Wenn die Ärmsten der Armen zum Vorbild werden

Die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner Indiens werden geächtet und leben oft in bitterer Armut. In Zentralindien sorgt SWISSAID darum in 93 Dörfern für bessere Zukunftsperspektiven dieser Männer, Frauen und Kinder.

Eigentlich sind die Kamar nicht wirklich Bauern. Die Volksgruppe verdient ihren Lebensunterhalt traditionellerweise als Korbflechter. Doch das wirft bei Weitem nicht genug ab. Und so versuchen sich die Kamar in der Landwirtschaft und der Fischerei oder wandern in die Slums der grösseren Städte ab. Sie leben am Rande der Gesellschaft, als Ureinwohner geächtet und ohne Zugang zu den Hilfsprogrammen der Regierung. Um davon profitieren zu können, müssten sie darüber Bescheid wissen – und sich im Dschungel der Bürokratie durchsetzen können. Ein Ding der Unmöglichkeit, zumal die wenigsten lesen und schreiben können. Wie ein Wunder wirkt es da, wenn Kamar-Bäuerin Pila Bai sagt: «Heute kann ich pro Jahr 14000 Rupien verdienen, allein mit der Landwirtschaft.» Diese gut 200 Franken sichern ihr und ihrer Familie das Überleben. Doch das kam nicht von heute auf morgen. 

Wasser spendet Nahrung

 «Am wichtigsten ist der Teich», erzählt die Witwe und deutet auf ein rechteckig ausgehobenes Regenauffangbecken, das in einer kleinen Senke liegt. Das Reservoir hatte noch ihr Mann angelegt, der im Frühling überraschend verstorben ist. Seither muss sich Pila Bai mit ihrer Tochter alleine über Wasser halten. «Gut, hat er das gemacht», sagt sie dankbar. «So kann ich uns durchbringen.»
Ihr Mann Budharam war der Erste in der Kamar-Gemeinde, der ernsthaft auf die Landwirtschaft setzte. «Er wollte gut für seine Familie sorgen», sagt der SWISSAID-Projektleiter Pramod Pradham rückblickend. In Kursen lernten Budharam und Pila Bai die Grundzüge des ökologischen Ackerbaus und der integrierten Waldwirtschaft kennen. Schon bald züchtete die Bauernfamilie Fische, hielt einige Enten und Hühner und konnte die Gemüsefelder in der Trockenzeit bewässern. «Ein Vorbild im Dorf.»

Aller Anfang ist schwer 

Doch zu Beginn harzte es. Auf den Versuchsfeldern, auf denen die Bauern die ökologischen Anbaumethoden – vor allem die Mischkulturen – ausprobieren konnten, wuchsen weder Kraut noch Rüben. «Den Bauern gelang es kaum, die neuen Methoden anzuwenden, und sie machten so einfach das, was sie schon immer gemacht hatten», sagt der SWISSAID-Projektleiter. «Erst als im Jahr drauf die Bäuerinnen, Bauern und Führungskräfte im Dorf weiter geschult wurden, ging es vorwärts.» Der Erfolg von Bäuerinnen wie Pila Bai soll kein Einzelfall bleiben. Ziel ist es, in 93 Dörfern Zentralindiens die Ureinwohner zu befähigen, mit Fischzucht und modernen ökologischen Anbaumethoden den Hunger in Schach zu halten – ohne Hochleistungssaatgut und chemische Keule. Ein Anfang ist gemacht: Bereits 22 Nachbarinnen und Nachbarn von Pila Bai haben einen Regenwasserteich angelegt und können den Menüplan mit Fisch und Gemüse anreichern.  

Ihre Spende wirkt

Mit 75 Franken finanzieren Sie beispielsweise in Indien zwei Bauernfamilien genügend Jungfische, um eine Zucht zu starten, wobei der diffizile Transport der Fischchen damit schon gedeckt ist. Die Schulung aller Fischhalterinnen und Fischhalter der Region kostet insgesamt 353 Franken.  

Projektnummer: IN – 2/16/10,
Kosten:  399'283.-
Laufzeit: 27 Monate
Direkt Begünstigte: Bauernfamilien in 93 Dörfern