«Mein Tag beginnt um 5:30 Uhr. Nach einer kurzen Dusche mache ich mich auf dem Weg zum Schulgarten. Dort kümmere ich mich um die Pflanzen und beaufsichtige die Schüler und Schülerinnen, die für die Bewässerung zuständig sind. Danach mache ich meine Hausaufgaben im Klassenzimmer, während ich auf den Unterrichtsbeginn um 7:30 Uhr warte.
Von allen Schulaktivitäten ist die Gartenarbeit bei weitem meine Lieblingsbeschäftigung. Eine Pflanze zu pflegen und zu sehen, wie sie vom kleinen Samen bis zum erntereifen Gemüse für unsere Teller wächst, gibt mir ein echtes Gefühl von Verantwortung. Jede Gemüseernte im Schulgarten erfüllt mich mit grossem Stolz: Ich habe das Gefühl, etwas wirklich Grosses vollbracht zu haben.»
Ally Majidu Makundi, 20, besucht die Abschlussklasse der «Girls Secondary School» in Ndwika, Tansania.
Mein Wunsch zum Jahr der Bäuerinnen:
Ich wünsche mir, dass Frauen einen besseren Zugang zum Markt und zu Wissen erhalten, so dass sie sich im Bereich der umweltfreundlichen Landwirtschaft ausbilden können.
Trotz Widrigkeiten Zukunft gestalten
Die Landwirtschaft ist meine grosse Leidenschaft. Später möchte ich Bäuerin werden, moderne und umweltfreundliche Geräte einsetzen und zur Ernährungssicherheit meiner Gemeinde beitragen. Ich möchte mich auf den Tomatenanbau spezialisieren. Tomaten sind nämlich sehr gefragt, weil sie die Grundlage vieler traditioneller Gerichte bilden. Auch sind sie ein unverzichtbarer Rohstoff für die Industrie, insbesondere für die Herstellung von Tomatenmark und Saucen.
Ich weiss, dass der Weg dahin nicht einfach sein wird. Ich bin fürs Erste auf die finanzielle Unterstützung meiner Eltern angewiesen, und ihre Mittel sind begrenzt. Ich werde also klein anfangen und mein Projekt Schritt für Schritt ausbauen müssen. Abgesehen von den finanziellen Mitteln darf ich aber keine Unterstützung erwarten. In meinem Umfeld denken viele immer noch, dass die Landwirtschaft nur für die Ungebildeten ist.
Fakten und Zahlen
Was tansanische Bäuerinnen leisten
Über 80% der ländlich lebenden Frauen in Tansania sind für ihren Lebensunterhalt direkt von der Landwirtschaft abhängig. Sie machen zwischen 52% und 54% der gesamten landwirtschaftlichen Arbeitskräfte des Landes aus.
Landrechte als zentrale Herausforderung
Verfassungsrechtlich gilt in Tansania strikte Gleichberechtigung, wenn es um Zugang zu Land geht (Village Land Act). In der Praxis unterliegen jedoch fast 80% der ländlichen Flächen weiterhin dem Gewohnheitsrecht (traditionelles Recht). Land wird in der Regel von Männern verwaltet und an Männer vererbt, Töchter oder Ehefrauen werden ausgeschlossen. Ohne eine auf ihren Namen ausgestellte Besitzurkunde erhalten Frauen keine Bankkredite für Investitionen.
Nachhaltige Landwirtschaft in Tansania
Tansania sieht sich im Gemüseanbau mit einem zunehmenden Einsatz von Pestiziden konfrontiert. Um dem entgegenzuwirken, hat die Regierung offiziell eine nationale Strategie für ökologische und biologische Landwirtschaft (NEOAS 2023–2030) verabschiedet. Ziel der Regierung ist es, dass Tansania durch die agrarökologische Ausbildung von Kleinbauern und -bäuerinnen bis 2030 eine Vorreiterrolle in Ostafrika einnimmt.
Frauen, die tragenden Säulen der Erde
Frauen sind die tragenden Säulen unserer Gemeinschaften. Sie sind es, die neues Leben auf die Welt setzen und sich um die Familie kümmern. Doch ihre Rolle geht weit darüber hinaus: Sie bilden eine unverzichtbare Arbeitskraft und sind eine wichtige wirtschaftliche Stütze. Sie leiten nicht nur Haushalte, sondern sind vollwertige Akteurinnen in der Landwirtschaft.
Ich kann nicht wirklich beurteilen, wie schwer es heute ist, eine Bäuerin zu sein. Aber wenn ich die Geschichten der Bäuerinnen höre, kann ich bestätigen, dass ihr Alltag früher sehr hart war. Diese Pionierinnen standen vor weitaus grösseren Herausforderungen als heutige Generationen – insbesondere, wenn es darum ging, geschlechtsspezifische Barrieren zu überwinden. Ich bin überzeugt, dass wir diesen Beruf für Frauen zugänglicher machen können, indem wir inklusivere und gleichberechtigtere Strukturen schaffen.»