Was gibt es Neues an der Saatgutfront?

Was gibt es Neues an der Saatgutfront?

Die Schweiz beteiligte sich Ende des vergangenen Monats an der Sitzung zum so genannten Saatgutvertrag, dem internationalen Vertrag der Vereinten Nationen über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft. Der 2001 verabschiedete und 2004 in Kraft getretene Vertrag sollte den Zugang zur Saatgutvielfalt für alle erleichtern. Doch nun, zehn Jahre später, ist genau das Gegenteil eingetreten. 

Durch diesen Vertrag, erinnert die Bauernbewegung Via Campesina, kann die Saatgutindustrie frei und kostenlos aus dem riesigen Saatgutschatz schöpfen, der sich über Jahrhunderte bäuerlicher Auslese angesammelt hat, und die Saat dann in eigenen, privaten Sammlungen einlagern. 

Gleichzeitig verschwinden die für alle zugänglichen öffentlichen Saatgutsammlungen eine nach der anderen. In immer mehr Ländern werden Bauern, die ihr eigenes Saatgut produzieren, anbauen und austauschen, wie Verbrecher behandelt. 

Beispiel Kolumbien

Genau das ist in Kolumbien geschehen und erzürnt die Bauernorganisationen, die in den letzten Wochen zum Generalstreik aufgerufen und die Strassen blockiert haben, um die Versorgung der Städte lahmzulegen. Die 2010 erlassene Resolution «970» verbietet kolumbianischen Bauern, ihr eigenes Saatgut aufzubewahren, was somit zu einer kriminellen Handlung wird. 

Laut der Organisation GRAIN haben die kolumbianischen Behörden innert drei Jahren etwa 4000 Tonnen lokales Saatgut vernichten lassen. Im vergangenen Jahr haben die Ordnungskräfte die Lager und Lastwagen von Reisbauern in der Provinz Huila gestürmt und 70 Tonnen Reis vernichtet, der mit «nicht zugelassenem» lokalem Saatgut produziert worden war. 

In immer mehr Ländern haben die Bauern nur noch Zugang zu industriell produziertem Saatgut, das sie jedes Jahr neu kaufen müssen und das weitere Anschaffungen zur Folge hat: ein ganzes Arsenal an chemischen Düngemitteln und Pestiziden, die zu hohen Preisen verkauft werden. Die Agrochemie-Multis wie Syngenta und Monsanto machen sich breit, nehmen eine Monopolstellung auf dem nationalen Saatgutmarkt ein und kaufen die lokalen Saatgutgesellschaften auf. 

In Indien haben die Baumwollbauern heute keinen Zugang mehr zur lokalen Baumwollsaat, die sie seit jeher verwendet haben: Der Markt für Baumwollsaat wurde vollständig vom gentechnisch veränderten Saatgut von Monsanto und Syngenta überschwemmt. Der Widerstand war zwar von Anfang an sehr gross, aber angesichts des hohen politischen und wirtschaftlichen Drucks, der auf dem indischen Staat lastet, gilt nun jeder Widerstand und jede Kritik an der gentechnisch veränderten Baumwolle, der Bt-Baumwolle, als Vergehen. Gleichzeitig nehmen die Selbstmorde von überschuldeten Bauern das Ausmass einer nationalen Katastrophe an. 

In Kolumbien sah sich die Regierung Anfang September durch den Widerstand der Bauern gezwungen, die Resolution 970 für zwei Jahre auszusetzen. Die Behörden gaben an, diese zweijährige Aussetzung nutzen zu wollen, um neue Saatgutbestimmungen zu erlassen, «welche die kleinen Landwirte nicht benachteiligen».

In Kolumbien wie auch an anderen Orten auf der Welt kämpfen die Bauern ums Überleben. Der Staat bietet ihnen keine Unterstützung, sondern unterzeichnet Freihandelsabkommen (FHA) mit den USA und der Europäischen Union, wodurch die kolumbianischen Produzenten im Strom der subventionierten Importe ertrinken. Gleichzeitig fördert die Regierung aktiv die Landkäufe durch – oftmals ausländische – Grossunternehmen, um eine exportorientierte industrielle Landwirtschaft zu fördern. Darunter leidet die auf Selbstversorgung ausgerichtete Familienlandwirtschaft. 

Die UNCTAD hat jedoch kürzlich in Genf einen schockierenden Bericht veröffentlicht, der zur Unterstützung der bäuerlichen Landwirtschaft und der Agrarökologie aufruft. Liest man den Titel, erübrigt sich jeder Kommentar: «Wacht auf, bevor es zu spät ist» (Wake up before it is too late). Der Bericht richtet sich völlig gegen das Landwirtschafts- und Entwicklungsmodell, das von den USA und der Europäischen Union gefördert wird und das in den so genannten Ländern des Südens noch nie dagewesene menschliche und ökologische Katastrophen verursacht.