Syngenta-Generalversammlung: SWISSAID fordert Tatbeweis

Syngenta-Generalversammlung: SWISSAID fordert Tatbeweis
Der Schweizer Agrochemie-Konzern Syngenta versucht sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen und als Förderer der Kleinbauern zu positionieren. An der Generalversammlung in Basel kritisierte SWISSAID die Widersprüche im „Good Growth Plan“ des Unternehmens und forderte Syngenta zu einem echten Tatbeweis auf.
 
Immer mehr wissenschaftliche Studien zeigen es: Das industrielle Landwirtschaftsmodell kann die Probleme der Zukunft nicht lösen und muss durch ökologische, auf kleinbäuerliche Betriebe ausgerichtete Produktion ersetzt werden. Selbst der Basler Agrochemiekonzern Syngenta scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Denn mit dem „Plan für gutes Wachstum“ (Good Growth Plan) versucht sich der Konzern als Alliierter der Umwelt und der Kleinbauern in Entwicklungsländern darzustellen, um sein überholtes Geschäftsmodell zu verteidigen.
 
„Das Problem ist bloss, dass Syngenta den Teufel mit dem Beelzebub austreiben will“, erklärte SWISSAID-Sprecher Lorenz Kummer am Dienstag an der von 900 Personen besuchten Generalversammlung des Unternehmens, denn Syngenta setze nach wie vor auf jene Ansätze, welche die Probleme verursacht haben. Anhand von zwei Beispielen legte SWISSAID die Widersprüche im „Good Growth Plan“ offen.
 
Erstens fehlt im Plan die Verpflichtung zur Reduktion von Klimagasen. Der Indikator zur C02-Intensität hat 2013 sogar um 20 Prozent zugenommen. Und zweitens unternimmt Syngenta alles, um den Zugang von Kleinbauernfamilien zu vielfältigem lokalem Saatgut zu behindern. In vielen SWISSAID-Partnerländern lobbyiiert der Konzern für schärfere Patengesetze. Und in Europa liess Syngenta eine konventionelle Peperoni-Züchtung patentieren. Dagegen hat SWISSAID mit der Koalition „No Patents on Seeds“ bereits Einspruch erhoben. 
 
Diese Bestrebungen von Syngenta widersprechen in fundamentaler Weise den Interessen von Kleinbauern. SWISSAID-Sprecher Kummer forderte die Führung von Syngenta deshalb auf, auf Patente für Pflanzen, Saatgut und Gensequenzen zu verzichten: „Wenn der Good Growth Plan“ mehr als ein Feigenblatt sein soll, wäre diese der erste Tatbeweis“. 
 
 

Votum anlässlich der Generalversammlung der Syngenta AG

29. April 2014, Basel

Sehr geehrte Mitglieder des Verwaltungsrates, sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, sehr geehrter Herr Verwaltungsratspräsident Demaré.
 
Der Jahresbericht 2013 hebt die Bedeutung von Syngenta für die Welternährung, die Verantwortung gegenüber Kleinbauern und für die Reduktion des Hungers auf dieser Welt prominent hervor. Syngenta verspricht auf 17 Seiten mehr Nachhaltigkeit, wörtlich „hohe Standards in den Bereichen Gesundheit, Sicherheit und Umwelt“. Auf Seite 13 des Jahresberichts schreiben Sie sogar: „Wir müssen bessere Lösungen finden, um die Welt zu ernähren“. 
 
Wir sind erfreut, denn damit scheint auch Syngenta endlich wissenschaftlichen Erhebungen wie dem Weltagrarbericht zuzustimmen: „Weiter wie bisher ist keine Lösung“, hiess es dort schon 2008. Und der letztjährige UNCTAD-Bericht titelt sogar: „Wake up before it‘ s too late“. 
 
Das Problem ist bloss, dass Sie mit ihrem Ansatz den Teufel mit dem Beelzebub austreiben wollen. Denn Syngenta ist als einer der grössten Agrokonzerne und Promotoren des industriellen Landwirtschaftsmodelles mitverantwortlich für all jene gesellschaftlichen, gesundheitlichen und ökologischen Probleme, denen Sie nun mit Ihrem „Good Growth Plan“ begegnen wollen.
 
Erlauben Sie mir deshalb, aus Sicht von Kleinbauern aus unseren SWISSAID Partnerländern anhand von zwei Beispielen exemplarisch aufzuzeigen, dass Sie beim Good Growth Plan einiges übersehen haben. 
 
Beispiel 1:
Die Landwirtschaft ist nicht nur vom Klimawandel betroffen, sondern sie ist selbst eine der bedeutendsten Quellen von Klimagasen und besitzt in Form von agroökologischen Praktiken grosses Reduktionspotenzial. Eine Verpflichtung zur Reduktion von Klimagasen bleibt jedoch in Ihrem Good Growth Plan unerwähnt. Der rapportierte Indikator zur CO2 -Intensität hat im letzten Jahr sogar um beeindruckende 20 Prozent zugenommen. 
 
Erklärt wird dies im Bericht mit steigenden Produktionsmengen. Eine solche Erklärung schürt Zweifel an der Ernsthaftigkeit des ökologischen Engagements von Syngenta. Denn die Zunahme der Intensität, also der CO2-Emissionen pro USD Umsatz mit steigenden Mengen erklären zu wollen, ist schlicht Unsinn. 
 
Beispiel 2:
Eine Grundvoraussetzung zur Nahrungsproduktion ist vielfältiges, lokal angepasstes Saatgut. Es muss weitergezüchtet und verbessert, getauscht und auf lokalen Märkten verkauft werden können. In Entwicklungsländern ist dies ein alltäglicher, ja überlebenswichtiger Vorgang. Genau dies versucht Syngenta aber zu ändern. Wie wir in unseren Partnerländern beobachten, mischt sich Syngenta aktiv in die nationalen Politiken ein und lobbyiert national und international für verschärfte Gesetzgebungen zu geistigen Eigentumsrechten. Dies sind Bestrebungen, welche den Interessen der Kleinbauern und damit der Ernährungssicherung diametral entgegenlaufen.
 
Dasselbe geschieht in Europa. Am 8. Mai 2013 hat Syngenta eine Resistenz für Peperoni und seine Verwandten beim Europäischen Patentamt patentieren lassen. Dagegen haben wir unter der Koalition „No Patents on Seeds“ mit 33 anderen Organisationen aus 27 Ländern Einsprache erhoben. Nie zuvor hat eine inhaltlich und geografisch so breit gefächerte Koalition mit einem Einspruch gegen die Privatisierung natürlicher Ressourcen protestiert. Die patentierte Eigenschaft ist nicht durch Syngenta „erfunden“, sondern ist mittels konventioneller Züchtung von einer wilden Jamaikanischen Peperoni-Pflanze übernommen worden. Syngenta versucht damit nicht nur Erfindungen der Natur zu privatisieren, sie bezahlt dafür den Ursprungsländern auch keinen Rappen. 
 
Dieses Vorgehen mag die Aktionäre und die Geschäftsleitung freuen, die gemäss Entschädigungsbericht erneut grosszügig entlohnt wird. Doch es folgt einer reinen ökonomischen Logik und führt zum Gegenteil dessen, für das Sie im Jahresbericht mit vielen schönen Worten plädieren.
 
Ich möchte Sie deshalb dringend auffordern, auf Patente auf Pflanzen, Saatgut und Gensequenzen ab sofort zu verzichten. Wenn es Ihnen mit Ihren Anliegen zur Verbesserung der Welt ernst ist und der „Good Growth Plan“ mehr als ein Feigenblatt sein soll, das die Gewinnmaximierungs-Logik von Syngenta kaschiert, wäre dies ein erster Tatbeweis. 
 
Wir hoffen, dass Sie den Mut haben, ihn anzutreten.
 
Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
 
Lorenz Kummer, SWISSAID