«Unsere Saatgutbank heisst Thirtha. Auf Hindi bedeutet das ‹heiliger Ort› – ein Knotenpunkt zwischen verschiedenen Welten. Genau das ist Thirtha für uns. Dort bewahren wir unsere Schätze auf: unser uraltes Wissen und unser lokales Saatgut. Gleichzeitig bringt die Saatgutbank Kleinbäuerinnen aus der Region zusammen. Ich lebe mit meiner Familie im südindischen Bundesstaat Karnataka. Für viele Frauen hier ist Thirtha ein Treffpunkt, ein Ort des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung.
Besonders wichtig sind für uns alte Sorten – allen voran die Hirse. Auf meinen Feldern wachsen Finger, Rispen-, Scheunen- und Browntop-Hirse. Diese uralte Kulturpflanze ist heute wertvoller denn je. Sie braucht wenig Wasser, gedeiht auch auf kargen Böden und trotzt der Hitze besser als viele andere Getreidearten. In Zeiten des Klimawandels gibt uns Hirse Sicherheit. Sie schützt unsere Ernährung und unsere Autonomie.»
Steckbrief
Name: Bibi Jan
Alter: 41
Wohnort: Teerth, Karnataka
Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder
Mein Wunsch zum Jahr der Bäuerinnen:
«Ich wünsche mir, dass Frauen als Führungspersönlichkeiten und Entscheidungsträgerinnen anerkannt werden – nicht nur als Helferinnen in der Landwirtschaft.»
Ausgezeichnet agrarökologisch
«Auch in unserer Frauengruppe Bibi Fatima spielt Hirse eine zentrale Rolle. Vor acht Jahren haben wir uns zusammengeschlossen. Unser Ziel war klar: Wir wollten die Lebensgrundlage von Bauernfamilien mit agrarökologischen Methoden stärken.Wir schafften Maschinen an, um Hirse zu reinigen, zu schälen und zu mahlen. Heute stellen wir kochfertige Mischungen her und verkaufen sie in der Region. Dank der Zusammenarbeit mit SWISSAID und lokalen Organisationen haben wir bis heute rund 30 Dörfer für den Anbau von Hirse sensibilisiert.
Doch wir produzieren nicht nur Lebensmittel. Auch Seifen aus Papaya oder Aktivkohle sowie Kräutersäfte gehören inzwischen zu unserem Sortiment. Im vergangenen Jahr erhielt unsere Gruppe den UNDP Equator Prize 2025 – eine der wichtigsten internationalen Auszeichnungen für Biodiversität. Für uns war das ein bewegender Moment. Die Anerkennung zeigt, dass unser Wissen und unsere Arbeit einen Unterschied machen.»
Fakten und Zahlen
Landwirtschaftliches Kraftwerk
Indien verfügt über 141 Millionen Hektaren (34x die Schweiz) landwirtschaftlicher Nutzfläche und ist weltweit der zweitgrösste Agrarproduzent. Fast die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in diesem Sektor, viele davon sind Kleinbäuerinnen mit 1 bis 2 Hektaren Land.
Unsichtbar und ohne Rechte
Frauen leisten rund 70 % aller landwirtschaftlichen Arbeiten und produzieren etwa gleich viel Lebensmittel in Indien. Trotzdem besitzen sie weniger als 14 Prozent des Landes. Viele gelten rechtlich nicht einmal als Bäuerinnen und haben so auch keinen Zugang zu Krediten, Versicherungen oder Bildung.
Hartes Pflaster für Frauen
Indien gilt als eines der gefährlichsten Länder für Frauen weltweit. Im Global Gender Gap Report belegt das Land den 131 von 146 Platz. Viele Inderinnen – vor allem auch Kleinbäuerinen – arbeiten über 16 Stunden am Tag. Sie schauen zum Feld, zu den Kindern, zu den Familienangehörigen– häufig unbezahlt und unsichtbar.
Die Kraft der Solidarität
«Denn Kleinbäuerin in Indien zu sein, ist nicht einfach.Viele Frauen besitzen kein eigenes Land. Es fehlt an Ausbildungsmöglichkeiten, an Anerkennung und an Unterstützung im Alltag. Umso wichtiger ist die Solidarität unter Frauen. Sie trägt und stärkt uns. Ich habe gelernt, dass ich als Bäuerin gleichzeitig Unternehmerin, Lernende und Beschützerin der Natur sein kann.
Die Abende verbringe ich oft damit, die Arbeit des Tages zu reflektieren und den nächsten Tag zu planen. Die Balance zwischen Landwirtschaft und Familie ist nicht einfach. Aber sie hält mich aktiv und verbindet mich eng mit den Frauen, der Region. Und sie lässt mich ruhig schlafen.»