Im Frühjahr 2025 zerstörte ein verheerendes Erdbeben weite Teile Myanmars. Zahlreiche Häuser, Strassen und Brücken liegen infolge in Trümmern. Die rurale, schwer zugängliche Region Kachin liegt zwar nicht im Epizentrum des Erdbebens. Dennoch hat das Ereignis die Notlage vieler Menschen nochmals verschärft. Zahlreiche Familien, die seit Jahren mit Gewalt konfrontiert sind und Hunger und Armut aushalten müssen, haben nun alles verloren und müssen erneut von vorn anfangen. SWISSAID unterstützt Bäuerinnen und Bauern, sich wieder selbst zu versorgen und nachhaltige Wege aus der Prekarität zu finden.
Die Fakten
Die Ziele
Das Projekt stärkt Kleinbäuerinnen und Kleinbauern darin, sich eine eigenständige und sichere Ernährungsgrundlage aufzubauen. Durch neue Methoden der biologischen Landwirtschaft steigern sie ihre Erträge und Vorräte, erzielen zusätzliche Einkommen und können sich besser gegen die Folgen des Klimawandels wappnen. Anschubfinanzierungen ermöglichen es ihnen, eigene Ideen, um weiteres Einkommen zu generieren, umzusetzen. Angesichts der angespannten humanitären Lage erhalten zudem besonders bedürftige Familien gezielte Nothilfe.
Das Projekt wird durch den Programmbeitrag der DEZA mitfinanziert.
Die Morgensonne scheint auf die weitläufigen Reisfelder des Kachin-Staats in Myanmar. Die Luft ist noch kühl; Verkehr gibt es auf dem Land kaum zu hören. Dennoch geht es lebhaft zu und her. Kleine Gruppen von Bäuerinnen und Bauern bewirtschaften gemeinsam die Felder. Am Fluss bereitet sich eine Gruppe für einen langen Tag auf den Feldern vor. Angeleitet von einem jungen Bauer, Zau Hkang, bespricht sie, was heute auf ihrem 2,5 Hektare grossen Reisfeld zu erledigen ist.

Ein Leben in Prekarität
Die Landwirtschaft, besonders der Anbau von Reis, Sojabohnen, Tee und Erdnüssen, ist im Kachin-Staat die Haupteinnahmequelle der lokalen Bevölkerung. Die Hälfte von ihr lebt zudem von der Hühner-, Ziegen- und Schweinezucht, die ein zusätzliches Einkommen beschert. Trotzdem reicht es in manchen Dörfern nicht, die Menschen das ganze Jahr über mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Hunger prägt den Alltag über mehrere Monate hinweg.
Das hat viele Gründe. Die politische Wende im Land vor einigen Jahren brachte zahlreiche Veränderungen mit sich, die das Leben der Bevölkerung erschwerten. Die Bäuerinnen und Bauern teilen ihr Land mit vielen Binnenvertriebenen, die vor den bewaffneten Konflikten in der Umgebung geflohen sind. Arbeit gibt es nicht genug für alle; Kredite werden nur mit sehr hohen Zinssätzen vergeben. Eine schlechte Ernte reicht, um die Menschen schlagartig in noch mehr Hunger und Armut zu treiben.
Hawng San, 44, Bauer
«Die steigenden Warenpreise und Arbeitskosten sind eine enorme Herausforderung. Wir können keinen Dünger und keine Geräte mehr kaufen oder Arbeitskräfte einstellen. Es ist daher schwierig, einen grossen Ertrag und genug Einkommen zu erzielen. In Folge können wir für das Schulgeld der Kinder oder nur schon unser tägliches Essen kaum aufkommen.»
Dank Agrarökologie wieder auf eigenen Beinen stehen
Während Zau Hkang und seine Gruppe ihr Reisfeld bewirtschaften, nehmen andere an einer Veranstaltung im Dorf teil. SWISSAID bietet gemeinsam mit einer lokalen Organisation regelmässig Schulungen zu verschiedenen agrarökologischen Methoden an. Die Agrarökologie strebt eine ökologisch und sozial verträglichere Landwirtschaft an. Infolge erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem, wie sie ohne chemische Dünger oder Pestizide hohe Erträge erzielen und ihr eigenes, diverses Saatgut produzieren und anbauen können. Das erworbene Wissen setzen viele sogleich auf ihren Feldern und in ihren Gärten um.
Die Bäuerin Naw Lum Yang erzählt: «Nach dem Kurs habe ich sofort Pläne für meine eigene Saatgutproduktion geschmiedet. Zu Hause habe ich ein Stück Land für Versuche abgesteckt, den Boden und die Samen vorbereitet und die Beete bepflanzt. Die Reispflanzen wuchsen in der Tat besser mit den neuen Methoden und dem Naturdünger. Es gibt aber auch Raum für Verbesserungen. Die packe ich im nächsten Jahr mit den Projektleiterinnen und -leitern an.»
Mit agrarökologischen Praktiken liefert ein 2.5 Hektar grosses Feld 400 Körbe Reis pro Jahr und versorgt über 20 Personen mit Nahrung und zusätzlichem Einkommen. Zudem können die Bäuerinnen und Bauern nach getaner Arbeit diverse Gemüsesorten aus ihren Gärten ernten. Das bringt Abwechslung in den Speiseplan und beugt Mangelernährung vor.
Doch die agrarökologischen Praktiken liefern nicht nur verlässlichere Erträge: Sie sind auch günstiger, umweltfreundlicher und machen die Menschen unabhängig von ausländischem Saatgut, das in Myanmar kaum mehr lieferbar ist.

Eigenständig Träume realisieren
Ihre neuen Kenntnisse geben die Menschen prompt in der Gemeinschaft weiter. Zau Hkang und Hawng San führen nun selbst Schulungen in der Herstellung von natürlichem Dünger durch. Zudem leiten die beiden jeweils eine Gruppe von Bäuerinnen und Bauern, die sich auf eigene Initiative zusammenschlossen, um sich Land, Arbeit und Ernte zu teilen. Diese Selbstorganisation ist entscheidend, damit es den Dorfgemeinschaften Schritt für Schritt gelingt, sich auch längerfristig selbst zu versorgen.
Einige Gruppen entwickelten auch Ideen, um ihr Einkommen zu verbessern. SWISSAID förderte daher den Aufbau eines Fonds, der finanzielle Unterstützung bietet, um ein Kleingewerbe zu starten. Eine Gruppe verkauft inzwischen ihren eigens hergestellten Naturdünger an Kursleiter, die sie in weiteren Schulungen in der Region verwenden.
Hawng San zieht ein positives Fazit: «Die Kurse haben uns nicht nur dabei unterstützt, unmittelbare Herausforderungen zu meistern, sondern uns auch Fähigkeiten mitgegeben, um uns besser für die Zukunft zu wappnen.»

Gemeinsam Krisenzeiten meistern
Jüngst im März 2025 zerstörte ein Erdbeben – das stärkste im Land in mehr als 100 Jahren – die Infrastruktur in weiten Teilen Myanmars, den Kachin-Staat eingeschlossen. Viele Häuser, Strassen und Brücken liegen in Trümmern. Unzählige Menschen verloren auf einem Schlag ihren ganzen Besitz. Das ist eine enorme zusätzliche Belastung für eine Bevölkerung, die seit Jahren unter den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Land und deren Folgen leiden.
Seit dem Erdbeben stellt SWISSAID daher für die Bedürftigsten in der Region Nothilfe bereit. Die verteilten Güter beinhalten Trinkwasser, Grundnahrungsmittel und Kochutensilien, Hygieneartikel und Bargeldzuschüsse.
Der Wiederaufbau braucht viel Zeit und Ressourcen – besonders in den schwer zugänglichen Gebieten, wo viele der Kleinbauernfamilien leben. Doch er ist möglich: Das Wissen, das sie sich angeeignet haben, kann nichts und niemand ihnen nehmen. Der Zusammenhalt, den sie gemeinsam aufgebaut haben, sowie die Fähigkeit, sich unter widrigen Umständen zu organisieren, kommt ihnen zugute – und befähigt sie, ihr Schicksal wieder in die eigene Hand zu nehmen.
Ihre Spende verändert Leben
Naw Lum Yang, Bäuerin
«Immer, wenn ich von einer Schulung nach Hause kam, habe ich meine neuen Erfahrungen mit meiner Familie, Nachbarinnen und Nachbarn geteilt. In der Zukunft möchte ich ermöglichen, dass meine und andere Gemeinschaften weiterhin Zugang zu Wissen über alternative, nachhaltige landwirtschaftliche Methoden haben.»
Fotos im Header und im Text: Hkun Ring / Fairpicture, Fotos bei den Zitaten: SWISSAID