Gentechnologie in Entwicklungsländern: „Wir wurden hinters Licht geführt“

Gentechnologie in Entwicklungsländern: „Wir wurden hinters Licht geführt“

We agree to disagree: Am Ende der Podiumsdiskussion an der jüngsten SWISSAID-Veranstaltung zu Gentechnologie waren die Fronten klar. Hier die Skeptiker, die vor gesundheitlichen Folgen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und langfristig niedrigeren Erträgen warnen. Dort die Befürworter, die die Chancen herausstreichen und die Gentechnologie als logische Fortsetzung jahrzehntelanger konventioneller Pflanzenzüchtung sehen.

Unbestritten scheint, dass die Befürworter in den letzten Jahren mehr Erfolg hatten – nicht zuletzt in Entwicklungsländern. „In den letzten zwei Jahrzehnten verbreitete sich die Gentechnologie in den Entwicklungsländern rasch“, unterstrich Fabio Leippert, Landwirtschaftsexperte von SWISSAID. So rasch das Wachstum, so ernüchternd sei die Bilanz, so Leippert: „Zu einer Verbesserung der Ernährungssicherheit der Ärmsten hat diese Entwicklung nicht geführt, der Pestizideinsatz hat sich zudem nicht reduziert.“

Dass die Einführung der Gentechnologie gar mit erheblichen Risiken einhergeht, zeigt etwa das Beispiel Burkina Fasos, von dem Aline Zongo von der SWISSAID-Partnerorganisation COPAGEN berichtete. „Als wir vor über zehn Jahren als erstes afrikanisches Land Gentech-Baumwolle einführten, folgten wir den grossen Versprechen der Industrie: Mehr Ertrag, weniger Pestizide, beste Qualität, was sich zunächst bestätigte.“ Nach lediglich drei Jahren hätten sich die Hoffnungen jedoch zerschlagen. Der Ertrag verringerte sich drastisch, die Qualität war ungenügend und die Bauern gerieten in eine Schuldenspirale, so Zongo. „Wir wurden hinters Licht geführt.“

Demokratisierung der Forschung

Um solche Fälle künftig zu verhindern, forderte Michel Pimbert, Professor der Coventry University, eine stärkere Demokratisierung landwirtschaftlicher Forschung: „Die Stimmen der lokalen Bauern, die von Reformen am stärksten betroffen sind, müssen in nationale und internationale Debatten einfliessen.“ Allzu oft werde über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden und vorhandenes lokales Wissen ignoriert.

Dass die Gentechnologie in Entwicklungsländern die Versprechen bislang nicht einlösen konnte, stellte Beat Keller von der Universität Zürich bei der abschliessenden Podiumsdiskussion nicht in Abrede. Das heisse aber nicht, dass man die Vorteile der neuen Technologien generell infrage stellen sollte, so der Professor für Pflanzen- und Mikrobiologie. „Die Risiken von Gentech sind nicht grösser als jene der konventionellen Landwirtschaft.“

„Viele Risiken sind völlig unbekannt“

Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL), plädierte auf dieser Grundlage dafür, „Neuem mit Offenheit zu begegnen“. Man dürfe nicht in die 90er-Jahre zurückfallen und technische Fortschritte im Gentechbereich pauschal zurückweisen. Für den Biobereich gelte indes auch, dass die Zelle die kleinste Einheit der Züchtung sei und Gentechnisch veränderte Organismen nicht zur Debatte stünden.

Ein gänzlich anderes Narrativ vertrat Jack Heinemann, Professor für Genetik an der University of Canterbury in Neuseeland. Er wies darauf hin, dass die wissenschaftliche Grundlage der Gentech-Befürworter oft sehr dünn sei. „Die meisten Untersuchungen zur Gentechnologie in der Landwirtschaft haben einen äusserst eingeschränkten Fokus und decken oft nur einen sehr kurzen Zeithorizont ab.“ Dabei sei es unumstritten, dass nur eine ganzheitliche Betrachtung zu einem echten Verständnis der möglichen Folgen der Gentechnologie führt. „Heute sind uns viele Risiken der Technologie völlig unbekannt, weil wir gar nicht systematisch hinschauen – trotzdem wird sie weiterhin eifrig eingeführt.“

Burkina Faso als Mahnzeichen

Darüber besorgt zeigte sich auch Aline Zongo. Die Erfahrungen in ihrer Heimat hätten gezeigt, zu welchen Konsequenzen es führe, wenn auf eine sorgfältige Risikoabwägung verzichtet werde. „Die Einführung nach dem Prinzip Hoffnung ist keine Option, dafür steht gerade in Entwicklungsländern viel zu viel auf dem Spiel.“ Die Gentechnologie sei ein gutes Business für die Grosskonzerne und für die Politiker, aber keine Lösung für die Menschen in Burkina Faso.

Neben der Gentechnologie-Veranstaltung in Bern führte SWISSAID vergangene Woche auch zwei Veranstaltungen dazu in der Romandie durch. Aline Zongo war dabei Gast an der Ecole d’agriculture in Genf sowie an der Université de Lausanne. Eine Zusammenfassung dieser Veranstaltungen finden Sie hier (auf Französisch).