Wann ist ein Mann ein Mann?

Wandelnde Geschlechterbilder sind nicht nur im Westen ein Thema. Auch an der kolumbianischen Karibikküste geraten die traditionellen Rollen unter Beschuss. Das bringt ganz konkrete Vorteile für beide Geschlechter: Bessere Beziehungen, weniger Gewalt – und mehr „Gefühle“ beim „starken“ Geschlecht.

„Die Väter unter uns sind verständnisvoller und zärtlicher im Umgang mit ihren Töchtern und Söhnen. Sie erzählen, dass sich die Gesprächskultur zuhause verbessert habe und sie nicht mehr dreinschlagen. Davon profitieren auch die Beziehung zu ihren Frauen und ihr Sexualleben.“ 
                                                                                                                                                                                   Teilnehmer eines Gleichstellungsworkshops

Wer bei Kolumbien nur an Kokainhandel, korrupte Paramilitärs und Farc-Rebellen denkt, verkennt, dass der lateinamerikanische Staat noch ein ganz anderes Gesicht hat. Geradezu fortschrittlich etwa sind Bauerngemeinden und Ureinwohner in einem der am stärksten von Gewalt betroffenen Landstreifen: An der Karibikküste haben sie sich zusammengetan, um als Gruppe den Machismo zu bekämpfen und ihre angestammten Geschlechterrollen zu überdenken. Im Fokus steht Geschlechtergerechtigkeit und die Frage, wie Männlichkeit neu gelebt werden kann. 

Ins Rollen gebracht wurde der Stein 2008, als klar wurde, dass die Arbeit mit den Frauen allein nicht reicht, um die Macho-Kultur ins Wanken zu bringen. Um Erfolge zu erzielen, müssen auch die Männer am gleichen Strick ziehen.

Eine Gruppe junger und älterer Männer aus der Karibik steht als Drahtzieher hinter den Aktionen, Workshops und Kampagnen, in denen sie mit ihren Geschlechtsgenossen ihre „Mannsbilder“ diskutieren und hinterfragen. Und da ihre Lebensbedingungen untrennbar damit verbunden sind, wie Männlichkeit in der kolumbianischen Gesellschaft betrachtet und bewertet wird, verknüpfen sie ihren Ruf nach neuen Männerrollen im Alltag, in der Familie und der Gemeinschaft mit ihrem Kampf für eine saubere und verantwortungsbewusste Landwirtschaft und faire Rechte am beackerten Grund und Boden. Mit der Unterstützung von sechs Bauernorganisationen und indigenen Gruppierungen verhilft SWISSAID diesem wertvollen Engagement zu mehr Schub.

Im Mini durch die Hauptstadt

Das Thema bewegt die Bevölkerung im ganzen Land. In verschiedenen Veranstaltungen tragen Männerkollektive das Thema mit viel Fantasie in die Öffentlichkeit. Dabei zeigen die Aktivisten Mut und scheuen beispielsweise nicht davor zurück, in Cartagena und Bogotá zu einem „Marsch der Männer in Röcken“ aufzurufen. 

Mit den gleichen Zielen – keine Gewalt an Frauen, mehr Gerechtigkeit unter den Geschlechtern – aber zurückhaltenderen Ansätzen arbeiten die Männlichkeitspioniere in den abgelegenen Gegenden an der Karibikküste: Mit Workshops an Schulen, Jugendtheatergruppen, Filmvorführungen und Kursen bringen sie das Thema lustvoll aufs Tapet und bemühen sich, gezielt junge Männer anzusprechen.

Daneben darf auch die beinharte politische Arbeit nicht fehlen. Die Gruppierungen setzen alles daran, das Thema auf die politische Agenda der lokalen Regierungen zu hieven, in Schulen und Ausbildungsstätten (Lehrerinnen, Schüler, Eltern) zu verankern und Gleichstellungsberaterinnen und -berater einzusetzen, die der Bevölkerung sowie den Entscheidungsträgern bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Offenbar mit Erfolg.

„Wir sind keine gewalttätigen Machos mehr“

Denn wenn die Botschaft nicht in den Köpfen der Bevölkerung ankommt, sind all die guten Worte, das engagierte Lobbying und die entblössten Männerbeine nutzlos. Doch wie eine Evaluation zeigt, ist diese Befürchtung vergebens. So sagt eine Frau über die Kampagne:

„Die Toleranz gegenüber Gewalt an Frauen nimmt ab und das Bewusstsein für Gerechtigkeit in der Erziehung und der Beziehung nimmt zu. Ganz konkret sehen wir das daran, dass junge Paare nach dem Besuch des Gleichstellungs-Workshops ihr Verhalten ändern: Die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung und die Kommunikation und Herzlichkeit zwischen den Partnern verbessern sich.  Die Männer werden zu Kameraden auf einem gemeinsamen Weg zu mehr Gerechtigkeit.“ 

Die Männer bemerken die Veränderungen, die der Besuch der Workshops und die Auseinandersetzung mit dem Thema mit sich bringen, an sich selber: „Heute sind wir keine gewalttätigen Machos mehr.“ Sie haben gelernt, ihren Umgang mit Alkohol zu kontrollieren und Situationen, in denen Gewalt aufkommen könnte, auszuweichen. Ihr Umgang mit Freunden und Verwandten ist herzlicher geworden und sie haben damit begonnen, zur eigenen Gesundheit besser Sorge zu tragen. Das zeist sich auch in der Einstellung gegenüber den Kindern:

„Wir sind liebevoller zu unseren Kindern. Wenn ein Mädchen auf die Welt kommt, denken wir nicht mehr als erstes daran, wie viel uns ihre Verheiratung einbringen wird.“

Viele Männer trauen sich heute, ihre Gefühle durch Umarmungen, liebevolle Worte oder Weinen auszudrücken und ihre Sorgen und Probleme zu äussern. „Ein gutes Gespräch in der Beziehung ist wie ein Selbsthilfeprogramm für ein Paar. Das haben wir erkannt.“

Projektcode: KO 02/13/04
Projektdauer: bis 2014
Projektkosten: 97‘843 Franken
Anzahl Begünstigte: 860 Personen