Klimakrise

Resilienz rettet Leben

Nicaragua ist eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder weltweit. Den Klimagefahren schutzlos ausgeliefert sind Bauernfamilien, deren Ernte entweder während Dürren vertrocknet oder in sintflutartigem Regen ertrinkt. Unter diesen Bedingungen kann mehr Widerstandsfähigkeit dank Agroökologie den Unterschied zwischen Untergang und Überleben bedeuten.

Die Fakten

Land, Region:
Nicaragua, Matagalpa
Dauer:
August 2019 – Juli 2024
Begünstigte:
Direkt: 2950 Bauernfamilien, also 5432 Personen. Indirekt: 12’680 Personen
Gesamtprojektbudget:
603'019 CHF

Die Ziele

Das Projekt stärkt die Widerstandsfähigkeit einer der trockensten Regionen Nicaraguas gegen die Auswirkungen des Klimawandels. Dank der Einführung in agroökologische Praktiken und dem Aufbau eines nachhaltigen Klimainformationssystems, sind die Bauern von sechs Gemeinden in Matagalpa besser gewappnet für klimatische Veränderungen. Ziel ist ausserdem ein optimierter Zugang und Umgang mit den lokalen Wasserressourcen.

Ein Besucher, der das letzte Mal vor sieben Jahren zu Gast bei der Familie Garcia Valle war, würde heute beim Anblick ihrer Felder auf dem Absatz kehrt machen – überzeugt sich in der Adresse getäuscht zu haben. Verübeln könnte ihm dies niemand, denn die Farm von Rosamelia Valle Riviera im Gemeindebezirk San Ramón ist kaum wiederzuerkennen: Wo auf einer Fläche von 0,7 Hektar im 2012 einzig Bohnen und Mais wuchsen, spriesst heute eine überbordende Vielfalt an Pflanzen und blühenden Obstbäumen aus dem fruchtbaren Boden.

 

Land der Dürre, Land der Überschwemmungen

Seit einigen Jahren wird Nicaragua abwechselnd von Trockenperioden und übermässigen Regenfällen heimgesucht. Die katastrophalen Auswirkungen von Wetterextremen gehören im mittelamerikanischen Land mittlerweile zu der Tagesordnung. Tragische Berühmtheit erlangte zum Beispiel Hurrikan Mitchel oder die verheerende Dürre, die auf El Nino im Jahr 2019 folgte. Die globale Erwärmung ist hier schon seit Jahren zu spüren. Die Folgen treffen vor allem die Landwirtschaft hart.

Gegen die Launen des Wetters können die Bauern wenig ausrichten. Aber wenn sie ihren Boden stärken, können sie den Veränderungen besser die Stirn bieten und so ihre Überlebenschancen steigern. Eine nach dem Hurrikan Mitch durchgeführte Studie zeigt, dass agroökologische Betriebe weniger Schäden erlitten und sich schneller davon erholten als konventionelle Betriebe. In sechs Provinzen der Bergregion Matagalpa unterstützt SWISSAID deshalb die Bewohnerinnen und Bewohner bei der Entwicklung agroökologischer Praktiken.  

Das agroökologische Wissen, das durch das Projekt vermittelt wird, basiert auf drei Säulen: agroökologische Techniken, Wassermanagement und Klimainformationen. Damit sind die Bauern besser gewappnet gegen klimatische Veränderungen.

Das agroökologische Wissen basiert auf drei Pfeilern. Die erste Komponente sind agroökologische Techniken wie nachhaltiges Bodenmanagement, lokales Saatgut, Diversifizierung und Mischkultur. Der zweite Pfeiler betrifft das Wassermanagement auf lokaler (Sammlung und Bewässerung) sowie auf regionaler Ebene (Plattform für die Verwaltung der gemeinsamen Wasserressourcen). Die letzte Säule konzentriert sich auf das Klimainformationssystem, damit die Bauern klimatische Veränderungen voraussehen und sich besser dagegen wappnen können.

Lokaler Einsatz für langfristigen Wandel

Manuel, 70 Jahre alt, wurde auf demselben Bauernhof geboren, den er noch heute betreibt. Auch er konnte dank Agroökologie miterleben, wie sich seine Felder verändert haben. «Früher habe ich nur Mais, Bohnen und ein wenig Kaffee angebaut und meine Felder nach der Ernte abgebrannt. Ich habe mein eigenes Land verbrannt », erzählt er. Heute bedeckt er seine Felder mit Stroh und gräbt Terrassen zur Bodenerhaltung aus. Um die Produktivität zu erhöhen, pflanzt er seine Setzlinge in vorgegebenen Abständen und produziert natürlichen Dünger. «Ich habe 57 Sorten auf meinen 1,75 ha Land. Vorher wuchs hier keine Jocote, aber jetzt macht die Frucht ein Drittel meines Einkommens aus! Bei mir wachsen auch einige seltene Früchte, die vom Aussterben bedroht sind. Sie zu pflanzen hilft, diese Früchte zu retten.» Manuel gehört zu den «lokalen Promotoren», die im Zentrum des SWISSAID-Projekts stehen. Er erprobt neue Techniken auf seinen Feldern und gibt sein Wissen an andere Gemeindemitglieder weiter. Diese lokal verankerte Verantwortung stellt langfristige Nachhaltigkeit sicher, auch nach dem Abschluss des Projekts.

Auf den «Finca Faro» Bauernhöfen erproben die Promotoren neue Techniken und geben ihr Wissen an andere Bauern weiter. So wird langfristige Nachhaltigkeit gewährleistet.

Für die Familie Garcia Valle, die ebenfalls zu den lokalen Promotoren gehört, begann alles mit ihrem Sohn Benigno. 2012 absolvierte er eine Ausbildung für Jugendliche zu agroökologischem Anbau. Er lernte, wie man Plantagen diversifiziert, Setzlinge kultiviert, Felder bewässert und Biopestizide herstellt. Mit seinem Enthusiasmus steckte er bald die ganze Familie an und begeisterte sie für den Umstieg auf agroökologischen Anbau. Doch nicht nur die Art, wie seine Familie Landwirtschaft betrieb, änderte sich: Der Wechsel hatte Auswirkungen auf ihre gesamte Lebensweise. Mit Blick auf ihre Finca meint Rosamelia Valle Riviera: «Wenn du deine Denkweise änderst, ändert sich auch dein Hof»

Der Austausch muss weitergehen

Zusätzlich zur Förderung bewährter agroökologischer Praktiken organisieren lokale Projektpartner wie Bauernverbände Sensibilisierungskampagnen. In Form von Flugblättern, Broschüren, Workshops oder Radiosendungen werden die ansässigen Bauern auf das Thema aufmerksam gemacht. In den Gemeinden finden regelmäßig «Umwelttage» statt, an denen die Einwohner über Fragen des Klimawandels diskutieren. Verschiedenste Aktionen werden durchgeführt, so zum Beispiel die Wiederaufforstung von Parzellen oder die Organisation von Säuberungstagen, um Abfälle einzusammeln. Sogar Schulen helfen bei der Mobilisation mit und schärfen das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für die Thematik.

Ob durch aktive Sensibilisierung oder durch Erfahrung: Agrarökologie wird immer populärer, auch in den ärmsten Gebieten. Manuel ist überzeugt: «Ökologisch betrachtet, kann man den Unterschied in der Tierwelt und in der Landschaft klar erkennen. Aus kultureller Sicht trage ich zum Schutz und Erhalt einheimischer Pflanzen bei. Auf der sozialen Ebene ist das Familienleben harmonischer geworden und wir pflegen heute enge Beziehungen zu den anderen Landwirten. Und das Wichtigste: Ich leiste meinen Beitrag für eine bessere Welt!»