Im Jahr 2020 kam es zu einer beispielslosen globalen Krise: Covid-19 hat jeden Winkel der Erde erreicht. In den Ländern, in denen SWISSAID tätig ist, hat die Angst vor langanhaltendem Hunger schnell die Angst vor der Krankheit verdrängt. Aus gutem Grund: Wie soll man die eigene Familie ernähren, wenn die Märkte geschlossen sind oder der Zugang zu ihnen eingeschränkt ist? Wie soll man sich mit Nahrungsmitteln versorgen, wenn die Einkünfte aus der informellen Wirtschaft wegfallen?
Hunger wieder im Anmarsch
Laut einem Bericht der Vereinten Nationen drohten im Jahr 2020 aufgrund der mit der Pandemie verbundenen Wirtschaftskrise 32 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut zu geraten. Eine kritische Lage, die durch Inflation und geopolitische Spannungen (wie der Krieg in der Ukraine) noch verschärft wurde.
Jetzt, nach mehreren Jahren, können wir die Situation besser einschätzen: Zwischen 2019 und dem Höhepunkt der Pandemie stieg die Zahl der hungernden Menschen um 122 Millionen. Im Jahr 2025 litten mehr als 2,3 Milliarden Menschen unter mässiger oder schwerer Ernährungsunsicherheit, was fast 30% der Weltbevölkerung entspricht. Einst war globaler Hunger rückläufig; nun hat er wieder zugenommen.
Auswirkungen von Covid-19: Frauen trifft es zuerst – und stärker
Covid-19 hat insbesondere die prekäre Lage von Frauen drastisch verschärft: Im Jahr 2021 litten 150 Millionen mehr Frauen als Männer an Hunger. Als Stütze der informellen Wirtschaft und der unbezahlten Hausarbeit haben sie den Einkommensverlust und die explosionsartige Zunahme der psychischen Belastung besonders hart zu spüren bekommen.
Der Ausnahmezustand führt zu Einkommensverlusten bei den am stärksten gefährdeten Menschen. Das betrifft vor allem indigene Frauen, die von staatlicher Hilfe und Gesundheitsdiensten praktisch nicht erreicht werden, so Oscar Quillupangui, Leiter des SWISSAID-Büros in Ecuador
Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit von SWISSAID im Bereich der Gleichstellung von Mann und Frau von grösster Bedeutung. Besonders wichtig sind Projekte, um Frauen wirtschaftlich zu stärken, gemeinsame Verantwortung in Haushältern zu fördern und häusliche Gewalt zu bekämpfen. Denn in jeder Krise – ob im Gesundheitswesen, im humanitären Bereich oder in einem Krieg – gehören Frauen und Kinder immer zu den ersten Opfern. Armut und Hunger tragen ein weibliches Gesicht.
Indien, India
Agrarökologie, ein unsichtbarer Schutzschild
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus unserer Arbeit während der Covid-19-Krise ist: Personen, die sich an agrarökologischen Projekten beteiligt haben, haben die Krise leichter bewältigt. Ein klares Votum für die Überlegenheit des agrarökologischen Ansatzes in Krisenzeiten.
Woran liegt das? Der Ansatz trägt dazu bei, die Beziehung zwischen Natur, Landwirtschaft und Gesundheit zu stärken und fördert nachhaltige Ernährungssysteme. Er fördert die Biodiversität und die genetische Vielfalt von Saatgut. Damit sind landwirtschaftliche Betriebe, die nach den Prinzipien der Agrarökologie bewirtschaftet werden, widerstandsfähiger gegenüber Krisen, Viren und Schädlingen. SWISSAID fördert in allen Partnerländern seit Jahrzehnten die Agrarökologie.
Die Vorteile der Agrarökologie in Krisenzeiten
Technische Autonomie
Während chemische Düngemittel in den Häfen festsassen, stellten die in Agrarökologie geschulten Bauern ihre eigenen Betriebsmittel her.
Saatgut-Souveränität
Der Zugang zu traditionellem Saatgut ermöglichte eine rechtzeitige Aussaat, als industrielles Saatgut nicht mehr zu beschaffen war.
Gestärkte Solidarität
Entgegen der landläufigen Meinung hat die Pandemie nicht zu einer Abschottung geführt. Die Solidarität innerhalb der Gemeinschaften und seitens unserer Spenderinnen und Spender hat sich verstärkt, da die gegenseitige Verflechtung unserer Schicksale offensichtlich geworden ist.
Indien im Chaos: Von Not zur Hoffnung
Covid-19 hat die ganze Welt erschüttert. Wie sah die Lage in unseren Partnerländern aus? Ein Blick nach Indien und dem Tschad.
Indien wurde vom Virus und seinen Folgen besonders hart getroffen. Im Jahr 2021 stand das Land kurz vor einem Zusammenbruch: Die Gesundheitssysteme waren überlastet und Millionen von Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeitern mussten mittellos in ihre Dörfer zurückkehren.
Mit unseren agrarökologischen Projekten unterstützen wir somit die am stärksten gefährdeten Familien – über unmittelbare humanitäre Hygiene und Lebensmittelpakete hinaus – dabei, einen wichtigen Grundstein für den Aufbau nachhaltiger Krisenfestigkeit zu legen.
Kavita Gandhi, Landesverantwortliche SWISSAID Indien, berichtete:
In vielen Regionen droht Hunger. Ausgangssperren und Quarantänemassnahmen erschweren die Versorgung mit Lebensmitteln. Die lokale Landwirtschaft ist daher umso wichtiger. Deshalb unterstützen wir jeden Tag Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung auf Agrarökologie – ihre beste Chance, eine nachhaltige Ernährung für sich zu sichern.
Tschad: Ernährungssicherheit trotz Inflation
Im Tschad, einem der ärmsten Länder der Welt, hat Covid-19 verheerende wirtschaftliche Folgen ausgelöst. Die Schliessung der Grenzen hat zu einem explosionsartigen Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel geführt und damit jahrelange Fortschritte im Kampf gegen den Hunger gefährdet.
Die Bevölkerung hat grosse Schwierigkeiten, sich qualitativ und quantitativ ausreichend zu ernähren, erklärte Yvette Nebinon, Vorsitzende der Frauenplattform von Bébédija, im Jahr 2021.
Dennoch hat SWISSAID ihre Projekte weitergeführt und auf Schulungen in agrarökologischen Methoden gesetzt. Die langen Lieferketten der industriellen Agrarökologie versagten; doch die Gemüsegärten und kürzeren Lieferketten in der Agrarökologie ernährten die Bauernfamilien. Es zeigt sich: Die Selbstversorgung der Bäuerinnen und Bauern zu fördern ist die einzige nachhaltige Lösung.
Die Unterstützung von SWISSAID ist für uns sehr wichtig und wir sind dankbar für alles, was wir erhalten. Die verteilten Lebensmittel und Hygieneartikel haben unsere Not sehr gelindert
Es ist uns gelungen, den Frauen bewusst zu machen, wie sie sich verhalten können, um eine Ansteckung und Übertragung des Virus zu verhindern. Wir haben unter anderem die Frauen aufgefordert, Abstand zu halten, sich häufig die Hände mit Seife zu waschen, Oberflächen mit Desinfektionsmittel zu reinigen und Orte mit Menschenansammlungen zu meiden.
Ermelinda Pedro Mendonça, Präsidentin der Bäuerinnenvereinigung Granja Pessube.
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Und heute?
Die Berichte beweisen: Unsere Projekte bewähren sich auch in Krisenzeiten und können sich anpassen – zum Beispiel indem wir zusätzlichen Fokus auf Massnahmen wie die Verteilung von Nothilfepaketen mit Hygiene-Kits und lokalem Saatgut sowie Veranstaltungen zur Bekämpfung von Falschinformationen setzen.
Die Pandemie forderte uns heraus, verbesserte aber zugleich unsere Projektarbeit. Und: Sie hat uns in unserem Bestreben bestärkt, ländliche Gemeinden zu stärken und weniger abhängig von internationalen Akteuren zu machen.