Hitzewellen, Wasserknappheit und Ernteausfälle zeigen eindrücklich, dass auch ein wohlhabendes Land wie die Schweiz verwundbar ist. Gleichzeitig trifft der Klimawandel jene Regionen am härtesten, die am wenigsten zu seinem rasanten Fortschreiten beigetragen haben, SWISSAID-Partnerländer wie Niger und Tschad.
In der Schweiz haben sich die Temperaturen im Mittel bereits doppelt so stark erhöht wie im globalen Durchschnitt. Dabei verstärkt laut dem Wissenschaftsgremium für Klimafragen IPCC jeder Zehntelgrad Erwärmung die Häufigkeit und Intensität von Extremereignissen wie Hitzewellen, Überschwemmungen oder heftigen Gewittern. Unsere landwirtschaftlichen Erträge geraten unter Druck, weil Hitzeperioden länger andauern und das Pflanzenwachstum hemmen, oder weil Starkregen und stehendes Wasser ihnen zusetzen. Zusätzlich beschleunigt in der Schweiz der Rückgang von Schnee- und Eisflächen die Erwärmung zusätzlich, da weniger Sonnenlicht reflektiert wird. Die zentrale Problematik besteht damit nicht nur im Temperaturanstieg selbst, sondern in einer Kettenreaktion ökologischer Veränderungen mit direkten gesellschaftlichen Folgen.
Internationale Klimapolitik
Noch dramatischer sind die Auswirkungen in den Partnerländern von SWISSAID, etwa in der Sahelzone. Dort führen zunehmende Dürren und unregelmässige Niederschläge zu massiven Ernteausfällen. Viele kleinbäuerliche Familien können nicht mehr genügend Nahrung produzieren, was die Armut weiter verschärft. Besonders brisant ist die globale Ungleichheit: Während in der Schweiz pro Kopf und Jahr 10 bis 14 Tonnen CO₂ Emissionen ausgestossen wird, tragen Länder wie Niger mit 0.1 Tonnen CO₂ Emissionen pro Kopf kaum zur Klimakrise bei, leiden jedoch überproportional unter ihren Folgen. Diese Ungerechtigkeit ist eine der zentralen Herausforderungen der internationalen Klimapolitik und war zuletzt ein Stolperstein in den Klimavorverhandlungen in Bonn Anfang Juni.
Neben der ökologischen Dimension zeigen sich auch soziale Problematiken: Kleinbäuerinnen und Kleinbauern verfügen oft über geringe finanzielle Reserven. Wenn Ernten ausfallen, fehlt nicht nur das Einkommen, sondern die tägliche Nahrung. Und es fehlt das Saatgut für die nächste Aussaat. Dies führt zu einer Spirale der Verwundbarkeit, die durch den Klimawandel immer weiter verstärkt wird.
«Es ist nicht haltbar, dass unsere Industrie- und Schwellenstaaten sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, statt endlich entschieden ihre Treibhausgase zu reduzieren, während gleichzeitig so viele Menschen, die bereits in Armut leben, überproportional unter dem Klimawandel leiden», sagt Sonja Tschirren, Klimaexpertin bei SWISSAID. Sie fordert, dass die Schweiz dringend mehr Ambition darin zeigen soll, die Treibhausgase im eigenen Land zu reduzieren, statt für sogenannte Kompensationsprojekte zu zahlen, in denen Südländer Emissionen für uns reduzieren sollen.
Den Problematiken stehen nämlich konkrete Lösungsansätze gegenüber: In der Schweiz ist eine umfassende Reduktion der Treibhausgasemissionen im Bereich des Transports, im Energiesektor, im Konsumverhalten und im Ernährungssystem zentral, um den internationalen Verpflichtungen gerecht zu werden. Gleichzeitig braucht es Anpassungsmassnahmen wie hitzeresiliente Städte, effizientere Wassernutzung und eine klimaangepasste, agrarökologische Landwirtschaft.
Klimagerechtigkeit
Auch in den Partnerländern von SWISSAID liegt der Fokus auf agrarökologischen Ansätzen. Diese stärken die Resilienz von Anbausystemen: Sie setzen auf lokale Saatgutsorten, den gleichzeitigen Anbau verschiedener Kulturen, nachhaltige Bodenbewirtschaftung sowie die vermehrte Schaffung von Mikroklimata durch die Integration von Bäumen und Büschen. So können Bauernfamilien besser mit klimatischen Schwankungen umgehen und ihre Ernährung sichern. Ebenso wichtig ist der Zugang zu Wissen, Märkten und politischen Entscheidungsprozessen, damit betroffene Gemeinschaften ihre Interessen vertreten können.
«Die Klimakrise verlangt nach der Übernahme von echter Verantwortung: Emissionsreduktion im Globalen Norden und gezielte Unterstützung für den Globalen Süden. Nur so lassen sich die schlimmsten Folgen abmildern», fordert Sonja Tschirren, SWISSAID-Klimaexpertin. «Die Schweiz muss zudem ehrgeizigere Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen im Inland durchsetzen, und sich für die erneuerbaren Energien stark machen», sagt Sonja Tschirren, Klima Expertin bei SWISSAID, «denn Klimagerechtigkeit ist eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Lösungen.»