Die weisse Zwiebel aus Soucoucoutane, Niger, ist viel mehr als nur ein Gemüse. Lange Zeit in Vergessenheit geraten, gibt ihr Wiederanbau lokalen Familien neue landwirtschaftliche, wirtschaftliche und soziale Perspektiven. Damit sind besonders Kleinbäuerinnen, welche für die Ernährung ihrer Familien verantwortlich sind, besser gegen die Auswirkungen von Dürren und unregelmässigen Regenfällen gewappnet.
Die Fakten
Die Ziele
Das Projekt verbessert die lokale Wirtschaft und Ernährungssicherheit von elf Dörfern in der Region Soucoucoutane. Sie fördert zudem die sozioökonomische Integration in der Umgebung und die Gleichstellung von Männern und Frauen innerhalb der Gemeinschaft. Insbesondere:
- Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Steigerung der Produktion und des Einkommens Kleinbäuerinnen.
Dieses Projekt wird durch den Programmbeitrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) mitfinanziert.
Was ist weiss, knollenförmig, auch als handgemachte Seife, Aufguss oder Salbe für zahlreiche Heilkräfte – etwa gegen Husten, Entzündungen oder sogar bestimmte Harnwegerkrankungen – bekannt?
Die Rede ist hier von der Zwiebel. Aber nicht irgendeine Zwiebel, sondern die weisse Zwiebel aus Soucoucoutane, einer ruralen Gemeinde im Niger, wo die Landwirtschaft eine lebenswichtige Ressource mit vielen Herausforderungen darstellt.
Des oignons blancs de Soucoucoutane exposés sur une table de stand
Eine robuste Kulturpflanze für schwierige Klimabedingungen
45’000 Menschen leben in Soucoucoutane auf einer Fläche so gross wie der Kanton Freiburg. Die Landwirtschaft ist traditionell vom Regenfeldbau geprägt, eine Methode, die sich lediglich auf den Regen zur Bewässerung der Kulturpflanzen verlässt. Doch die heutigen Bauernfamilien müssen mit schwierigen Klimabedingungen wie trockenen Böden oder unregelmässigen Niederschlägen zurechtkommen. Die Ernten regenabhängiger Kulturen wie Hirse, Sorghum oder der Schwarzaugenbohne (Niébé) sind gefährdet: Dies beeinträchtigt die Ernährungssicherheit der Bevölkerung erheblich.
Die einzige Alternative, um weiterhin Ackerbau zu betreiben und die Abwanderung zu verhindern, besteht darin, das reichlich vorhandene Grundwasser dank geeigneter Infrastrukturen zu nutzen und den Anbau bewässerter Kulturen zu fördern. Genau das ist das Ziel eines 2016 gestarteten Projekts zur Produktion und Vermarktung von weißen Zwiebeln.
Die Rückkehr der traditionellen weissen Zwiebel
Die hundertjährige Zwiebelsorte war schon fast aus der Region verschwunden, als SWISSAID vor über zehn Jahren begann, mit Bäuerinnen und Bauern der Fédération Zoumountchi ihren Anbau und Vermarktung im Rahmen eines Projekts wieder anzukurbeln.
«Wir zeigen ihnen, wie sie agrarökologische Techniken für den Anbau anwenden können. Dazu gehören Kompostmethoden sowie die Herstellung von Flüssigdünger, die sie unter Betreuung in Schulungen erlernen. Die Mitglieder schätzen das sehr, weil sie so den Unterschied zwischen Agrarökologie und konventioneller Landwirtschaft selbst feststellen können», erklärt Hamani Mahamadou, Projektassistent bei SWISSAID Niger.
Une femme devant le panneau de commencement du projet Soucoucoutane en 2014-2016, au Niger.
Das Projekt zur Produktion und Vermarktung von weissen Zwiebeln wurde bereits 2016 in der ländlichen Gemeinde Soucoucoutane in Niger ins Leben gerufen.
Une paysanne dans un champ d'oignon blanc au Niger. Cette femme confirme que la production biologique n'a aucun impact négatif sur le goût ou la durée de conservation.
Zu Beginn fokussierte das Projekt sich darauf, den Anbau der weissen Zwiebel in der Region mittels agrarökologischer Methoden wieder anzukurbeln.
Kleine Knolle, grosse Wirkung
Der Wiederanbau der weissen Zwiebel trug schnell Früchte. Seit 2016 stieg die Zahl der Bauern und Bäuerinnen, die sie anpflanzten, innerhalb der Föderation von 84 auf 1034. Die Zwiebel ist nun Teil des landwirtschaftlichen Erbes der Region.
Es reicht jedoch nicht aus, nur zu produzieren; man muss die Ernte auch verkaufen können. Da gibt es aber ein Problem: Soucoucoutane liegt in einer abgelegenen Gegend und ist weit von Stadtzentren entfernt. Die Bäuerinnen und Bauern haben daher in ihrer Gemeinde nur wenige Absatzmöglichkeiten oder müssen sehr niedrige Preise akzeptieren.
Ein neuer Zwiebelmarkt für bessere Absatzchancen
Seit einigen Jahren besteht ein Ziel des Projekts darin, neue Märkte zu erschliessen. 2023 wurde der erste Zwiebelmarkt in Soucoucoutane eröffnet. Bäuerinnen und Bauern aus der Region brachten 16 Tonnen weisse Zwiebeln mit. Bei der dritten Ausgabe der Messe im Jahr 2025 wurden bereits 50 Tonnen verkauft. Eine ermutigende Entwicklung.
Die Kundschaft erscheint zahlreich. «Schon am ersten Tag habe ich alle 69 Säcke verkauft, die ich mitgebracht habe. Die Kunden stehen dicht gedrängt vor den Zwiebeln, sogar nachts!», berichtet freudig Moumouni Oumarou, Verkäufer und Präsident der Fédération Zoumountchi.
Weisse Zwiebeln sind nicht nur gesund, sondern auch günstig. «Die Menschen können sie für den Verzehr kaufen oder probieren, sie in ihren Gärten anzupflanzen. Wir hoffen, dass weisse Zwiebeln bald überall im Niger erhältlich sind, nicht nur in Soucoucoutane!», meint Adamou Saley, Dorfvorsteher von Gabgoura.
Inauguration de la foire à l'oignon blanc en avril 2023.
Schnappschuss von der Einweihung des Zwiebelmarktes im April 2023. Zahlreiche Beamte aus der Region und umliegenden Städten wohnten dem Anlass bei.
A woman selling onion's derived products at the Onion Fair 2025.
Eine Händlerin verkauft zwiebelbasierte Produkte an ihrem Stand am Zwiebelmarktes im April 2025: Seifen, Heilmittel und Tees.
Mehr wirtschaftliche Chancen für Bäuerinnen in Niger
Obwohl Frauen die Hälfte der Fédération Zoumountchi ausmachen, sieht man auf den Märkten und in den Entscheidungsgremien fast ausschliesslich Männer. Zum Teil lässt sich dies durch die hohe Analphabetenrate vor Ort erklären: Sie schränkt Frauen ein, strategische Rollen innerhalb des Verbandes zu besetzen und an den Märkten teilzunehmen. Für einige stellt der Verkauf zudem eine Herausforderung dar: Sie müssen sich mit dem Handel, den Mengeneinheiten und mit der Sprache der Kundschaft auskennen und Preise verhandeln können. Viele überlassen den Verkauf ihrer Produkte Männern oder Zwischenhändlern – was ihre ökonomische Unabhängigkeit schwächt.
Damit die Frauen auf allen Ebenen von ihrer Arbeit profitieren können, steht in fünf Dörfern je ein Lernzentrum. Die Bäuerinnen können dort Schulungen zum Vertrieb ihrer Produkte oder Führungskompetenzen besuchen und werden bei den Aufgaben im Haushalt entlastet, um zukünftig einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft zu leisten und sich in politischen Gremien zu engagieren.
Die weisse Zwiebel ist in Soucoucoutane Symbol für eine vielschichtige Erfolgsgeschichte: Nämlich die Rückkehr einer wertvollen, traditionellen Kulturpflanze, die den Bäuerinnen bessere wirtschaftliche und politische Chancen bietet und der Gemeinschaft Instrumente in die Hand gibt, um Hunger nachhaltig zu bekämpfen.