Frauen in der Landwirtschaft: viel Arbeit, wenig Rechte
Wie ist es eigentlich, Bäuerin zu sein? Viele stellen sich wahrscheinlich eine Frau vor, die ihr eigenes Feld bestellt, eine üppige Ernte einbringt, sich davon gesund ernährt oder die Produkte profitabel verkauft. Doch für viele Frauen – wie zum Beispiel im Globalen Süden, wo SWISSAID tätig ist – sieht die Realität anders aus.
Aus Mangel an Geld und an Zugang zu Krediten bearbeiten sie die Felder der Familie mit einfachsten Hilfsmitteln sowie mangelhaftem Saatgut und Dünger. Es fehlt an Wissen, wie sie Dürren, Schädlingen oder unberechenbaren Wetterverhältnissen trotzen können. Die Verantwortung, die Familie mit bescheidenen Ernteerträgen täglich zu ernähren und auch bei Krisen über die Runden zu kommen, ist riesig – und erzeugt Ohnmacht.

Bäuerinnen sind systematisch benachteiligt
Klimawandel, politische Instabilität und latente Armut verschärfen diese Misere entscheidend. Oft sind es jedoch gesellschaftliche, patriarchalische Normen, welche die Frauen systematisch einschränken. Das schadet am Ende nicht nur ihnen, sondern der Gemeinschaft, bremst die gesamte Wirtschaft und verursacht hohe soziale Kosten.
Tatsache ist: Frauen leisten einen enormen Beitrag in den Agrarsystemen des globalen Südens. Bäuerinnen ernten acht von zehn Nahrungsmitteln auf unseren Tellern – aber von zehn Hektar Land gehören ihnen nicht einmal anderthalb. Vielerorts arbeiten in der Landwirtschaft. Wir lassen ein gewaltiges Potenzial ungenutzt: Ermöglichte man Bäuerinnen den gleichen Zugang zu Ressourcen wie Land, Weiterbildungen und Krediten müssten laut der FAO 150 Millionen Menschen weniger hungern.
Was Bäuerinnen leisten
Die Landwirtschaft ist weiblich
In Asien sind 71% aller erwerbstätigen Frauen im Agrarsektor tätig – im subsaharischen Afrika sogar 76%.
Geschlechterbarrieren
Weniger als 15% der Menschen weltweit mit Landnutzungsrechten sind Frauen.
Ungenutzes Potenzial
Hätten Frauen den gleichen Zugang zu Ressourcen wie Männer, könnten sie ihre Erträge um 20-30% steigern.
Weg von der Abhängigkeit, hin zur Selbstbestimmung
Genau hier setzt SWISSAID mit einem umfassenden agrarökologischen Ansatz mit 14 Prinzipien an. Agrarökologie eignet sich besonders gut, um Kleinbäuerinnen zu stärken. Denn:
- Agrarökologie setzt auf selbst hergestellte organische Mittel und lokales Saatgut, was für Kleinbäuerinnen günstiger als industrielles Saatgut, chemische Dünger und Pestizide ist.
- Agrarökologie rückt traditionelles Wissen über Saatgut ins Zentrum – und somit die Rolle der Frauen, da meistens sie dieses Wissen pflegen und weitergeben.
- Agrarökologie stärkt den Anbau vielfältiger, nahrhafter Lebensmittel für den Eigenbedarf und unterstützt damit eine Verantwortung, die oft bei Frauen liegt.
- Agrarökologisches Wissen wird über Netzwerke weitergegeben; diese bieten Bäuerinnen Raum, um sich in ihrer Gemeinde zu beteiligen und sich gegenseitig zu unterstützen.
In Kürze: Agrarökologie ist weit mehr als eine ökologische Anbaumethode. Sie macht Bäuerinnen unabhängiger, verleiht ihnen eine Stimme und Mitspracherechte, sichert den gleichen Zugang zu Land und Ressourcen und fordert eine gerechtere Umverteilung der Sorgearbeit auf Männer.

Geschlechterbarrieren in der Praxis
Was geradlinig klingt ist oft ein komplexer und langer Weg. Für die Frauengruppe «Bibi Fatima» aus dem indischen Bundesstaat Karnataka dauert er schon über acht Jahre. Ihre zündende Idee: längst vergessene, aber klimaresiliente, traditionelle Hirsesorten wieder anzubauen und damit ihren Familien eine gesündere, sicherere Ernährung zu ermöglichen. Daraus entwickelte sich eine Saatgutbank, die sie vom Kauf teuren, jährigen, synthetischen Saatguts befreit, sowie eine kleine Produktionsstätte, um Hirsemehl zu mahlen. Sie lernten Biodünger selbst herzustellen – und verkaufen ihn heute sogar weiter.
Der Weg dahin war jedoch voller Hürden. Einige Frauen brauchten erst die Erlaubnis ihrer Ehemänner, um das Haus verlassen zu dürfen. Andere mussten noch vor dem Morgengrauen Essen für die Familie vorkochen. War ein Kind krank, bedeutete das automatisch eine Absage für das wöchentliche Treffen. Diese Spannungen erreichten ihren Höhepunkt, als die Frauen ein eigenes Einkommen und dadurch Ansehen und Einfluss gewannen. Viele Ehemänner sahen ihre Rolle als Familienoberhaupt geschwächt. Gleichzeitig übten die konservativen Gemeinschaften Druck aus, um traditionelle Rollenbilder aufrecht zu erhalten.
Bibi Jan ist Bäuerin und Mitglied der Frauengruppe «Bibi Fatima». Die Zusammenarbeit von SWISSAID und ihrer Partnerorganisation Sahaja Samrudha und den lokalen Frauengruppen findet sie befruchtend für die Stärkung der Frauen in der Region.
«Wenn Frauen zusammenkommen, tauschen sie Wissen aus, unterstützen sich gegenseitig und stärken ihr Selbstvertrauen. Dieser Zusammenhalt hilft Frauen sich Gehör zu verschaffen, bessere Entscheidungen zu treffen und Risiken zu mindern. In vielerlei Hinsicht verwandelt es individuelle Herausforderungen in gemeinsamen Fortschritt.»
Zukunft gemeinsam gestalten
SWISSAID und ihre Partnerorganisationen stellten den Bäuerinnen einfache Hilfsmittel wie Handpflüge oder Solaranlagen bereit, um ihre Arbeit zu erleichtern, und baten Schulungen in Agrarökologie und Marketing an. Die Barrieren in der Praxis zeigen aber: Es braucht mehr als nur technische Lösungen. Geschlechterdynamiken müssen in Frage gestellt werden: Wer verfügt wirklich über Einkommen? Wer darf Entscheidungen treffen? Auf wem lastet wieviel Arbeit?
Zentral für unsere Projekte ist es daher, Frauen auch über ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rechte zu informieren. Sie beim Zugang zu Landrechten zu begleiten. Workshops anzubieten, damit sie Führungskompetenzen und Selbstvertrauen aufbauen und lokale Entscheidungen mitgestalten können. Und wir sensibilisieren Männer für Geschlechterrollen und die geteilte Verantwortung im Haushalt, denn nachhaltiger Wandel gelingt nur gemeinsam.
Wir sind überzeugt: Gleichstellung in der Landwirtschaft ist weit mehr als eine Frage der Fairness. Sie ist die Voraussetzung für eine krisenfeste Zukunft. Wenn wir Frauen den Zugang zu Wissen und Ressourcen ermöglichen, stärken wir die wichtigste Säule der weltweiten Ernährungssicherung. Die Agrarökologie bietet dafür den entscheidenden Weg. Sie macht Bäuerinnen frei und zu den Vorreiterinnen einer ökologischen und sozialen Transformation.