Seit Ende Februar 2026 hat die Schliessung der Strasse von Hormus den Welthandel destabilisiert. Insbesondere die schwankenden Rohstoffpreise sind global spürbar – auch in unseren Projektländern.
Myanmar, Tansania, Tschad, Indien: Öl- und Gasknappheit prägen den Alltag
In Myanmar haben sich die Treibstoffpreise laut offiziellen Angaben der Regierung im Vergleich zu der Zeit vor dem Krieg im Iran verdoppelt. In Norden des Landes, wie zum Beispiel im Bundesstaat Kachin, wo sich das SWISSAID Myanmar Koordinationsbüro befindet, sind die Preise jedoch noch höher. Die Menschen bezahlen bis zu 300% mehr für Benzin und Gas als im südlichen Rangun. Die Preiserhöhungen betreffen nicht nur Treibstoffe: Auch Alltagsprodukte und Lebensmittel sind betroffen und damit schwerer zugänglich.
«Momentan steigen in Tansania die Lebenskosten aufgrund der steigenden Inflation und den jüngsten Preisanpassungen für Treibstoffe weiter an», berichtet Betty Malaki, die Landesverantwortliche für SWISSAID Tansania. Im April sind die Benzinpreise bereits um 33,4% gestiegen – ein Trend, der sich im Mai fortsetzt. An den Marktständen zahlen die Menschen für Mais, Bohnen und Reis heute 50% mehr. Der Kilopreis für Rindfleisch ist seit Beginn der Krise von 9’000 auf 12’000 tansanische Schilling gestiegen, der für ein Ei von 300 auf 400 Schilling.
Auch im Tschad sind ähnliche Trends zu beobachten. Bereits im April haben sich die Preise für einen Liter Treibstoff und Motoröl in den Provinzen verdoppelt. Lebensmittel werden immer weniger erschwinglich: Mittlerweile kostet ein Kilo Fleisch doppelt so viel wie zuvor, und ein Liter Öl sowie eine Packung Zucker sind 50% teurer, meldet SWISSAID Tschad.
In Indien hingegen machen vor allem der Mangel an Gas zum Kochen den Haushalten, Restaurants und Strassenverkäufern zu schaffen; kleinere Betriebe haben bereits vorübergehend ihre Arbeit reduziert oder sogar eingestellt.
In den ländlichen Gebieten, wo SWISSAID im Einsatz ist, machen sich die Lieferengpässe und Preiserhöhungen besonders bemerkbar. Aufgrund der höheren Benzinpreise haben einige Transportbetriebe ihre Fahrten pausiert – oder die Preise erhöht. In der Gegend um Kalkutta sind die Tickets um 67% teurer geworden, meldet SWISSAID Indien. Viele lokale Bäuerinnen und Bauern können sich den Weg zu den Märkten nicht mehr so oft leisten und müssen mit signifikanten Einkommensbussen rechnen.
Importierte Düngemittel: Eine Abhängigkeit mit schweren Folgen
Doch hinter der Öl- und Gaskrise zeichnet sich momentan eine weitere, weniger auffällige, dafür umso schwerwiegendere Krise: die Düngerkrise.
Innerhalb weniger Wochen wurden Lieferungen unterbrochen, was den Anbau in vielen Regionen der Welt durcheinanderbringt. Der Lieferunterbruch kommt zum ungünstigsten Zeitpunkt im Agrarjahr: Nämlich zur Aussaat.
Dieser Umstand trifft auch den Globalen Süden hart. In vielen Ländern, wo SWISSAID tätig ist, sind Bäuerinnen und Bauern stark von ausländischen Düngemitteln abhängig. Schnellen die Preise plötzlich in die Höhe oder bleiben Lieferungen aus, sind sie gezwungen, die eingesetzten Mengen zu reduzieren, auf andere Kulturen umzusteigen oder sogar auf die Aussaat für bestimmte Parzellen zu verzichten.
Dies ist zum Beispiel in Myanmar ersichtlich, wo Bäuerinnen und Bauern aufgrund der Preisanstiege für Treibstoff und Dünger ihre Produktion bereits zurückgefahren haben. Auch private Importeure von Düngemitteln reduzieren ihre Importmengen; für die kommende Anbausaison ist daher mit Engpässen zu rechnen. Die Konsequenz: Die nächste Ernte könnte um etwa 30% kleiner ausfallen.
Diese Entscheidungen unter Zwang können zu erheblichen Ernteeinbussen führen. Für viele Bauernfamilien bedeutet dies weniger Nahrung für den Eigenbedarf, geschrumpfte Einkommen und zunehmende Ernährungsunsicherheit. Jede internationale Krise wirkt sich somit direkt auf die Felder – und ihre Teller – aus.
Das Welternährungsprogramm (WFP) schätzt daher, dass bis Ende 2026 zusätzlich 45 Millionen Menschen an Ernährungsunsicherheit leiden könnten, sollte der Konflikt über die Jahresmitte hinaus andauern.
Gerechte und autonome Ernährungssysteme mit Agrarökologie schaffen
«Diese Krise offenbart ein strukturelles Problem», erklärt Francesco Ajena, SWISSAID Themenverantwortlicher für Agrarökologie, «die Abhängigkeit von einem globalisierten Agrarsystem, das in den Händen weniger Grosskonzerne konzentriert ist und auf importierten Düngemitteln beruht.» In einem in «24 heures» veröffentlichten Meinungsbeitrag geht unser Experte auf die Ursachen und Folgen dieser Abhängigkeit ein.
Dabei gibt es alternative Lösungen: Die Agrarökologie, die SWISSAID seit langem unterstützt. Dieser Ansatz stützt sich auf lokale Ressourcen und natürlichen Methoden, um die Qualität der Böden zu verbessern. Dank der Agrarökologie können Bauernfamilien ihre Kosten senken und ihre Erträge stabilisieren. Vor allem aber bieten sie Bäuerinnen und Bauern einen Weg, um die Abhängigkeit von importierten Düngemitteln und Pestiziden zu überwinden, ihre Autonomie zurückzugewinnen und sich besser vor externen Schocks, wie Unterbrüche in globalen Lieferketten auf Grund von Kriegen, zu schützen.
SWISSAID setzt sich ein für ein Ernährungssystem, das auf echter Unabhängigkeit und Gerechtigkeit beruht. Durch lokale Kreisläufe und nachhaltige und natürliche Anbaumethoden kommen die Menschen im Globalen Süden zu echter Ernährungssouveränität.
Bildnachweis: Sri Kolari