Angefangen hat alles mit der «Bibi Fatima Self-Help Group». 2018 schlossen sich fünfzehn Frauen aus dem Dorf Teertha in Südindien zusammen. Sie hatten eine gemeinsame Vision: Die Lebensgrundlage von Bauernfamilien durch Agrarökologie zu verbessern. Die Gründerinnen erkannten das Potenzial von Hirse und setzten sich dafür ein, den Anbau dieses traditionellen Getreides wiederzubeleben. Hirse war nämlich nach und nach durch kommerzielle Monokulturen Mais und Soja ersetzt worden. Diese sind zwar rentabler, laugen aber die Böden stark aus.
Durch die Wiederbelebung des Hirseanbaus tragen diese Frauen zur Diversifizierung der Ernährung und zu einer besseren Ernährungsgesundheit bei. Anitha Reddy, die für die lokale, am Projekt beteiligte Organisation Sahaja Samrudha arbeitet, erklärt: «Nach der Maisernte machen die Bäuerinnen und Bauern eine Brandrodung auf dem Feld, indem sie die verbleibende trockene Vegetation abbrennen, was die Umwelt stark belastet. Der vermehrte Anbau von Hirse und Hülsenfrüchten bietet aber eine Möglichkeit, Brandrodungen zu reduzieren und die Böden zu schützen.» Hirse ist zudem ein sehr nahrhaftes Getreide, das an die lokalen klimatischen Bedingungen angepasst ist und wenig Wasser benötigt.
Mit Rezepten die Bevölkerung begeistern
Dank der Zusammenarbeit mit SWISSAID und lokalen Organisationen hat die Frauengruppe rund 30 Dörfer für den Anbau von Hirse sensibilisiert. Die Umstellung war nicht einfach: «Es war eine Herausforderung, die Bäuerinnen und Bauern davon zu überzeugen, auf traditionelles Saatgut umzusteigen und den Maisanbau zu reduzieren», erzählt Anitha Reddy. Um dies zu erreichen, mussten sie die Vorteile von Hirse für eine gesunde Ernährung anhand von einfachen und nahrhaften Rezepten aufzeigen. «Wir haben für Brei oder Fladenbrot aus diesem Getreide geworben», fährt sie fort. Diese Rezepte, die innerhalb der Gemeinschaft weitergegeben wurden, gewannen nach und nach an Popularität und führten zu einem Anstieg des Hirseverbrauchs.
Die Bäuerinnen und Bauern lernten auch agrarökologische Methoden kennen, wie zum Beispiel den Einsatz biologischen Düngers. Das Projekt umfasst ebenso die Einrichtung von Saatgutbanken für die Gemeinde, in denen mehr als 250 einheimische Sorten von Hirse, Hülsenfrüchten, Gemüse und Ölpflanzen aufbewahrt werden. Dank der Saatgutbanken kann Saatgut kostenlos an die Bäuerinnen abgegeben werden. Im Folgejahr geben die Bäuerinnen wieder einen Teil ihre Ernte als Saatgut zurück, um die Saatgutreserven der Bank aufrecht zu erhalten. Dies verbessert die Ernährungssicherheit der Bauernfamilien, zugleich wird traditionelles Wissen weitergegeben und die lokalen Ökosysteme bleiben erhalten.

Von Frauen für Frauen
In Indien sehen sich Frauen mit zahlreichen soziokulturellen Hindernissen konfrontiert. Eines davon ist die Tradition namens «Parda» («Schleier»), die ihre Interaktionen mit Männern und ihre Bewegungsfreiheit ausserhalb des Hauses einschränkt. Das Projekt zielt daher auch darauf ab, Frauen stärker in das öffentliche Leben einzubeziehen und ihnen mehr Autonomie zu verschaffen, wie Anitha betont. «Diese wichtige Initiative der Frauen hat ihre Position gestärkt und Frauen im landwirtschaftlichen Unternehmertum gefördert.»
Der «Equator Prize» zeichnet Projekte lokaler Gemeinschaften aus, die darauf abzielen, durch den Erhalt der Biodiversität die Armut zu verringern. Jeder Preisträger erhält 10’000 Dollar und hat die Möglichkeit, an globalen Veranstaltungen wie der Weltklimakonferenz COP30 in Belém, Brasilien, teilzunehmen. Die Initiative der Bibi-Fatima-Gruppe ist Teil des CROPS4HD-Projekts von SWISSAID, das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) mitfinanziert wird.