Hunger im Tschad: «Mit leerem Bauch schlafen meine Kinder schlecht»

Im Tschad herrscht Hunger – wieder einmal. Bis die Bauern die nächste Ernte einbringen können, dauert es noch einige Wochen. Solange gehen eine Million Männer, Frauen und Kinder abends hungrig ins Bett.

Die weisse Kugel glänzt verheissungsvoll in der Schüssel. Marie Madouné hat den festen Brei aus gestampfter Hirse und Sorghum, gekocht mit einer Prise Salz, sorgfältig in eine Schale gedrückt, um ihr die klassische Form zu geben. Ihre Kinder essen diese «Boule» zum Frühstück – und wenn es reicht, zum Abendessen. «Mit leerem Bauch schlafen meine Kinder schlecht», weiss die Bäuerin.

Wie viele Familien auf dem Land leiden auch die Madounés unter der «Soudure», zu Deutsch Engpass. So heissen die Sommermonate, wenn die Regenzeit beginnt, die Speicher leer sind und die Nachbarn sich nicht mehr aushelfen können. Von der Ernte des Vorjahres ist nicht das kleinste Körnchen übrig, das Essen knapp und teuer.

Jedes Jahr der gleiche Teufelskreis

Erst im Oktober können die Bauernfamilien mit Ochs und Karren die neue Ernte einbringen, das Getreide dreschen und die Zwiebeln zum Trocknen auslegen. «Für unsere Verhältnisse herrscht dann Überfluss und es reicht für drei Mahlzeiten am Tag.» Davon kann die Familie Madouné im Süden des Sahellandes derzeit bloss träumen. Wegen der Dürre in der ersten Jahreshälfte waren die Speicher noch früher leer als sonst.

Letztes Jahr hungerten 900 000 Menschen während der «Soudure». Dieses Jahr sind es eine Million, über zehn Prozent mehr, so die Koordinationsstelle der UNO für humanitäre Hilfe. Darüber hinaus sind weitere drei Millionen Menschen akut von Hunger bedroht – das ist über ein Viertel der tschadischen Bevölkerung.

Warum bloss wiederholt sich der Hunger während der «Soudure», die Zeit, in der das Leben der Menschen Jahr für
Jahr in Gefahr ist?

Hohe Lebenskosten

Wenn die Bauern bei 45 Grad im Schatten im Oktober und November die Ernte einbringen, ist das Schulgeld fällig. Dafür greifen die Eltern tief in die Tasche. Marie Madouné muss allein dafür drei Säcke Mais in Zahlung geben – weit unter Preis, da alle Familien gleichzeitig die Ernte auf den Markt bringen müssen.

Wenn dann die Haushaltskasse aufgestockt ist, steht ein Gang zum Arzt an, oder die Kinder brauchen neue Kleider. Die Äcker geben nicht genug her, um die Zeit bis zum nächsten Oktober zu überbrücken. Und die Familien verfügen über keine anderen Einkünfte.

Marie Madouné und ihre Familie haben letztes Jahr Hoffnung geschöpft. In einem Kurs von SWISSAID lernte die Bäuerin die Agroökologie kennen, also moderne ökologische Anbaumethoden. Seither weiss sie, wie sich Pflanzen dank Mischkulturen gegenseitig stärken und dem Boden wichtige Nährstoffe zuführen. Auch die Herstellung von Saatgut, die Aufforstung des geschädigten Waldes und Agroforstwirtschaft waren Thema – immer mit dem Ziel, am Ende des Tages genug zu essen zu haben.

«Spektakulärer Erfolg»

Die neuen Techniken wollte Marie Madouné zuerst testen. Auf einem Teil ihres Feldes brachte sie vor der Aussaat Kompost aus, wie sie es auf dem Versuchsfeld der Partnerorganisation gelernt hatte. Anstatt die abgeernteten Felder abzubrennen, sammelte sie die Strohhalme sowie den Dung der Tiere für den Kompost und arbeitete beides in die Erde ein. «Der Erfolg war spektakulär!» sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht. «Ich konnte ganze 18 Säcke Mais ernten.» Normalerweise wären es bloss fünf gewesen.

«Kein Wunder, hat Marie dieses Jahr auf ihren gesamten zwei Hektaren Ackerland Kompost ausgebracht. Sie konnte auch die anderen Bäuerinnen in der Familie davon überzeugen, die Mehrarbeit auf sich zu nehmen. Die vierfache Ernte ohne zusätzliche Kosten ist Argument genug.

So lässt sich Hunger und Armut ein Schnippchen schlagen. Oder, wie es eine ihrer Kolleginnen einmal zusammenfasste: «Hätten wir die Kompostierung früher kennengelernt, wären wir heute nicht mehr arm!»