Traditionelle Sorten: Altes Saatgut, neuer Erfolg

Mit altem und vergleichsweise robustem Saatgut für Reis und Getreide wappnen sich indische Bäuerinnen und Bauern gegen das unbeständige Klima. Auch finanziell sind die Sorten ein Gewinn. Trotzdem müssen viele Bauern erstmal „auf die Nase fallen“, bevor sie ihre Landwirtschaft umstellen.

Nach den Überschwemmungen liegt kein einziges Korn mehr in den Hülsen, die Ähren sind kaputt.  „Wie lange stand das Wasser?“, fragt Kusum Misra.  „Fünf Tage“, antwortet der Reisbauer verzweifelt. Er hat viel Geld ausgegeben, um das Saatgut zu kaufen und sein Feld zu pflegen. Nun steht er vor dem Nichts, während rundherum die Felder noch grün sind. Die Nachbarn dagegen haben traditionelles Saatgut ausgesät, das sie von der Saatgutaktivistin Kusum Misra erhalten haben. Das hat sie gerettet.

Altes Saatgut konnte sich an Boden und Klima anpassen

Die Szenen aus dem Film „10 Milliarden“ des deutschen Dokumentarfilmers Valentin Thurner sind kein Einzelfall. Hybridsaatgut für Reis, Hirse, Gemüse und Baumwolle ist in Indien weit verbreitet. Agrochemiekonzerne scheffeln Millionen damit, während sich Bäuerinnen und Bauern für den Einkauf bisweilen hoch verschulden. Auch Dünger und Pestizide schlagen teuer zu Buche. Das investierte Geld spielen sie nur im Glücksfall wieder ein. Wenn starke Regenfälle die Felder fluten oder Dürreperioden den Boden austrocknen, verlieren sie ihre Ernte. Nicht so mit den alten Sorten: Weil das traditionelle Saatgut über viele Generationen gezüchtet wurde, ist es heute deutlich besser angepasst an die Bodenbeschaffenheit und die immer häufiger auftretenden Wetterextreme. Das Risiko für einen Ernteausfall ist deutlich geringer.

Lokale Sorten sind wichtig für das Überleben der Bauernfamilien

Lokales Saatgut spielt in Indien daher eine grosse Rolle für die Ernährungssicherung der Bauernfamilien. Auf dem Subkontinent gibt es viele private Saatgutwächterinnen wie Kusum Misra, die ihr Bestes geben, um die bewährten Sorten vor dem Verschwinden zu bewahren. „Ich hege mütterliche Gefühle für diese Samen. Sie sind wie meine Kinder“, sagt die Aktivistin und zeigt die sorgfältig beschrifteten Töpfe mit dem Saatgut.

Das Problem ist nicht der fehlende Wille, sondern die mangelnde Vernetzung: SWISSAID arbeitet deshalb mit fünf lokalen Partnerorganisationen daran, die Saatgutbewahrerinnen in zehn Bundesstaaten  zu vernetzen, sodass sie Samen und Wissen aus ihren Saatgutbanken austauschen können. Alte Reis-, Hirse-, Gemüse- und Baumwollsorten sollen so vor dem Verschwinden bewahrt und unter den Bauern bekannt gemacht werden.  10‘000 Bäuerinnen und Bauern aus 213 Dörfern werden auf diese Weise erreicht.

Erfolgreich auf Bio umgestellt

Einer dieser Bauern ist Krishna. Auch er hat viele Jahre konventionell produziert, Hybridsaatgut eingekauft und seine Reisfelder mit künstlichem Dünger, Pestiziden und Unkrautvertilgen gepflegt, oder vielmehr: vergiftet. Die Chemie bringt kurzfristig zwar schöne Ernten, doch langfristig schadet sie – und zwar nicht nur dem Boden: „Irgendwann habe ich die Schädlingsbekämpfungsmittel nicht mehr vertragen. Mir war ständig schlecht und ich hatte Kopfschmerzen.“ Heute geht es Krishna besser. Er baut alte Sorten an und bringt natürlichen Dünger aus. Auch ökonomisch rechnet sich die Umstellung.

Die späte Einsicht sei typisch, meint Kusum Misra. Viele Bauern müssten erst einmal „richtig auf die Nase fallen“, bevor sie zu den widerstandsfähigeren, traditionellen Sorten zurückkehren. Dank den Saatgutbanken von Kusum Misra und ihren Mitstreiterinnen wird es sie dann hoffentlich noch geben.

 

 

  • Projektnummer: IN 02/15/02
  • Projektdauer: 12 Monate
  • Projektkosten: 236‘813 Franken
  • Anzahl Begünstigte: 10‘000 Bäuerinnen und Bauern aus 213 Dörfern