Als der Boden zu beben begann, stand Daw Yin May barfuss im fusshohen Wasser. Ihre Hände steckten im dunklen, fruchtbaren Humus der schwimmenden Gärten, zwischen jungen Tomatenpflanzen. Dann kräuselte sich der See. Die Oberfläche geriet aus dem Gleichgewicht. In der Ferne sah sie, wie Häuser einstürzten – eines nach dem anderen, wie Zündhölzer. «Meine Schwestern konnten sich nur durch einen Sprung ins Wasser retten», sagt sie. «Es war pures Glück, dass sie nicht von den Trümmern erschlagen wurden.»
Daw Yin May gehört zu den Intha, den «Kindern des Sees». Sie leben am idyllischen Inle-See, dem zweitgrössten See des Landes. Ihre Häuser stehen auf Pfählen am und über dem Wasser. Mit dem Ertrag aus ihren schwimmenden Gärten und dem Fischen sichern sie sich ihren Lebensunterhalt. Seit Generationen. Mit wenig Besitz – aber getragen von einer starken Solidarität untereinander.
Ein Erdbeben, das alles veränderte
Das verheerende Erdbeben traf Daw Yin May am 28. März 2025, kurz nach Mittag um 12.50. Mit einer Stärke von 7,7 erwies es sich als eines der stärksten Erdbeben in Myanmars Geschichte. In sechs Regionen wurde der Notstand ausgerufen: Tausende Menschen starben, Brücken und Gebäude stürzten ein. Mehr als 17 Millionen Menschen waren unmittelbar betroffen
Daw Yin May konnte ihr Leben retten. Doch ihr gesamtes Hab und Gut: weg. «Wir haben alles verloren», erzählt sie. Kleidung, Möbel, Kochutensilien und alle Vorräte.
Die wenigen Lebensmittel, die in der Region noch vorhanden waren, teilten die Überlebenden untereinander. «Die Solidarität war unglaublich», betont Daw Yin May. Nach wenigen Tagen trafen die ersten Hilfslieferungen ein. «Reis, Öl, Kleidung, Eier, Wassereimer und Küchenutensilien – das half uns, durch die ersten Monate zu kommen.»
Auch für Daw Shwe Khaing haben sich die Minuten der Katastrophe unauslöschlich eingebrannt. Die Schneiderin sass mit ihren Kolleginnen in der Fabrik und nähte, als der Boden anfing zu beben. Als das Zittern für einen kurzen Moment nachliess, rannten sie hinaus auf die Strasse. Für eine lange Zeit danach konnte sie nicht arbeiten – dabei ist sie als Witwe die einzige Einkommensquelle ihrer Familie. «Ohne die Hilfslieferungen hätten wir nicht gewusst, wie wir die nächste Zeit überstehen sollen.»
Rasch vor Ort – dank bewährtem Netzwerk
SWISSAID ist seit 1992 in Myanmar aktiv und arbeitet seit 2001 mit einem eigenen Team vor Ort, welches enge Partner verschiedenen Regionen pflegt. Dieses langjährige Netzwerk erwies sich in der Krise als entscheidend. «Es ermöglichte es uns, abgelegene Gebiete schnell zu erreichen, lokale Dynamiken zu verstehen und kulturell sowie kontextuell angemessene Unterstützung zu leisten», betont Kamam Zau Hkam, Leiter Koordinationsbüro Myanmar.
Ein Schwerpunkt lag auf der Inle-Region, wo rund 80 Prozent der Gebäude zerstört oder schwer beschädigt wurden. Eine Region, die bereits im Jahr zuvor von schweren Überschwemmungen betroffen gewesen war – und nun erneut am Boden lag.
Wie in akuten Notsituationen üblich, stellte SWISSAID Bargeld zur Verfügung, damit sich die Menschen selbst mit dem Nötigsten versorgen konnten. Gleichzeitig wurden Nahrungsmittel sowie Materialien für Notunterkünfte wie Planen, Wellbleche und Decken in die am härtesten vom Beben betroffene Gebiete gebracht und verteilt.
Ihre Unterstützung kommt an
12'237 Familien
erreichten wir insgesamt nach drei Nothilfeprojekten in Zusammenarbeit mit fünf lokalen Partnerorganisationen.
6235 Haushalte
haben direkt nach dem verheerenden Beben Nahrungsmittelpakete erhalten.
1959 Familien
wurden mit Zelten versorgt und 461 Haushalte erhielten einen finanziellen Zustupf, um ihr Haus wieder aufzubauen.
Leben im Provisorium
Das Überleben in den ersten Wochen war gesichert. Was aber danach folgte – und bis heute anhält – ist der zähe Wiederaufbau. «Zu den dringendsten Bedürfnissen zählen der Bau von robustem Wohnraum, die Unterstützung bei der Erwerbstätigkeit, Massnahmen zur Ernährungssicherung sowie der Zugang zu Gesundheitsdiensten», sagt Kamam Zau Hkam. «Auch wollen wir die hygienische Situation verbessern und ältere Menschen, Frauen, Kinder und vertriebene Familien gezielt unterstützen. Viele benötigen zudem psychosoziale Unterstützung, um Traumata zu verarbeiten.»

Daw Yin May ist entschlossen, weiterzumachen. Ihr Ziel: Sie möchte den Tomatenaufbau wieder aufnehmen. Vor dem Erdbeben konnte die Familie davon leben. Heute jedoch sind die Kosten für die Reinigung und Vorbereitung der schwimmenden Inseln zu hoch, und alle Ausgaben sind stark gestiegen. Partnerorganisationen von SWISSAID unterstützen die Familie bei der Beschaffung von Anfangskapital, um den Anbau neu zu starten. Dennoch liegt noch ein weiter Weg vor ihnen. Trotz allem bleibt Daw Yin May positiv: «Wir mögen wenig besitzen», sagt sie, «aber wir sind reich an Liebe.»
Auch für Daw Shwe Khaing gleicht das Leben bis heute eher einem Überleben. Ihr Haus ist noch immer nicht repariert, eine erneute Überschwemmung verzögerte die Lieferung von Baumaterial. An ihrer Arbeit hält sie aber fest. «Jeder Stich, den ich nähe, jedes fertige Kleidungsstück bedeutet direkt Schulgeld, Bücher und Essen auf dem Tisch. Ich habe Angst vor einem weiteren Beben – aber ich darf für meine Kinder nicht aufgeben!»
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