SWISSAID ist Pionierin in Gleichstellungsarbeit. Die NGO hat in den 80er Jahren als eine der Ersten eine Frauenstelle eingerichtet und systematisch die Bedürfnisse der Frauen abgeklärt und diese Erkenntnisse in Projekten umgesetzt. Ist SWISSAID heute noch immer am Puls der Zeit?
Absolut. SWISSAID engagiert sich in einem Bereich, der de facto eine Frauen-Domäne ist, aber wo Frauen nach wie vor diskriminiert werden: Das ist die globale Domäne der Kleinbäuerinnen.
Bei SWISSAID berücksichtigen wir sowohl die unmittelbaren Bedürfnisse, verfolgen aber auch langfristige Ziele. Das Leben der Frauen soll sich kurzfristig verbessern. Beispielsweise schulen wir Frauen in Agrarökologie oder stellen ihnen Schaufeln, Harken und Giesskannen zur Verfügung, damit sie mehr ernten und die Überschüsse auf dem Markt verkaufen können. Langfristig analysieren wir die strukturellen Gründe für Diskriminierung und suchen Lösungen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
In vielen Ländern haben Frauen sehr wenige Rechte: Sie dürfen kein Land besitzen, erhalten keine Kredite und haben in ihren Dörfern kein Mitspracherecht. Manchen Frauen gestattet der Ehemann nicht einmal, allein an den Markt zu gehen, um Gemüse zu verkaufen. Wir unterstützen die Frauen darin, dies zu ändern. Wir helfen beim Zugang zu Land und Mikrokrediten. Und sie lernen in Kursen, selbstbewusst ihre Stimme zu erheben. Hier arbeiten wir mit Gruppen, da es im Kollektiv einfacher ist, Grenzen zu sprengen und den Spielraum auszuweiten.
Viele Frauen zögern zunächst, allein einen Workshop zur Gleichberechtigung zu besuchen. Doch wenn bereits ein grosser Teil der weiblichen Dorfgemeinschaft teilnimmt, gehen dem Ehemann die Argumente aus, um seine Frau davon abzuhalten. In diesen Workshops erfahren die Teilnehmerinnen unter anderem, welche Rechte ihnen zustehen und mit welchen Argumenten sie ihre Ehemänner oder Eltern davon überzeugen können, ihnen mehr Freiheiten zu gewähren. Wenn sich darüber hinaus ein finanzieller Erfolg einstellt – etwa durch den erfolgreichen Verkauf von Gemüse auf dem Markt – stärkt das zusätzlich ihre Position innerhalb der Familie und Gemeinschaft.
Wenn wir Projekte entwickeln, denken wir bei SWISSAID automatisch die Gleichstellungsebene mit. Wenn wir die Frauen unterstützen, profitiert automatisch das ganze Dorf.
Valentina Maggiulli, Expertin für Gleichberechtigung bei SWISSAID.
Wo liegt heute der Fokus bei der Gleichstellungsarbeit?
Wenn wir Projekte entwickeln, denken wir bei SWISSAID automatisch die Gleichstellungsebene mit. Bei einem Projekt zur Ernährungssicherheit für eine Dorfgemeinschaft, konzentrieren wir uns beispielsweise auf die Frauen, da wir wissen, dass die Ernährung der Familie in den Händen der Frauen liegt. Wenn wir die Frauen unterstützen, profitiert automatisch das ganze Dorf. Gleichberechtigung zieht sich als Komponente durch alle Projekte durch. Ziel ist es, die Stimme der Frauen in der Gemeinschaft zu stärken, damit sie bei wichtigen Prozessen und Entscheidungen mitbestimmen können.
Mehr Mitspracherecht für Frauen bedeutet, dass Männer Macht abgeben müssen. Was kann SWISSAID da im Prozess für mehr Gleichberechtigung beitragen?
Das ist in der Tat eine grosse Herausforderung. SWISSAID hat schon in den 90er Jahren die Männer ins Boot geholt. Es gibt spezifische Workshops, die Verhaltensänderungen bei Männern fördern. Wir erzielen da Erfolge; es ist aber eine Arbeit, die sehr viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt. Hier ist es wichtig, dass wir bereits bei jungen Männern ansetzen, am besten bereits in der Schule, damit Strukturen, die sich über Jahrhunderte gefestigt haben, aufgebrochen werden können.
SWISSAID ist in drei verschiedenen Kontinenten tätig, gibt es da kulturelle Unterschiede?
Ja, die gibt es. Zwar ist die sogenannte Macho-Kultur sowohl in vielen Ländern Südamerikas als auch Afrikas weiterhin tief verwurzelt, dennoch können wir in bestimmten Kontexten offen über Themen der Gleichberechtigung reden. In Kolumbien können wir beispielsweise offen über Geschlechterrollen und Themen wie die partnerschaftliche Aufteilung von Hausarbeit sprechen. Solche Gespräche sind jedoch nicht überall möglich. Vielmehr ist es entscheidend, Workshop-Materialien und Gesprächsansätze kontextspezifisch zu erarbeiten – unter Berücksichtigung kultureller Normen, lokaler Dynamiken und der jeweiligen Lebensrealitäten. Nur so können sensible Themen wie Geschlechterrollen, Machtverhältnisse und oder sogar häusliche Gewalt thematisiert werden.
Was jedoch für alle Kontexte gilt: Zunächst muss Vertrauen aufgebaut werden. Danach können auch sensiblere und potenziell konfliktbeladene Themen wie Geschlechterrollen oder Machtverhältnisse konstruktiv angesprochen und verändert werden.
Frauen-Patenschaft
Tauschen sich die Koordinationsbüros der Partnerländer aus?
Ja, der Austausch wird institutionell gefördert und angeleitet. In Workshops können sich die Expert:innen der verschiedenen Koordinationsbüros in unseren Partnerländern über verschiedene Arbeitsansätze, Schwierigkeiten und Erfolge austauschen. Zudem ist die Expertise bei unseren Mitarbeitenden vor Ort absolut essenziell. Sie sind es, die das Wissen in jedes Projekt hineintragen.
Auf welchen Erfolg sind Sie besonders stolz?
Dank der Projekte in Indien werden jedes Jahr zahlreiche Kinderehen verhindert. Die Mädchen können die Schule abschliessen, manche eine Ausbildung machen und sie sind freier in der Entscheidung, wann sie heiraten wollen. Zudem gibt es immer wieder Familien, die auf eine Mitgift bei der Heirat verzichten und so die Problematik entschärfen, dass sich Familien mit Mädchen finanziell ruinieren müssen, um ihre Tochter zu verheiraten. In Kolumbien und Ecuador gibt es dank der gezielten Workshops immer mehr Männer aller Altersgruppen, die sich öffentlich gegen Gewalt an Frauen stark machen. Über die Generationengrenzen hinweg findet nach und nach ein echter Wandel in der Denkweise statt.
