Ackern in einer Männerwelt

Eine Bäuerinnengeschichte aus dem Tschad

Frauen ernähren die Welt – trotzdem haben sie oftmals kaum Rechte. Deshalb setzt sich SWISSAID seit Jahrzehnten dafür ein, Frauen zu stärken. Louise Ndodjita ist eine davon. Die Bäuerin behauptet sich erfolgreich in der tschadischen Männerwelt, auch dank eines Alphabetisierungskurses.

Die Fakten

Land, Region:
Guera, Logone Oriental, Mandoul
Dauer:
Januar 2020 - Dezember 2025
Begünstigte:
21'200 Direktbegünstigte (Frauen)
Gesamtprojektbudget:
605'880 CHF

Die Ziele

In diesem Projekt setzt sich SWISSAID aktiv für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung im tschadischen Süden im Allgemeinen und der Frauen im Besonderen ein. Die Armutsquote in den Projektregionen liegt bei über 60%. Das Projekt unterstützt Massnahmen, die zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion sowie der Einkommen der Kleinbauernfamilien beitragen. Frauen werden gefördert durch Alphabetisierungskurse und durch Aufklärung über ihre Rechte, sodass sie unabhängiger und selbstsicherer werden und aktiv in der Gemeinde mitwirken.

Louise Ndodjita schläft nicht viel. Um vier Uhr morgens beginnt ihr Tag. Um elf Uhr abends endet er. Dazwischen: Viel Arbeit und noch mehr Verantwortung. Die Bäuerin hat fünf Töchter, vier Enkelkinder und fünf weitere Personen, die sie finanziell unterstützt. Wird sie krank, zieht das einen Rattenschwanz an Problemen nach sich. Von sozialer Absicherung kann sie nur träumen. Krank werden ist keine Option. Doch die 53-Jährige hat Glück: Im Gegensatz zu den meisten anderen tschadischen Frauen besitzt sie Land – rund eine Hektare bewirtschaftet sie grösstenteils aus eigener Kraft. Ihre Brüder haben das Erbe freigegeben, sie selbst arbeiten als Lehrer und leben in der Stadt.

Tschad: Eine Männerwelt

Ja, Louise Ndodjita hat Glück. Und dieses Glück hat sie sich hart erarbeitet. Tag für Tag. Darauf ist sie sichtlich stolz. Wenn sie spricht, wählt sie die Worte mit Bedacht, der Blick ist warm und direkt, die Gestik lebendig. Weltweit sind Bäuerinnen für rund 70 Prozent der Welternährung verantwortlich. 90 Prozent aller konsumierten Lebensmittel werden von Frauen produziert. Im Tschad haben sie trotzdem kaum Mitspracherecht. Es ist eine Männerwelt, hier noch mehr als anderswo. Die Bäuerinnen schuften, aber weil sie meistens – im Gegensatz zu den Männern – weder lesen noch schreiben können, werden sie nicht ernst genommen. Über 80 Prozent der tschadischen Frauen sind Analphabetinnen. Frauen werden zudem viel häufiger Opfer von Gewalt, darunter auch Genitalverstümmelung. Und sie haben kaum oder nur eingeschränkt Zugang zu Ressourcen wie Land oder Saatgut, zu Geld und Bildung.  

Seit Jahren macht sich SWISSAID für die Bäuerinnen im Tschad und für eine nachhaltige Landwirtschaft stark. Gemeinsam mit den Gemeinden und Frauenorganisationen vor Ort werden Alphabetisierungskurse für Frauen angeboten. Über 7000 haben bereits teilgenommen – auch Louise Ndodjita war dabei.

Ausruhen kann sie nicht oft: Louise Ndodjita bestellt ihre Felder praktisch alleine. Doch sie hat Glück – das Land gehört ihr.

In ein- und mehrtätigen Veranstaltungen wird die Bevölkerung dafür sensibilisiert, wie wichtig es ist, auch Mädchen in die Schule zu schicken und Frauen den Besitz von Land zu ermöglichen. Bäuerinnengruppen werden besonders unterstützt: Sie erhalten Kühe und Rinder geschenkt, die ihnen die Arbeit auf dem Feld erleichtern und die Produktivität steigern.

Eigenes Geld…

Endlich ist die Ernte gross genug, um einen Teil davon auf dem Markt zu verkaufen. Viele Frauen verfügen dank dieser Massnahmen zum ersten Mal in ihrem Leben über eigenes Geld. Louise Ndodjita ist Mitglied von zwei Frauenorganisationen in ihrem Dorf. Auf ihren Feldern pflanzt sie Sheanüsse, die sie aufbereitet und verkauft. Was sie bedauert: «Den Bäuerinnen im Tschad wird bei der Entscheidungsfindung noch immer keine grosse Beachtung geschenkt. Selbst wenn sie sich engagieren, wird ihr Standpunkt von den männlichen Kollegen kaum ernst genommen.»

 

Familienbande: Louise Ndodjita mit ihren Enkeln, für die sie sorgt. Auch ihre fünf Töchter und fünf weitere Personen sind auf die finanzielle Unterstützung der 53-Jährigen angewiesen.

Es sei absolut notwendig, dass Frauen Mitspracherecht in den bäuerlichen Organisationen und innerhalb der Landwirtschaftsbetriebe bekämen. Die Geschlechterrollen sind immer noch starr: Wenn Louise Ndodjita nach einem anstrengenden Tag auf dem Feld nach Hause kommt, übernimmt sie die Rolle der Hausfrau. Sie kocht das Abendessen, brüht Tee auf, wärmt für ihren Mann das Badewasser. «Wenn mein Mann mich um etwas bittet, zum Beispiel um Wasser, muss ich alles liegenlassen und es ihm bringen», sagt sie.

…eigenes Glück

Sie selbst schläft manchmal auf den Feldern, zwischen zwei Erdhügeln. Ihren Töchtern will die Bäuerin eine bessere Perspektive ermöglichen. Zwei von ihnen machen in der Hauptstadt Ndjamena eine Ausbildung im Gesundheitswesen.    

Louise Ndodjita arbeitet weiter auf ihren Feldern. Tag für Tag. Mit wenig Schlaf, aber viel Zuversicht. Ja, sie hat Glück. 

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