Der Krieg ist zweifach tragisch: Einerseits für die Millionen Zivilisten in der Ukraine, andererseits indirekt für grosse Teile der Weltbevölkerung. Der Schock kam 2022: Russland und die Ukraine, die 30% der weltweiten Weizenexporte ausmachen, sahen ihre Lieferketten zusammenbrechen.
Systematische Wirkungen
- Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds machen Importe etwa 85% der Lebensmittelversorgung in Subsahara-Afrika aus – ein Drittel davon aus Russland oder der Ukraine.
- Die 45 ärmsten Länder der Welt beziehen mindestens ein Drittel ihres Weizens aus diesen beiden Ländern.
- Auf dem Höhepunkt der Krise stieg der Weltmarktpreis für Weizen um 60%.
Im Jahr 2019 waren135 Millionen Menschen von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Anfangs 2022 waren es bereits 298 Millionen. – Gian Carlo Cirri, stellvertretender Leiter des Genfer Büros des Welternährungsprogramms an der SWISSAID Konferenz 2022
Die Prognosen bleiben alarmierend: Das Welternährungsprogramm (WFP) schätzt, dass im Jahr 2026 318 Millionen Menschen von einer akuten Nahrungsmittelkrise betroffen sein könnten, was mehr als doppelt so viel ist wie im Jahr 2019.
Realitäten vor Ort: Preiserhöhungen im Globalen Süden
Für die Partner von SWISSAID ist die Ukraine-Krise eine tägliche Herausforderung. Im Niger stieg die Lebensmittelpreise massiv (Öl ist nun 67% teurer), im Tschad herrscht grosser Druck auf die Brot- und Mehlpreise und in Tansania und Guinea-Bissau haben die Ölpreise einen regelrechten Dominoeffekt ausgelöst. Das Fazit ist überall gleich: Die gestiegenen Transport- und Logistikkosten verteuern automatisch den Zugang zu Nahrungsmitteln und lebenswichtigen Hygieneartikeln.
Agroökologie: Ein Schutzwall gegen globale Instabilität
Die globale Krise macht eines deutlich: Die Abhängigkeit von internationalen Märkten führt zu einer gefährlichen Verwundbarkeit. Die Lösung liegt in der Ernährungssouveränität.
Mit agrarökologischen Methoden lässt sich diese Abhängigkeit überwinden. Denn Agrarökologie schafft
- Autonomie: Aufgrund kurzer Vertriebswege sind Bäuerinnen und Bauern nicht mehr auf Düngemittel oder Saatgut multinationaler Konzerne angewiesen.
- Resilienz: Agrarökologische Betriebe können daher auch trotz Isolation produktiv bleiben.
- Anpassung: Der Wiederanbau lokaler Getreidesorten und schnell wachsender Saatgutsorten ermöglicht eine bessere Widerstandsfähigkeit gegenüber klimatischen und geopolitischen Schocks.
Wir haben uns beim «Gipfel zu Ernährungssystemen» dafür eingesetzt, die Agrarökologie ganz oben auf die Agenda zu setzen. Dieser Paradigmenwechsel wird es ermöglichen, den Hunger nachhaltig zu besiegen. – Sonja Tschirren, Themenverantwortliche Klimawandel bei SWISSAID.
Unser Ansatz: Von der Nothilfe zur Nachhaltigkeit
Für SWISSAID ist klar: Wir können nur den Kampf gegen den Hunger gewinnen, wenn wir sowohl die Symptome als auch die Ursachen angehen. Treten in einem Land Krisen – klimatischer oder politischer Natur – auf, halten wir es für unerlässlich zunächst Nothilfe zu leisten. Die Verteilung von Lebensmittelpaketen, lokalem Saatgut oder die unmittelbare finanzielle Unterstützung von Familien in Not ist entscheidend, um gefährdete Menschen aus der Krise zu führen.
Parallel dazu stärken unsere Projekte die Widerstandsfähigkeit der Bauernfamilien langfristig: Dafür bieten wir Schulungen zu agrarökologischen Techniken an, richten gemeinsame lokale Saatgutbanken ein und greifen auf traditionelle Pflanzenkulturen zurück. Damit können sich die Familien auch in den kritischsten Zeiten ernähren.
Der Krieg in der Ukraine zeigt: Eine unabhängige und lokale Versorgung ist die einzige Lösung für ein krisenfestes Ernährungssystem.