Rio + 20: Die Zivilgesellschaft macht mobil

Rio + 20: Die Zivilgesellschaft macht mobil

Vom 20. bis 22. Juni 2012 findet in Brasilien die Konferenz der Vereinten Nationen für Nachhaltige Entwicklung, auch Rio+20 genannt, statt – zwanzig Jahre nach dem Weltgipfel von 1992. Die nigrische Zivilgesellschaft wirkt mit an der Vorbereitung der offiziellen Konferenz, vor allem an der Ausarbeitung des Situationsberichts und des Beitrags des Niger zum Gipfel. Vielleicht würde sie aber mehr gewinnen, wenn sie auch ihre Teilnahme am Gipfel der Völker vorbereiten würde, der gleichzeitig auf dem Aterro de Flamengo in Rio de Janeiro durchgeführt wird. In einer nigrischen Zeitung gab Almoustapha Moumouni, der SWISSAID-Büroleiter im Niger, zu Rio+20 ein erstes Interview.

Angesichts der heutigen soziokulturellen und ökologischen Herausforderungen hat die Zivilgesellschaft weltweit grosse Erwartungen an den Gipfel. Die afrikanische und die nigrische Zivilgesellschaft sollen dabei nicht abseits stehen…

Almoustapha Moumouni: Aus der Konferenz von Rio gingen drei Abkommen vor. Die verschiedenen Probleme und Anliegen, die diesen Abkommen zugrundeliegen, sind seither nicht geringer geworden, sondern haben die soziale Ungleichheit und die Umweltproblematik verstärkt. In Afrika erhofft man sich von Rio+20 ein neues Entwicklungsmodell und ein neues institutionelles System, das die Interessen des Kontinents zu wahren hilft. Die Zivilgesellschaft fordert feste Verpflichtungen für die Einhaltung der Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, die Erhaltung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und der Familienbetriebe, aber auch für die Umwelt und den Klimaschutz oder für die soziale und ökologische Verantwortung der Unternehmen. Mehr als in anderen Ländern sind im Niger die verschiedenartigen Auswirkungen dieser Probleme spürbar. Deshalb wird vor allem von den gesellschaftlichen Akteuren aus unserem Land ein Beitrag erwartet.

Obwohl alle Hoffnung zu schwinden droht, weil die Verfechter einer Wirtschaft im Sinne des Davoser Forums den Gipfel zu bestimmen scheinen…

Almoustapha Moumouni: Der heutige Stand der Diskussionen oder Verhandlungen deutet auf eine Stärkung des kapitalistischen Wirtschaftssystems hin. Dieser Weg wurde (weitgehend) bewusst vorgezeichnet, um die sozialen Errungenschaften und natürlichen Ressourcen der Entwicklungsländer leichter den egoistischen Privatinteressen dienlich machen zu können. Ein Beweis dafür ist das zentrale Thema des Gipfels: «Grüne Ökonomie»! Wie kann man für einen Gipfel, der eine wirklich nachhaltige Entwicklung anstrebt und dazu die dringenden Herausforderungen bewältigen will, weiterhin die Wirtschaft vor die beiden anderen Nachhaltigkeitsdimensionen Gesellschaft und Umwelt stellen? Die heutigen Probleme, seien es Ernährungs-, Finanz-, Sicherheits- oder andere Krisen, sind lediglich logische Folge einer globalen Politik, bei der das Kapital und der Wachstum des Wohlstands zu stark im Vordergrund stehen. Eine Vereinnahmung der Konferenz durch die globalen politischen Entscheidungsträger, die in erster Linie die Interessen der privaten Grossunternehmen vertreten, liesse nicht genügend Raum für eine echte Debatte und die Suche nach Lösungen für die Probleme, unter denen die Mehrheit der Erdenbürger leidet.

Aber die Organisationen der Zivilgesellschaft machen mobil.

Almoustapha Moumouni: Die Zivilgesellschaft vor allem der Entwicklungsländer engagiert sich dafür, dass diese «Grüne Ökonomie» nicht einfach dazu dient, ihre natürlichen Ressourcen noch stärker zu plündern, und damit ein weiterer Faktor für eine Fehlentwicklung ihres Landes ist. Mit dem Slogan «Let’s Reinvent the World» werden die sozialen Organisationen und Bewegungen aufgerufen und eingeladen, möglichst vielzählig am Forum der Völker teilzunehmen, wo vielfältige Themenbereiche behandelt werden: Recht auf soziale und ökologische Gerechtigkeit, Verteidigung der Gemeingüter gegen die Kommerzialisierung, Ernährungssouveränität, Energie und Rohstoffindustrie, Arbeit. Ziel sind eine neue Wirtschaft und neue Paradigmen für die Gesellschaft. Aus dem Austausch am «Gipfel der Völker für soziale und ökologische Gerechtigkeit, gegen die Kommerzialisierung des Lebens und der Natur und zur Verteidigung der Gemeingüter» werden Vorschläge und Empfehlungen hervorgehen, welche die Arbeitsschwerpunkte der kommenden Jahre bilden werden. Diese werden neue Wege aufzeigen, mit denen auf der Welt soziale und ökologische Gerechtigkeit herbeigeführt werden kann. Die nigrische Zivilgesellschaft muss ihrer Teilnahme an Rio+20 einen unverwechselbaren Stempel aufdrücken. Dazu braucht es eine gründliche Vorbereitung der teilnehmenden Organisationen!