In El Bagre in Kolumbien zerstören Abholzung und illegaler Bergbau die Wälder – und rauben der Bevölkerung die Basis, um sich selbst zu ernähren und ein eigenes Einkommen aufzubauen. In einem SWISSAID-Projekt, das den Vanilleanbau fördert, können Bäuerinnen nachhaltig wirtschaften, ihre Umwelt bewahren und sich ein verlässliches Einkommen sichern.
Die Fakten
Die Ziele
Das Projekt unterstützt Gemeinden dabei, ihre Ressourcen nachhaltiger zu bewirtschaften, umweltschonende Jobmöglichkeiten zu schaffen, und die Rechte und Partizipation der Frauen und Jugendlichen in der Gemeinschaft zu stärken. Unter anderem sind folgende Massnahmen vorgesehen:
- Der Schutz von 240 Hektar Wald für den Anbau von Vanille und agrarökologischen Gärten
- Ein agrarökologisches Ausbildungsprogramm und fachliche Begleitung für Frauen, sowie Workshops, um ihre Teilhabe an Entscheidungsprozessen in der Gemeinde zu stärken
- Kurse für Jugendliche zur Produktion von traditionellem Saatgut, sowie zur Entwicklung von Führungskompetenzen und der Vermarktung ihrer Setzlinge
Das Projekt wird finanziell unterstützt von der DEZA.
Adi Mercado ist früh unterwegs. Trittsicher läuft sie durch den Wald von El Bagre in Kolumbiens San-Lucas-Gebirge. Warmes Licht fällt durch die Blätter und scheint auf lianenartige Pflanzen, die sich um die Bäume ranken. Die Bäuerin ist gekommen, um ein Auge auf deren Wachstum zu werfen. Es handelt sich dabei um Vanillepflanzen. Noch sie sind zu jung, um Früchte zu tragen. Lokal gelten sie jedoch bereits als Hoffnungsträger für eine süssere, nachhaltigere Zukunft.

Ein Ökosystem unter Druck
Der Wald, wo Adi Mercado und andere Bäuerinnen Vanille anbauen, ist dicht und grün. Das ist aber nicht überall im San-Lucas-Gebirge der Fall. Folgenreiche Umweltprobleme machen der Region immer mehr zu schaffen. Eigentlich bekannt als Hotspot für Biodiversität, ist die Gegend zunehmend von Entwaldung und illegalem Bergbau geprägt.
Der Grossteil der Bevölkerung lebt von der Arbeit in den Goldminen. Doch ewig kann es nicht weitergehen: Schon jetzt hinterlässt sie in der Landschaft Spuren wie vergiftete Wasserquellen und unfruchtbare Böden. Viele Familien bauen aber auf dem Land Gemüse und Obst für ihren Eigenbedarf an. Seit das Ökosystem degradiert, leiden immer mehr an Hunger. 47% der Haushalte kämpfen mit dem Hunger.
Wälder wiederaufforsten, Ernährung sichern
In El Bagre zeigt sich: Nur wenn es der Natur gut geht, geht es auch den Menschen gut. Doch wie können sie wirtschaftliche Bedürfnisse besser mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit vereinen? Gemeinsam mit SWISSAID und der lokalen Organisation «Tropico Diverso» hat die Bevölkerung begonnen, auf einer Fläche von 240 Hektaren gefährdete Waldzonen zu erhalten und zerstörte Gebiete wieder aufzuforsten.
«Wenn wir die Natur schützen, schützen wir auch unsere Wasser- und Nahrungsquellen.» – Adi Mercado
Teile der neuen, jungen Waldflächen sind nun für agrarökologische Parzellen reserviert, wo die Familien Gemüse und Obst anbauen dürfen. In Kursen lernen sie mehr über agrarökologische, nachhaltige Anbaumethoden, wie sie traditionelles Saatgut vermehren und organischen Dünger selbst herstellen können. Die Bäuerin Nazli Mesa hat seither in ihrem Garten schon erfolgreich Bohnen, Chilischoten, Koriander und Oregano angebaut. «Wir können uns gesünder ernähren und sind finanziell besser aufgestellt», meint sie zufrieden.
Einkommen ohne Entwaldung: Vanilleanbau im Wald
Eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung braucht aber mehr als Gemüsegärten. Hier kommt die Vanille ins Spiel: Die Orchideenart braucht nur bestehende Bäume als Stütze zum Wachsen und fügt dem Wald keine Schäden zu. Dieser Ansatz, bei dem einheimische Kulturpflanzen in die Waldflächen integriert werden, nennt sich Agroforstwirtschaft. Richtig umgesetzt wirkt sie der Entwaldung entgegen, trägt zur Regeneration ausgelaugter Böden bei und schafft Nahrungs- und Einkommensquellen.
Der Anbau von Vanille ist besonders vielversprechend: Als eines der teuersten Gewürze der Welt kann sie je nach Marktlage bis zu mehreren hundert Franken pro Kilogramm einbringen. Noch dominiert madagassische Vanille den Weltmarkt. Doch die Nachfrage nach neuen Quellen steigt. Auch wenn erste Schoten sich erst nach drei bis vier Jahren zeigen, können die Menschen von El Bagre sich glücklich schätzen: Mit zwei einheimischen Vanillesorten sind sie gut für die Zukunft gerüstet.
Und bis dahin? Die Bäuerinnen und Bauern produzieren gemeinsam auch Waldhonig und bauen Agroforstprodukte wie Kakao und Früchte an. Sie sind bedacht, Kulturen auszuwählen, die zur Biodiversität beitragen, den Wald schonen und neue wirtschaftliche Perspektiven bieten.
Der Vanilleanbau weckt Zukunftsträume in Nazli Mesa. «Später möchte ich einen kleinen Markt, auf dem ich Gemüse und Getränke mit Vanillegeschmack verkaufen kann.»
Von Gleichstellung und Solidarität
Die neuen Arbeitsmöglichkeiten alternativ zum Bergbau verändern auch das Zusammenleben in der Gemeinde. Weiterbildungen und Begegnungsräumen sollen den lokalen Zusammenhalt stärken. Junge Erwachsene sind nun wirtschaftlich besser integriert: Sie betreiben Baumschulen, verkaufen ihre Setzlinge und lernen passende Werbematerialien zu erstellen.
Die grösste Veränderung findet aber unter den Geschlechtern statt. Obwohl Frauen zahlreiche Arbeiten für ihre Gemeinschaft tätigen, dürfen sie nicht an Entscheidungen in der Forst- und Gemeindeverwaltung teilnehmen. Das soll sich nun ändern: In Workshops erfahren sie mehr über ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rechte; ihre Männer hingegen darüber, wie sie familiäre Mitverantwortung übernehmen können.
Eine Zukunft für alle
Adi Mercados Inspektion ihrer Vanillepflanzen ist mittlerweile beendet. Mit einem zufriedenen Lächeln lässt sie einen letzten Blick über das üppige Grün schweifen. Die Frauengruppe, der sie angehört, besitzt 30 Vanillepflanzen. Viele zweifelten ihr Unterfangen erst an. «Aber wenn wir so etwas hören, spornen wir uns gegenseitig an, und sagen, dass wir es doch schaffen werden. Wir dürfen uns nicht beeinflussen lassen», sagt sie.
Die Entschlossenheit ihrer Gemeinschaft ist inspirierend. In El Bagre wird sichtbar, was möglich ist, wenn Mensch und Natur zusammengedacht werden: Das Land erholt sich und wächst von Neuem – und mit ihm die Solidarität, Tatkraft und Zukunftsaussichten der Menschen.
«Die Vanille hat mich gelehrt, so widerstandsfähig und stark zu sein wie sie. Wie ich gern sage: Zu wollen heisst auch zu können. Wenn ich als Frau etwas will, kann ich das erreichen, auch wenn es zunächst für uns Frauen unmöglich scheint.» – Adi Mercado