Ohne Kurswechsel wird die „Titanic“ sinken

Ohne Kurswechsel wird die „Titanic“ sinken

In der globalen Landwirtschaft braucht es dringend einen Kurswechsel. SWISSAID, Biovision und das CDE der Universität Bern forderten an einer Tagung am 23. Mai 2012 an der ETH Zürich die Schweizer Delegation auf, am Erdgipfel Rio+20 Ende Juni dafür zu sorgen, dass die nachhaltige Landwirtschaft zum Eckpfeiler des Konzepts der „Grünen Ökonomie“ wird.

Hans Herren war erzürnt: Soeben habe er erfahren, dass im neusten Entwurf für die Schlusserklärung zum Rio+20-Erdgipfel der Verweis auf den Weltagrarbericht und die „Kommission für Ernährungssicherheit“ gestrichen worden sei, verkündete der Präsident der Stiftung Biovision am Podium zur „Grünen Ökonomie“ an der ETH Zürich. Dies sei ein Fehlentscheid, so Herren, denn der Gipfel Ende Juni in Rio können nur Erfolg haben, wenn die ökologische, kleinbäuerliche Landwirtschaft zum Eckpfeiler der „Grünen Ökonomie“ gemacht werde, die in Rio im Zentrum der Debatten stehen wird.

Bio-Anbau ebenso ertragreich wie konventionelle Landwirtschaft

Die Organisatoren des Podiums, SWISSAID, Biovision und das Zentrum für Entwicklung und Umwelt (CDE) der Universität Bern, forderten die Schweizer Delegation denn auch eindringlich auf, in Rio auf einen Kurswechsel in der globalen Landwirtschaft hinzuwirken. Auch Martin Dahinden, Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) räumte ein, die biologische Landwirtschaft könne gleich hohe Erträge bringen wie die industrielle Produktion. Ob sich diese Einsicht in Rio indessen durchsetzen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Denn der Einfluss des finanzkräftigen Agrobusiness, das vom derzeit dominierenden System profitiert, ist nach wie vor hoch.

Auf diesen Aspekt wies an dem von rund 300 Personen besuchten Anlass auch Carlos Marentes von der globalen Kleinbauern-Organisation „La Via Campesina“ hin. „Die Nahrungskonzerne wollen primär Profit machen, nicht unsere Bedürfnisse stillen“, sagte Marentes. Dem setze „Via Campesina“ das Konzept einer Landwirtschaft entgegen, die auf Respekt gegenüber der Natur und auf kollektiven Entscheiden von Kleinbauern beruhe. Christine Bühler, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes wies darauf hin, dass die Frauen besser in diese Prozesse eingebunden werden und ihre Landrechte gestärkt werden müssten.

Kosten werden sozialisiert

SWISSAID-Geschäftsleiterin Caroline Morel betonte die negativen Wirkungen des Agrotreibstoff-Booms, der in vielen Ländern des Südens die Nahrungsmittel-produktion verdränge. „Es kann nicht sein, dass Energie auf Kosten von Nahrung produziert wird“, sagte Morel. Für Sibyl Anwander von Coop liegt ein Teil des Problems in der verzerrten Kostenstruktur. Bio-Produkte seien nicht zu teuer, aber die industriell produzierten Nahrungsmittel zu billig, da ein Teil ihrer Kosten – Umweltverschmutzung oder Gesundheitsfolgen – der Allgemeinheit aufgebürdet werden.

Lösungen sind vorhanden

Letztlich waren sich die Referenten und Referentinnen indessen einig: Es braucht in der Landwirtschaft einen Paradigmenwechsel: Weg von industriellen Monokulturen, hin zur ökologisch und sozial nachhaltigen kleinbäuerlichen Produktion. Doch ETH-Agroökonomin Angelika Hillbeck warnte, man sei 20 Jahre nach dem ersten Erdgipfel von Rio trotz allem Wissen um die durchaus vorhandenen Lösungen des Problems noch nicht viel weiter – Macht und Bildung seien zu ungleich verteilt. In den nächsten 20 Jahren seien wir aber „zum Erfolg verdammt“, fügte Hillbeck an. „Denn ohne Kurswechsel wird die Titanic, auf der wir alle sitzen, schon bald sinken“.