Am 18. Mai 2026 wurde das neue Buch von Historiker Peter Hug «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher. Zur Errichtung einer völkischen Siedlerkolonie in Brasilien, 1949–1952/59» in Bern präsentiert. Die Publikation beleuchtet ein Schweizer Auswanderungsprojekt aus den frühen 1950er-Jahren, bei dem 2’446 Donauschwaben mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen und Bund in Brasilien angesiedelt wurden. Unter ihnen befanden sich 16 SS-Angehörige. Die Studie zeigt, wie eng humanitäre Hilfe, politische Interessen und wirtschaftliche Überlegungen damals miteinander verflochten waren.
Um was es geht
Die «Donauschwaben» wurden zwischen Mai 1951 und Februar 1952 nach Brasilien umgesiedelt, um dort eine geschlossene Siedlungsgemeinschaft zu gründen. Ziel war der Aufbau einer mechanisierten Intensivlandwirtschaft. Das Projekt wurde von der Schweizer Europahilfe (SEH) umgesetzt, dem damaligen Dachverband verschiedener Hilfsorganisationen, sowie von ihren Mitgliedsorganisationen Caritas und dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk.
Der Bund, der die Oberaufsicht über die Europahilfe hatte, genehmigte das Projekt wegen wirtschaftlicher und politischer Anreize ohne eingehende Überprüfung: Das unter Devisenknappheit leidende Brasilien gestand der Schweiz dafür nämlich Exportkontingente in der Höhe von CHF 31 Mio. zu. Der Bundesrat verpflichtete sich mit einer Bundesgarantie, die an ein Gelingen der Ansiedlung sowie den wirtschaftlichen Erfolg des Unterfangens gebunden war. Das Projekt erwies sich rasch als finanzielles Fiasko. Der Bund musste bedeutende Geldbeträge nachschiessen. Die Recherche zeigt, dass zudem grosse Summen an Bestechungsgeldern gezahlt wurden.
Wo wir heute stehen
SWISSAID stellt sich mit der Publikation ihrer historischen Verantwortung und verurteilt die gravierenden Verfehlungen, die im Zuge des Projektes begangen wurden. SWISSAID war als Organisation 1969 aus der Nachfolgeorganisation der Schweizer Europahilfe, der Schweizer Auslandshilfe, hervorgegangen. Aus heutiger Sicht war die Auswahl der Begünstigten ein Fehler und widerspricht den humanitären Prinzipien, nach der Hilfe allein nach dem Grad der Bedürftigkeit und ohne Ansehen von Herkunft, Religion und politischer Weltanschauung zu erfolgen hat. Prüfung und Kontrolle waren mangelhaft, so dass auch ehemaligen SS-Angehörigen ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Neuanfang ermöglicht wurde.
Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend weiterentwickelt: Klare Governance-Regeln, externe Auditoren sowie Whistleblower-Richtlinien und Meldestellen in Verbindung mit einer neutralen und transparenten Auswahl der Begünstigten gewährleisten eine gründliche Bewertung der Risiken und Folgen jedes Projekts. Entwicklungszusammenarbeit ist zudem nur wirksam, wenn sie in den jeweiligen Kontext eingebettet ist und aus dem Bedarf der lokalen Bevölkerung heraus erwächst. Gleichzeitig ist klar, dass SWISSAID nicht vor Fehlern gefeit ist. Deshalb ist es wichtig, dass die Organisation Lehren für heute zieht und sich beständig weiterentwickelt.
*«Donauschwaben» (Volksdeutsche): Sammelbegriff für Deutsche, die Ende 17. Jahrhundert, Anfang 18. Jahrhundert von der Habsburgermonarchie systematisch im damaligen Königreich Ungarn angesiedelt wurden. Die Ansiedelungen lagen rund um die Donau, daher der Begriff Donauschwaben. Die Habsburgermonarchie wollte damit die Gebiete, die sie nach den Osmanenkriegen zurückerobert hatte, mit deutschsprachigen Personen besiedeln.
Das Buch «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher. Zur Errichtung einer völkischen Siedlerkolonie in Brasilien, 1949–1952/59» ist erhältlich im Chronos Verlag. ISBN 978-3-0340-1856-2
Titelbild: Teilnehmer*innen des Auswanderungsprojekts nach Brasilien bei der Feldarbeit.