dank Schulungen in diesen Bereichen können die Frauen ihre Ernährungssicherheit und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verbessern. Und sie helfen, Gewalt zu bekämpfen. 

Die Fakten

Land, Region:
Ecuador
Dauer:
September 2022 - Dezember 2026
Begünstigte:
5'300
Gesamtprojektbudget:
1,4 Millionen CHF

Die Ziele

SWISSAID stärkt Frauennetzwerke in Ecuador. Das Projekt verfolgt drei Ziele: Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen, Stärkung ihrer Rechte und Schaffung neuer Einkommensquellen.

Das Projekt wird finanziell unterstützt von der DEZA.

Grosse auf dem Boden ausgebreitete Papierbögen, in der Mitte jeweils ein gezeichneter Frauenkörper und die Frage: «Wer bin ich?».

Konzentriert sitzen die indigenen Frauen aus der Gemeinde Cochaloma in der Provinz Chimborazo in Ecuador rund um die Papierbögen. In dieser Runde sind die Frauen unter sich. Im geschützten Rahmen können sie sich öffnen und ihre Werte, Ängste und Bedürfnisse sorgenlos mitteilen. Und versuchen, auf die Frage eine Antwort zu finden. 

Die Veranstaltung ist Teil eines SWISSAID-Workshops rund um die Themen Leadership, Gleichstellung und Grundrechte. Die Aktivitäten zielen darauf ab, die Autonomie der Frauen zu stärken und ihre Beteiligung an der Entscheidungsfindung in Familien, Organisationen und kantonalen Ämtern zu fördern. 

In Ecuador werden Frauen nach wie vor als minderwertig und untergeordnet angesehen: Sie können ihre Meinung weder frei äussern, noch können sie sich organisieren und an politischen oder sozialen Treffen teilnehmen. Ihnen wird der gleichwertige Platz in der Gesellschaft aberkannt. Traditionelle Geschlechterrollen und kulturelle Muster in Ecuador bevorzugen Jungen und Männer.

Die Ungleichheit beginnt bereits in jungen Jahren: Mädchen besuchen seltener die Schule als Jungen und schliessen nur die Grundschule ab. Später sind die Frauen hauptsächlich für Haushalt, Erziehung und Pflege der Familie verantwortlich – und werden durch die Heirat von ihren Ehemännern abhängig.

Gewalt, Diskriminierung, Machismo

Noch besorgniserregender ist, dass etwa 64 Prozent aller Frauen in Ecuador im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt werden. Psychisch, körperlich, sexuell, ehelich und gynäkologisch-geburtshilflich: Die Formen der Gewalt sind vielfältig. In 42 Prozent der Fälle entsteht Gewalt gegen Frauen insbesondere im häuslichen Bereich und wird zu einem grossen Teil durch den Partner ausgeübt. Eine weitere alarmierende Zahl: Zwischen 2014 und 2023 wurden laut einer feministischen Allianz 1’503 Feminizide im Land gezählt (Quelle: Alianza Feminista Para el Mapeo de los Femi(ni)cidios en el Ecuador).

Ecuador hat zwar das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) unterzeichnet und im Jahr 2021 den zehnten Fortschrittsbricht unterbreitet. Damit nimmt das Land seine Verpflichtungen bezüglich dieser Konvention ernst und erzielt stetige Fortschritte insbesondere in den städtischen Gebieten. In den ländlichen und indigenen Gebieten präsentiert sich die Situation jedoch dramatisch anders.

Denn der Machismo ist im südamerikanischen Staat mit rund 18,6 Millionen Einwohnern nach wie vor ein Problem, das nur schwer zu lösen und gesellschaftlich noch immer akzeptiert ist. Diese strukturelle Benachteiligung der Frauen und Mädchen stellt für die weibliche Bevölkerung Ecuadors eine grosse Hürde zur Überwindung der Armut dar.

Wie in vielen Ländern auf der ganzen Welt nahm die häusliche Gewalt während der Covid-Pandemie, den damit verbundenen Lockdowns und der anschliessenden Wirtschaftskrise auch in Ecuador zu. Um der Isolation entgegenzuwirken und sich gegenseitig zu helfen, gründeten die Frauen Netzwerke. Sie wurden innerhalb kurzer Zeit zum unverzichtbaren Ort des Austauschs und zu einem Treffpunkt, wo die Frauen strategische Lösungen für ihre gemeinsamen Interessen und Bedürfnisse diskutieren konnten.

Frauennetzwerke retten Leben

Damit diese neuen Netzwerke weiter gestärkt und gefördert werden konnten, baten die Frauen SWISSAID um Unterstützung. Diese für die Frauen so wichtigen Strukturen sollten auch nach der Krise aufrechterhalten bleiben. SWISSAID reagierte auf die Anfrage und lancierte ein Projekt, das drei zentrale Ziele verfolgt: Die Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen, die Stärkung der Frauen und die Schaffung einer Einkommensquelle.

Frauennetzwerke verändern und retten Leben. «Die Frauen verbessern ihr Selbstwertgefühl, lernen ihre Rechte kennen und einzufordern und erweitern ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in den Bereichen Führung und politische Kommunikation. Sie lernen auch Managementinstrumente kennen, die sie in ihren Versammlungen und Sitzungen anwenden können», sagt Oscar Quillupangui, Leiter des SWISSAID-Koordinationsbüros in Ecuador.

Einem solchen Netzwerk ist es zu verdanken, dass Carmen, eine indigene Bäuerin, die in Benitez in der Provinz Tungurahua lebt, «noch am Leben ist», wie sie sagt. Aufgrund von Problemen in ihrer Familie fühlte sie sich einsam und nutzlos. Da sie seit mehreren Jahren mit Depressionen kämpfte, hatte sie vor, sich das Leben zu nehmen. Dann erzählte ihre Nachbarin von dem Frauennetzwerk in Tungurahua.

Da sie nichts zu verlieren hatte, nahm Carmen an einem Treffen teil, wo sie ihre Geschichte und ihre Sorgen mitteilen konnte. Zu ihrer Überraschung wurde sie von niemandem verurteilt. Im Gegenteil, die anderen Frauen gaben ihr wertvolle Unterstützung. Seitdem nimmt Carmen an allen angebotenen Schulungen teil und hat ihren eigenen agrarökologische Hof gegründet.

Hunger ist weiblich

Frauen sind besonders häufig von Hunger, Armut und Gewalt betroffen. Mit einer Spende stärken Sie die Frauen in unseren Projekten in Afrika, Asien und Lateinamerika.

«Mein Leben hat sich sehr verändert. Ich besuche mit meiner Mutter regelmässig die Workshops unserer Frauengruppe in Tungurahua. Dort erhalte ich Unterstützung von meinen neuen Kolleginnen und lerne viel Neues.

Vorher verbrachte ich die Zeit allein zuhause mit meinem Kind und nähte Hosen oder arbeitete auf dem Feld. Irgendwann möchte ich ein eigenes Geschäft eröffnen, damit ich mehr Geld verdiene und Zeit für mein Kind und meine einsame Mutter habe.»

Norma Mayra Chipantiza Torres, 43

Unabhängigkeit dank Darlehen und Stipendien

Neben Kursen in Agrarökologie erhalten die indigenen Frauen Unterstützung beim Zugang zu kommunalen Spar- und Leihkassen. Dadurch können die Frauen ihr Haushaltseinkommen steigern. Wirtschaftliche Stärkung und ein eigenes Einkommen sind entscheidend für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit der Frauen. In Kursen stärken sie vorgängig ihre finanziellen Grundkenntnisse. Sie bestimmen, für was die Kredite gewährt und wie sie zurückbezahlt werden sollen.

Der Zugang zu den Spar- und Leihkassen, sowie die Einrichtung eines Fonds für Bildungsstipendien werden vom Dr. Lukas Werenfels-Programm für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen finanziert. Davon profitieren insgesamt 2’000 einheimische Bäuerinnen. Die Stipendien sollen die Frauen ermuntern, ihre Ausbildung zu beenden, um ihre beruflichen Perspektiven zu erhöhen. Denn das niedrige Bildungsniveau von Frauen trägt zum Teufelskreis der Gewalt bei.

Podcast «Wenn Frauen mitreden, sinkt der Hunger»

«SWISSAID hat uns ermutigt, unsere Meinung zu äussern und uns gezeigt, wie wir unsere kulinarischen Spezialitäten wie Dulce de Zambo besser vermarkten können. Jetzt verkaufe ich Mahlzeiten an verschiedenen Orten, darunter auch Getreide. Heute geht es uns viel besser. Wir verdienen mehr Geld und meine Kinder haben immer genug zu essen.»

Anita René Quille Quille, 42 aus Sigualó Alto, Provinz Tungurahua

Erste Bäuerin im Parlament

Bélgica Isabel Criollo Sánchez ist eine der Begünstigten. Die 37-jährige Bäuerin, die in Rumichaca Alto in der Provinz Tungurahua lebt, hat an Schulungen für Agrarökologie und Politik teilgenommen.

Ihr Werdegang ist beeindruckend: Als Koordinatorin und Vertreterin des Netzwerks in Tungurahua ist sie auch als Betreuerin an der Agrarökologieschule «El Colibrí Rebelde» tätig. Ausserdem wurde sie als erste Bäuerin ins Volksparlament delegiert.

«Das Wissen, das ich erworben habe, hat mich selbstbewusster gemacht und ermutigt, mich für andere Frauen einzusetzen. Diese sollen ihre Probleme nicht für sich behalten, sondern sich ausdrücken können, um frei zu werden.»

Isabel Criollo Sánchez hat im vergangenen Jahr für ihre herausragende Arbeit den Preis «Frauen von Tungurahua» erhalten.

Wie Isabel Criollo Sánchez konnten weitere 5’300 Bäuerinnen in den Provinzen Tungurahua, Cotopaxi und Chimborazo dank der Unterstützung von SWISSAID ihr Leben zum Guten verändern. Schätzungsweise profitieren rund weitere 10’000 Menschen indirekt von den verbesserten Lebensumständen.