«Stimmen der Resilienz: Wie Frauen in Kolumbien und Ecuador mit Gewalt umgehen und Heilung finden» lautet der Titel der Veranstaltung, die im Rahmen der internationalen Kampagne gegen geschlechtsspezifische Gewalt statt von SWISSAID und Universität Bern organisiert wurde.

Eine von SWISSAID in Auftrag gegebene und von der Universität Bern durchgeführte Studie in Boyacá und Sucre (Kolumbien) sowie in Tungurahua und Chimborazo (Ecuador) zeigt, dass die dortigen Frauen struktureller Gewalt ausgesetzt sind, die tief in patriarchalen und machistischen kulturellen Normen verwurzelt ist. Besonders betroffen sind Frauen in ländlichen Gegenden: Sie sind für die Pflege, den Haushalt und den Gemüseanbau zuständig, haben jedoch nur eingeschränkten Zugang zu Tätigkeiten die Einkommen generieren. Dadurch bleiben sie finanziell von ihren Ehemännern abhängig. Obwohl ihre Arbeit für die Familie und die gesamte Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist, erhält sie kaum Anerkennung. Zudem sind Frauen häufig von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen und können ihre Interessen nur eingeschränkt vertreten.

Dr. Nathalie Aya Pastrana, Gründerin und Präsidentin der NGO IMEK Research Center in Cali, Kolumbien, stellte die Studie vor. Ihre Erläuterungen finden Sie im folgenden Video.

SWISSAID engagiert sich gegen Gewalt an Frauen

Um geschlechtsspezifische Gewalt zu reduzieren und Frauen besser in die Gesellschaft zu integrieren, hat SWISSAID Kolumbien 2024 das Projekt «Frauen erheben ihre Stimme und kämpfen für ihre Rechte» ins Leben gerufen. Die Initiative umfasst insbesondere Schulungen und Präventionsmassnahmen zum Thema. Mehr als 11’700 Frauen haben bereits an Trainings zu Gouvernanz und Friedensförderung teilgenommen, die ihnen ermöglicht haben, sich in lokalen Gremien Gehör zu verschaffen und aktiv an politischen Entscheidungsprozessen mitzuwirken.

Das Projekt bezieht auch Männer in die Förderung positiver Männlichkeit ein und unterstützt Überlebende von Gewalt über Netzwerke zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt. Im Jahr 2023 konnten sie somit in 647 Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt Unterstützung leisten.

«Dank den Projekten von SWISSAID haben sich Frauen in kleinen Gruppen zusammengeschlossen und immer grössere Netzwerke aufgebaut. Diese Netzwerke identifizieren Fälle und helfen den Überlebenden, Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erhalten. Sie stehen im Dialog mit den Bürgermeistern und fordern eine bessere Koordination zwischen den Institutionen. Die Frauen organisieren Tür-zu-Tür-Kampagnen dort, wo der Staat nicht präsent ist, um die Bevölkerung zu sensibilisieren und gegen die Banalisierung von Gewalt anzukämpfen», erklärte Mariana Córdoba, Leiterin des SWISSAID-Büros in Kolumbien.

 

Christine Bigler, Thaïs In der Smitten, Mariana Córdoba und Karmen Ramirez Boscan bei der Paneldiskussion. 

Austausch zwischen Fachleuten und Publikum

Die Referentinnen schilderten die strukturelle Gewalt und die machistische Gesellschaft, mit denen Frauen in Kolumbien und Ecuador konfrontiert sind und in der sie oft lernen müssen, sich alleine durchzuschlagen. «Resilienz, dieses Wort, das ich ebenso sehr hasse wie liebe, das sagt, wie stark Frauen sind, aber auch, dass sie trotz Gewalt und Ungleichheit weitermachen. Damit sich etwas ändert, muss sich die gesamte Gesellschaft ändern, die Politik, die Mentalitäten, Männer und Frauen», erinnerte Mariana Córdoba. Diese Einschätzung teilt auch Christine Bigler, Forscherin und Dozentin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern. Für sie gibt es dafür zahlreiche Gründe: mangelndes Engagement der Behörden, eine machistische Gesellschaft, Desinteresse am Schicksal der Frauen. «Die Gesetze sind jedoch oft gut und würden eine Verbesserung der Situation ermöglichen. Das Problem liegt in ihrer Anwendung, sie sind den Betroffenen kaum bekannt und werden von den Behörden kaum berücksichtigt.»

 

 

Trotz allem zeichnen sich allmählich Veränderungen ab, insbesondere im Verhalten der Männer. «Ein Mann, der im Rahmen der Studie befragt wurde, berichtet, dass er, bevor er Vater von Zwillingen wurde, viel trank, gewalttätig war und seine Frau vernachlässigte. Nach der Geburt hatte er keine andere Wahl, als sich um die beiden Mädchen zu kümmern, und das war für ihn ein Bewusstseinswandel. Sein Verhalten hat sich komplett verändert: Er berichtet, dass er mit dem Trinken aufgehört und an seinem gewalttätigen Verhalten gearbeitet hat», berichtet Christine Bigler. Mariana Córdoba schliesst mit einer positiven Bemerkung und erklärt, dass sie Zeugin der starken Bindungen geworden ist, die zwischen den Frauen entstanden sind: «Die Stärke kommt von den besonderen Bindungen, die die Frauen untereinander knüpfen. Die Solidarität, die unter den Frauengruppen entsteht, ist der Schlüssel zu einer besseren Zukunft für jede einzelne von ihnen und für die gesamte Gesellschaft.»

Karmen Ramirez Boscan, Mitglied des kolumbianischen Repräsentantenhauses für im Ausland lebende Kolumbianerinnen und Kolumbianer und indigene Wayuu-Feministin  fügte hinzu, dass Überlebende von Gewalt gegen Frauen zwar nicht Heilen, aber aus der Erfahrung des Überlebens Kraft schöpfen können.

Der Abend wurde brillant moderiert von Thaïs In der Smitten, Mediensprecherin und Verantwortliche Kommunikation bei SWISSAID.