Saatgutbanken in Kenia

Krisenfest dank eigenem Saatgut

Klimabedingte Extremereignisse suchen Kenia immer wieder heim. Für die ländlichen Gemeinschaften ist bäuerliches Saatgut, das gut an diese Umweltbedingungen angepasst ist, daher unerlässlich. Das Projekt EmergenSEED unterstützt den Zugang, den Tausch und die Erhaltung von Saatgut, um die Saatgutsouveränität und Autonomie der Bauernfamilien zu stärken.

Die Fakten

Land, Region:
Kenia, Baringo und Turkana[
Dauer:
Juni 2024 – Juni 2026
Begünstigte:
2000 direkt Begünstigte, 10'000 indirekt begünstigte Personen
Gesamtprojektbudget:
451'185 CHF

Die Ziele

  • Kleinbauerngemeinschaften stärken ihre Lebensgrundlagen und verringern ihre Verwundbarkeit gegenüber der Klimakrise – präventiv und im Katastrophenfall.
  • Produktion und Nutzung vielfältiger, klimarobuster lokaler Sorten fördern.
  • Zugang zu bäuerlichem Saatgut verbessern.
  • Politische Massnahmen unterstützen, die lokale Saatgutsysteme schützen und stärken.

In vielen ländlichen Regionen Kenias verändert der Klimawandel den landwirtschaftlichen Rhythmus grundlegend. Extreme Schwankungen gefährden Ernten und damit die Ernährungssicherheit. Der El Niño 2023/2024 zeigte dies deutlich: Massive Regenfälle überfluteten Böden und zerstörten Kulturen. Besonders betroffen waren die Regionen Turkana und Baringo – zahlreiche Familien waren danach vollständig auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Bäuerliches Saatgut als Schlüssel zur Klimaresilienz

Angesichts der zunehmenden Prekarität gewinnt der Gebrauch von bäuerlichem Saatgut an grosser Bedeutung. Es wird über Generationen hinweg sorgfältig ausgewählt, erhalten und weitergegeben. Bäuerliches Saatgut ist somit besser an die lokalen Ökosysteme angepasst und hält klimatischen Schwankungen besser Stand als Saatgut aus kommerziellen Verkaufsquellen.

Der Zugang zu vielfältigem bäuerlichem Saatgut ermöglicht nicht nur der Landwirtschaft sich nach einer Krise rasch zu erholen: Er stärkt auch die Autonomie ländlicher Gemeinschaften und ihre Fähigkeit, künftige Extremereignisse zu bewältigen.

Diverse seeds in bottles, on a shelve of the seed bank created by the project.

EmergenSEED: Mit lokalem Saatgut aus der Krise

Bäuerliches Saatgut steht auch im Mittelpunkt von EmergenSEED. Das SWISSAID Projekt wurde 2024 in Zusammenarbeit mit dem Seed Saver Network Seed Savers Network ins Leben gerufen und zielt darauf ab, die rurale Bevölkerung in Turkana und Baringo zu unterstützen, die nach dem El Niño vor zwei Jahren in Not geraten ist.

Zahlreiche bedürftige Haushalte erhielten Notfallpakete mit robustem Saatgut: Mais, Sorghum, Hirse, Bohnen, Schwarzaugenbohnen und ab und zu auch Süsskartoffelsetzlinge. Zudem wurden Saatgutmärkte in der Region eingerichtet: Bäuerinnen und Bauern, die zwischen zwei Saisons ihr Saatgut erfolgreich vermehrten, können die Überschüsse nun an andere Familien verkaufen.

So wechselten fast sieben Tonnen Saatgut den Besitzer und führten so zu einem Kreislauf, der die lokale Autonomie stärkt, anstatt die Abhängigkeit von externer Hilfe zu fördern.

Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend: Dank bäuerlicher Saatgutssysteme konnten einige Bäuerinnen und Bauern elf bis fünfzehn Säcke Mais auf nur einem halben Hektar Land ernten. Der Erfolg repräsentiert das grosse Potenzial, das in lokalen, gut angepassten Saatgutsorten liegt.

Seed fair orgnised by the project, people exchanging or buying local seeds

Saatgutmesse, auf der fast sieben Tonnen Saatgut einen kurzen Vertriebsweg versorgten, der die lokale Autonomie stärkt und die Abhängigkeit von Hilfe von aussen verringert.

Saatgutbanken: Vorsorge für kommende Krisen

Das Projekt ist auch Teil einer langfristigen Strategie, die darauf abzielt, die Saatgutsouveränität der Bevölkerung wiederherzustellen und sie krisenfester zu machen. Dazu richteten wir gemeinschaftliche Saatgutbanken ein und bauten bestehende aus, um Vorräte für die kommenden Jahre zu sichern. Über 1000 Saatgutsorten lagern nun in 140 gemeinschaftlichen Saatgutbanken, wovon 13 im Rahmen des Projekts saniert wurden.

Laut Daniel Wanjama, CEO von Seed Savers Network, verringern solche dezentralen Netzwerke das Risiko von Krankheits- und Schädlingsbefall: «Wenn nur eine Person Saatgut produziert und ihre Sorte dann infiziert ist, leiden alle Bauernfamilien darunter. Die vielfältigen Saatgutbestände in bäuerlichen Saatgutsystemen hingegen bieten bis zu einem gewissen Grad Schutz gegen solche Vorfälle.» Diesen Gedanken teilen auch die Bäuerinnen und Bauern. Ein Projekteilnehmer erklärt: «Früher erhielten wir grosse Mengen an Saatgut, die alle von uns sogleich anpflanzten. Wenn die Samen aber eine tiefe Keimungsrate haben oder nicht an die Umweltbedingungen angepasst waren, erlitten alle Ernteausfälle, was unsere Gemeinschaft in eine noch schlimmere Lage brachte.»

Daniel-Wanjama, SSN-Director during a visit of the Seed Savers Network in Kenia.

Wenn nur eine Person Saatgut produziert und ihre Sorte dann infiziert ist, leiden alle Bauernfamilien darunter. Die vielfältigen Saatgutbestände in bäuerlichen Saatgutsystemen hingegen bieten bis zu einem gewissen Grad Schutz gegen solche Vorfälle.

Daniel Wanjama, CEO von Seed Savers Network, Projektpartner

Wissen stärken – Ernten verbessern

Ergänzend zu den Saatgutbanken bietet das Projekt praktische Schulungen dazu, wie Saatgut produziert und nach traditionellen Methoden aufbewahrt werden kann. In Turkana und Baringo gibt es 20 Parzellen, um zu demonstrieren, wie sorgfältig ausgewählte und klimarobuste Sorten angebaut werden können. Die beiden Bezirke sind besonders stark von Dürre betroffen: Entsprechend wachsen in den Parzellen vor allem Pflanzen, die mit wenig Wasser auskommen.

«Ich habe Mungbohnen angebaut, die ich aus unserer Saatgutbank erhalten habe. Trotz gelegentlicher Wasserknappheit habe ich bereits fünf Säcke geerntet. Ich habe sie auf dem Saatgutmarkt verkauft und 150’000 KES (ca. 900 CHF) eingenommen», erzählt ein Bauer aus Baringo.

 

 

Ein Sieg für die Saatgutsouveränität in Kenia

Die Bedeutung von bäuerlichem Saatgut wurde jüngst auch auf nationaler Ebene rechtlich anerkannt. Im November 2025 traf der Oberste Gerichtshof Kenias eine historische Entscheidung: Der Abschnitt des Rechts zu Saatgut- und Pflanzensorten, der die Erhaltung, den Tausch und Verkauf von Saatgut aus eigenem Anbau unter Strafe stellte, gilt als verfassungswidrig.

Mit dem Urteil werden traditionelle landwirtschaftliche Praktiken endlich als Grundrecht und nicht als Straftat anerkannt: Dies öffnet politischen Spielraum für die Entwicklung gerechterer, vielfältigerer und besser an die aktuellen klimatischen Herausforderungen angepasster bäuerlicher Saatgutsysteme.

Kenyan women farmers in one of the seed bank of the project.