Die Welt zu ernähren, ist heute schwieriger denn je. Bäuerinnen und Bauern kämpfen weltweit mit ausgelaugten Böden, den Folgen des Klimawandels, wie Dürren oder Überschwemmungen und dem Verlust von Biodiversität. Digitale Innovationen sollen Abhilfe schaffen. Agrarkonzerne tun sich mit Technologiegiganten zusammen, um von der rapiden Entwicklung der künstlichen Intelligenz und Cloud-Plattformen zu profitieren.

Digitale Innovation in der Landwirtschaft: Wer profitiert?

Damit rüstet die Landwirtschaft für die Zukunft auf – sei es bei der Produktion von Saatgut oder chemischer Hilfsmittel. Doch für wessen Zukunft? In ihrem Bericht «Head in the Cloud» (2026) warnt das internationale Expertenpanel zu nachhaltigen Ernährungssystemen (IPES-FOOD): Landwirtschaftliche Innovationen reflektieren und reproduzieren immer auch die sozialen, ökologischen, ökonomischen und politischen Umstände, innerhalb derer sie entstehen. Warum etwas als innovativ gilt und wer davon profitieren soll, unterliegt gemäss IPES-FOOD letztlich einer politischen Entscheidung.

Momentan berücksichtigen künstliche Intelligenz und Cloud-Plattformen vorwiegend die Interessen der beteiligten Firmen. Deren Ansätze sind laut IPES-FOOD oft ressourcenintensiv und umweltschädlich. Zudem grenzen sie aus: Die Bedürfnisse der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und ihre fundierten Kenntnisse über ihr Land und ihre Kulturen werden nicht berücksichtigt. Und wenn doch, dann auf Kosten ihrer Persönlichkeitsrechte: Firmen vermessen ihr Land mit Drohnen und erkundigen sich nach Daten über die Produktionsweisen der Bauernfamilien, um sie von ihren kommerziellen Methoden und Produkten zu überzeugen.

Lokale Antworten auf den Klimawandel

Die digitale Revolution in der Landwirtschaft soll jedoch Bäuerinnen und Bauern dienen, statt diese zugunsten von Agrarkonzernen zu übergehen. SWISSAID und das gemeinnützige Tech Start-up farmbetter unterstützen sie in Ecuador und Kolumbien daher mit digitalen Methoden dabei, sich an den Klimawandel anzupassen.

Viele Bauernfamilien leben hoch oben in den Anden, wo der Klimawandel die Frequenz und Intensität von Frost, Überschwemmungen, Dürren und Erdrutschen steigert. Es wird immer schwieriger, den richtigen Zeitpunkt zum Säen zu planen, Ernten sind weniger ertragreich oder fallen ganz aus. Die Menschen leiden Hunger.

Der Einsatz agrarökologischer Methoden hat hier bereits viel Wirkung gezeigt: Beispielsweise mit klimaresistenten Sorten gibt es auch bei Dürren genügend Ernte Doch die verschiedenen Kulturen so auszuwählen und einzusetzen, dass sie die Böden und das Ökosystem stärken, erfordert Zeit und Wissen. Denn: die Agrarökologie ist keine fertige Lösung, die mit den nötigen Hilfsmitteln wie Dünger und Pestiziden auf einer beliebigen Anzahl Hektare angewandt werden kann. Sie passt sich dem lokalen Ökosystem an, beruht auf dem Mut Neues auszuprobieren, sowie auf Versuch und Irrtum.

Eine App – von allen, für alle

Im SWISSAID Pilotprojekt «AeD-LABs», kurz für «Agroecological Adaptation Labs», können Bauern und Bäuerinnen mit eigenen Lösungen experimentieren, um ihre Ökosysteme gegen den Klimawandel zu stärken: Bewässerungssysteme basieren nun auf lokalen Wetterdaten und den Bedürfnissen einzelner Kulturen, neue Hecken dienen gleichzeitig als Futter für Tiere sowie als Windschutz, Säue pflügen die Felder und alte und vergessene Kulturen werden wieder gezüchtet. Die Bäuerinnen und Bauern greifen im Kampf gegen den Klimawandel auf altes Wissen zurück und generieren Neues.

«Wir müssen die Wahrnehmung darüber, was als Innovation gilt, neu definieren. Was einige als Innovation verkaufen und patentieren ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Aneignung von Innovationen, die von Bauern geschaffen wurden – aber allein keine Anerkennung finden», fasst Simon Degelo, SWISSAID Experte für Saatgut, zusammen.

Wissen teilen, Innovation fördern

Aus den Experimenten sind Innovationen entstanden, die auch anderen Gemeinschaften dienen können. Wie hält man die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen dieser «Kleinstlaboratorien» am besten fest? Eine digitale Plattform schafft Abhilfe: Die Bäuerinnen und Bauern, SWISSAID und das gemeinnützige Tech-Unternehmen farmbetter entwickelten gemeinsam eine App, die gut zu den Bedürfnissen der Bauernfamilien passt. Die Anwendung erlaubt es ihnen nun, ihre Methoden zu teilen und landwirtschaftliche Fortschritte hervorzuheben.

Doch die App dient nicht nur der Dokumentation: Bäuerinnen und Bauern können sich auch vernetzen und sich zu ihrem Wissen rund um die Agrarökologie austauschen. So können bestimmte innovative Methoden nicht nur innerhalb eines Dorfes, sondern an Orten mit ähnlichen landwirtschaftlichen Bedingungen angewendet werden. Damit macht die parzipatorische App Informationen für viele Menschen zugänglich, würdigt lokales Wissen und macht auf die immense und innovative Arbeit aufmerksam, die Bäuerinnen und Bauern leisten.

Technologischen Wandel gerecht gestalten

«Es braucht dringend technische Neuerungen, die den marginalisierten Bauerngemeinschaften helfen, ihre Arbeit erleichtern und ihr Einkommen stützen», hebt Sonja Tschirren, Expertin für Fragen des Klimawandels und der Ernährungssysteme bei SWISSAID hervor.

«AeD-Labs» zeigt einen Weg in die Zukunft: Bäuerinnen und Bauern werden durch Innovation ermächtigt und ihre Souveränität gefördert. Digitale Innovation auf gerechte und nachhaltige Art und Weise.