Häusliche Gewalt in Indien: Zuhause ist es am gefährlichsten

Jede dritte Inderin wird von ihrem Mann oder seiner Familie misshandelt. Hilfe suchen die Opfer vergeblich: Nachbarn, Polizei, sogar die eigene Familie – alle schauen meistens weg. Mit Frauenhäusern und Beratungsstellen unterstützt SWISSAID Paare dabei, Zufriedenheit zu finden – gemeinsam oder getrennt.

«Ein Gebrauchsgegenstand – mehr war meine Frau nicht für mich. Rani sollte meine Mutter im Haushalt unterstützen, kochen und meine Bedürfnisse befriedigen.» Vitthal, 30 Jahre alt, beschönigt die Vergangenheit nicht. «Alle meine Freunde machten es so.»

Rani war verzweifelt. «Kurz nach der Hochzeit begann Vitthal, mich wegen Kleinigkeiten zu beschimpfen und zu schlagen. Ich dachte oft an Selbstmord.» Schon ihre Mutter hatte sich wegen jahrelanger Gewalt zuhause das Leben genommen. Sollte sich die Geschichte bei Rani wiederholen?

Er nahm ihr den ganzen Lohn ab

Schrecklich war das Leben auch für Bhakti, die mit 13 Jahren den 25-jährigen Vikas heiraten musste. Ein Jahr nach der Hochzeit zwang er sie, in den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten. Eine viel zu harte Tätigkeit für ein Mädchen und ein Bruch mit den Abmachungen, die die Familien getroffen hatten. Als Bhakti sich wehrte, schlug er das erste Mal zu. Während sich Bhakti auf dem Feld abrackerte, drei Kinder zur Welt brachte und den Haushalt besorgte, versoff Vikas ihren Lohn. Für Bhakti und die Kinder blieb nicht mal genug fürs Essen. «Ich war so traurig, konnte kaum zu den Kindern schauen. Da war niemand, mit dem ich sprechen konnte», erinnert sich die junge Frau. Bhaktis Schicksal blieb den Bewohnern im Dorf nicht verborgen. Doch niemand mochte einschreiten – niemand, bis auf die Helfer von Manavlok.

Die Partnerorganisation von SWISSAID bietet im Bundesstaat Maharashtra Sozial- und Rechtsberatung bei häuslicher Gewalt an, führt Frauenhäuser und bildet Polizisten und Richter weiter, damit diese ihrer Aufgabe nachkommen. Denn obwohl die Rechte der Frau gesetzlich verankert sind, gehört Indien zu den fünf gefährlichsten Ländern für Frauen weltweit. 

Die Unterstützungsgruppen von Manavlok bestehen aus Männern aus dem Dorf, die sich in brenzligen Situationen vor ihre Nachbarinnen, Schwestern und Schwägerinnen stellen und vermitteln. Dass es «normale» Bauern und Handwerker sind, die wissen, wie schwierig das Leben mit wenig Geld und viel Alkohol sein kann, ist wichtig. Doch in Bhaktis Fall hat selbst das nicht geholfen.

Versuchter Giftmord

Nach der Beratung bei Manavlok beteuerte Vikas, er wolle seine Frau gut behandeln, die Kinder nicht mehr schlagen und die Familie ernähren. Doch es kam schlimmer als zuvor. Vikas schlug seine Frau blutig und zwang sie, Insektengift zu trinken. Bhakti fiel in Ohnmacht. Die Kinder schrien, bis die Nachbarn reagierten. Mit einer Axt in der Hand versperrte Vikas den Helfern den Zugang. Schliesslich konnte er überwältigt und Bhakti ins Spital gebracht werden. An eine Rückkehr zu Vikas dachte danach niemand mehr. Heute wohnt und arbeitet Bhakti mit ihren Kindern in einem Waisenhaus. 60 Franken verdient sie im Monat. Die Angestellten von Manavlok haben ihr die Stelle vermittelt und begleiten sie auch vor Gericht, wo Bhakti ihren Mann auf Unterhalt einklagt. Ein bescheidenes, aber sicheres Leben.

Vom Frauenschläger zum Vorzeigepapa

Viel verändert hat sich auch bei Rani und Vitthal. Seit sie ein sogenanntes Happiness-Seminar von Manavlok besucht und ihre Beziehung in Gesprächen und Rollenspielen überdacht haben, ist ihre Ehe eine andere. Vitthal schlägt nicht mehr zu. Mehr noch: Er hilft im Haushalt, wechselt die Windeln seiner Tochter. «Meine Freunde lachen mich aus, wenn ich am Fluss Kleider wasche. Aber mich stört das nicht. Rani ist meine engste Vertraute, und ich möchte sie glücklich machen.» Und Rani? «Ich bin glücklich. Vitthal ist für mich da, und ich kann mich auf ihn verlassen. Ein guter Mann.»

Projektcode: IN 02/15/11

Projektdauer: 2 Jahre

Anzahl Begünstigte: 95 Dörfer

Projektkosten:  282'395 Franken