Im Tschad ist Hunger ein grosses Hindernis für den schulischen Lernerfolg. Erfahren Sie, wie die von SWISSAID und dem UN-Welternährungsprogramm im Süden und Osten des Landes eingerichteten Schulkantinen jedem Kind eine tägliche Mahlzeit garantieren. So muss sich kein Kind mehr entscheiden, ob es zur Schule geht oder nach Essen für sich und seine Geschwister organisiert.
Die Fakten
Die Ziele
Ziele des Projekts:
- 137 neue Schulkantinen einrichten
- Inklusiven Unterstützungs- und Betriebsmechanismen der Schulkantinen stärken
- Ein Modell zur Versorgung der Kantinen mit lokalen Produkten von 330 Erzeugerinnen und Erzeugern entwickeln
- Einen institutionellen Rahmens schaffen und unterstützen, der die Umsetzung und Überwachung der Schulkantinen begünstigt
Es ist genau 12:15 Uhr im Dorf Bakassa. Das Klappern der Schiefertafeln verstummt, und plötzlich kehrt Stille in den Holz- und Strohhütten ein, die als Klassenzimmer dienen. Unter dem grossen Mangobaum auf dem Schulhof strömt aus grossen Töpfen ein verlockender Duft. Die Mägen knurren.
In diesem Dorf im östlichen Logone, im Süden des Tschad, ist die Schulkantine weit mehr als nur eine einfache Verpflegungsstelle. Für Schulkinder ist sie die Garantie für eine ausgewogene Mahlzeit jeden Tag, ein Schutzwall gegen Ernährungsunsicherheit, und ein wichtiger Beitrag zu besseren Lernbedingungen. Dies schätzen auch ihre Eltern.
4 élèves au Tchad sont placés en groupe sur le troisième banc de la droite de la classe par le maître et discutent sur le sujet qui leur a été confié.
Mehr Schulpräsenz dank Ernährungssicherheit im Tschad
Wenn man die vielen Kinder sieht, die sich unter dem grossen Mangobaum um die Kochtöpfe drängen, kann man sich kaum vorstellen, dass die Klassenräume noch vor wenigen Jahren fast leer waren. «Die Kinder sagten, sie seien müde oder krank. Viele kehrten schon in der ersten Pause nach Hause zurück», erinnert sich der Dorfvorsteher von Mballa, einem Dorf unweit von Bakassa, das ebenfalls über eine Schulkantine verfügt.
Im Tschad ist Schulschwänzen ein systemisches Problem: Mehr als die Hälfte der Kinder schliesst die Grundschule nicht ab. Diese Abwesenheit hat schwerwiegende Folgen für ihre Zukunft, insbesondere für die der Mädchen.
Fakten
Schulbildung
8 von 10 Kindern aus den ärmsten Haushalten besuchen keine Schule. Ein Kind, das in einer armen Familie geboren wird, hat ein zweieinhalb Mal höheres Risiko, nie einen Fuss in ein Klassenzimmer zu setzen, als ein Kind aus wohlhabenden Umständen.
Alphabetisierung
Nur 1,7 % der erwachsenen Frauen im Tschad haben einen Sekundarschulabschluss (gegenüber etwa 10 % bei den Männern). Dieser Mangel an Bildung schränkt den Zugang zu Gesundheitsinformationen, Bürgerrechten und wirtschaftlichen Chancen ein.
Humankapital
Im Tschad ist der Humankapitalindex, der die Gesamtheit der Kompetenzen eines Individuums und deren wirtschaftlichen Wert angibt, einer der niedrigsten weltweit (unter 0,40). Das bedeutet, dass ein heute geborenes Kind im Erwachsenenalter aufgrund fehlender Bildung und mangelnden Zugangs zur Gesundheitsversorgung nur 40 % seines produktiven Potenzials ausschöpfen wird.
Kollaboration zwischen SWISSAID und dem Welternährungsprogramm
Um auf diese Notlage zu reagieren, haben SWISSAID und das Welternährungsprogramm (WFP) der UNO ein Schulkantinenprojekt ins Leben gerufen. Das Ziel ist einfach: jedem Schulkind täglich eine Mahlzeit anzubieten und damit den regelmässigen Schulbesuch zu fördern. Genau diesen Effekt hatte das Programm auf den 12-jährigen Schüler Etienne Allahodji: «Zu Hause sind wir sieben Kinder. Meine Geschwister und ich haben nicht immer genug zu essen. Wenn ich zur Schule komme, weiss ich, dass ich mittags etwas zu essen bekomme.»
Das Projekt sieht zudem den Bau verbesserter Kochstellen vor, die weniger Holz verbrauchen, die Schaffung von Vorratskammern für die korrekte Lagerung von Lebensmitteln in den Einrichtungen, den Zugang zu Trinkwasser und die Verbesserung der Betreuung in den Schulen.
3 femmes de la cantine scolaire au Tchad préparent les plats et les mettent sur des plateaux en aluminium pour distribuer aux élèves.
In den Schulkantinen arbeiten viele Frauen. Hier sind die Köchinnen der staatlichen Schule von Sandana: die 33-jährige Suzanne Monbaye, die 25-jährige Haroun Hawa, die 32-jährige Clarisse Nerabaye und die 22-jährige Rosine Dene-adoum. Gemeinsam bereiten sie die Speisen zu und richten sie auf Alutabletts an, um sie an die Schüler zu verteilen.
ALLAHODJI ÉTIENNE âgé de 12 ans élève de CM2 de l’école de Bakassa dans le canton Baké au Tchad se tient devant les marmites de la cantine avec son assiette de riz.
Zu Hause sind wir sieben Kinder. Meine Geschwister und ich haben nicht immer genug zu essen. Wenn ich zur Schule komme, weiss ich, dass ich mittags etwas zu essen bekomme.
Seit der 12-jährige Schüler Etienne Allahodji regelmässig Schulmahlzeiten erhält, kann er mit vollem Magen lernen und muss sich keine Gedanken mehr darüber machen, woher er sein Essen bekommt.
Humanitäre Krise im Sudan, überlastete Schulen im Tschad
Die Schulen stehen noch aus einem anderen Grund unter Druck. Seit Ausbruch des Kriegs im benachbarten Sudan im Jahr 2023 sind mehr als eine Million Menschen in den Tschad geflüchtet. Darunter sind hunderttausende Kinder im schulpflichtigen Alter. In den Regionen mit Flüchtlingslagern, beispielsweise in Farchana im Osten des Tschad, platzen die Schulen aus allen Nähten.
Dank ihres lokalen Netzwerks und ihrer Erfahrung in der Nothilfe hat SWISSAID ihre Zusammenarbeit mit dem WFP auf die Schulen ausgeweitet, die Flüchtlinge aufnehmen. Diese geografische und menschliche Nähe ermöglicht es, gezielte Hilfe dort zu leisten, wo die Ressourcen am knappsten sind.
Nachhaltige Entwicklung fördern mit lokaler Landwirtschaft
In dem Bestreben, zu einem nachhaltigen und in der lokalen Wirtschaft verankerten Modell beizutragen, hat SWISSAID beschlossen, die Kantinen nicht mit importierten Produkten zu versorgen. Die Mahlzeiten werden vorwiegend aus Getreide, Obst und Gemüse zubereitet, das von Bauernfamilien aus der Region angebaut wird. So erhalten die Kinder frische und nahrhafte Mahlzeiten, während gleichzeitig die lokale Nahrungsmittelproduktion unterstützt wird.
Des élèves de l'école de Sandana, au Tchad, font la file, assiette en main, pour le repas de midi, à la cantine scolaire.
Sagen Sie Ja von Herzen!
«Wenn ich satt bin, lerne ich gut.»
Im Schatten der grossen Bäume von Bakassa unterhalten sich die Schülerinnen und Schüler fröhlich, während sie zwischen zwei Bissen Boule essen, ein Nationalgericht aus Hirse- oder Sorghummehl, begleitet von Okra-Sauce. Auf die Frage, was diese Mahlzeiten in ihrem Leben verändert haben, lauten die Antworten ähnlich wie die von Gervais Djasrabé, einem Schüler der dritten Klasse: «Wenn ich satt bin, lerne ich gut.»

Eine Feststellung, die auch Madji Celestin, Direktor einer Schule in der Region, teilt: « Dank der Kantine stellen wir einen Rückgang der Absenzen und eine bessere Konzentration im Unterricht fest. Die Kinder, die gegessen haben, sind aufmerksamer und motivierter.»
Ein Kind, das mit vollem Magen lernt, kann sich voll und ganz auf das Lernen konzentrieren. Die Schulkantinen im Tschad sind ein wertvolles Instrument, um den schulischen Erfolg zu verbessern und zur nachhaltigen Entwicklung einer Dorfgemeinschaftbeizutragen.
*Fotos: Salomon Djekorgee Dainyoo / Fairpicture
4 élèves rient aux éclats dans la salle de classe, assiette en main.