Rede zu Patenten und Gentech-Insekten an der Syngenta-GV

Rede zu Patenten und Gentech-Insekten an der Syngenta-GV

Sehr geehrte Mitglieder des Verwaltungsrates, sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, sehr geehrter Herr Verwaltungsratspräsident Taylor

Am 8. Mai – also in zwei Wochen – wird Syngenta ein Patent auf eine Peperoni erteilt. Es handelt sich um eine konventionell gezüchtete Sorte, also ohne Gentechnologie. Die Züchtung basiert – Sie wissen das besser als ich – auf der markergestützten Selektion. Diese beschleunigt das Züchtungsverfahren, es erfindet die Pflanze aber nicht neu. Trotzdem, auch ohne Erfindung, wird Ihrer Firma ein Patent erteilt. Patente auf konventionell gezüchtete Rucola- und Melonensorten werden in den nächsten Wochen folgen. 

Damit sichern Sie sich die alleinigen Nutzungsrechte über diese Pflanzen. Andererseits rühmen Sie sich in Ihrem Jahresbericht – ich zitiere – „führend in der Entwicklung progressiver Modelle für die gemeinsame Nutzung von geistigem Eigentum“ zu sein. 

Ich bin nicht sicher, was Sie unter einem progressiven Modell verstehen, aber wenn es denn wirklich um die gemeinsame Nutzung von geistigem Eigentum geht, sind Patente sicher nicht der richtige Weg. Denn Patente sollen ja gerade andere von der Nutzung einer neuen Entwicklung ausschliessen. Patente dienen ihren Inhabern dazu, Marktmonopole aufzubauen. 

Im internationalen Saatgutmarkt ist diese Monopolbildung weit fortgeschritten: Gemeinsam mit Ihren Konkurrenten Monsanto und DuPont kontrolliert Ihre Firma über 50 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes.

Diese Situation ist international Anlass zu grosser Sorge: Knapp zwei Millionen Menschen haben in den letzten zwei Wochen einen internationalen Aufruf unterschrieben. Sie wenden sich an die Regierungen der europäischen Länder mit der Forderung, Patente auf konventionelle Pflanzenzüchtungen zu stoppen. Ich zitiere die Petition des Avaaz-Netzwerkes:

„Als besorgte Bürger bitten wir Sie, das europäische Patentrecht instandzusetzen: Fordern Sie den Verwaltungsrat der Europäischen Patentorganisation auf, die Lücken zu schließen, durch die Pflanzensorten und konventionelle Züchtungsmethoden patentiert werden können. Klare und wirksame Schutzmaßnahmen und Verbote sind notwendig, um Verbraucher, Landwirte und Züchter vor dem Übergriff von Unternehmen auf unsere Nahrungskette zu schützen.“

Auch eine andere Entwicklung, in der ihre Firma Syngenta eine aktive Rolle spielt, ist für viele Menschen sehr beunruhigend. Es geht um die Entwicklung gentechnisch veränderter Insekten. 

Im November letzten Jahres haben SWISSAID und die Erklärung von Bern einen Bericht zu diesem Thema in der Schweiz herausgegeben. Im Zentrum des Berichts steht die relativ kleine englische Firma Oxitec, die gentechnisch veränderte Insekten für die Landwirtschaft entwickelt. 

Gentechnisch veränderte Moskitos hat die Firma bereits millionenfach in Malaysia, Brasilien und auf den Cayman Inseln freigesetzt. Geht es nach den Plänen von Oxitec, werden wir bald noch viele andere  Gentech-Insekten herumschwirren haben. Konkret sollen Gentech-Insekten zur Schädlingsbekämpfung bei Oliven, Tomaten, Zitrusfrüchten und Kohl zur Anwendung kommen. Mit völlig unklaren Auswirkungen für unsere Umwelt und unsere Gesundheit.

Auffallend ist, dass die Kaderstellen von Oxitec vor allem von ehemaligen Syngenta Mitarbeitenden besetzt sind. Und von März 2009 bis Juni 2011 erhielt die kleine Firma Forschungsgelder von Syngenta. Dennoch konnte ich in keinem der letzten Jahresbericht Informationen diesbezüglich finden. Daher erlaube ich mir, Ihnen die folgenden Fragen zu stellen und hoffe, bald möglichst nähere Informationen von Ihnen zu erhalten:

  • Besitzt Syngenta Aktien der Firma Oxitec?
  • Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen Syngenta und Oxitec und wenn ja, wie sieht diese aus?
  • Plant Syngenta die Kommerzialisierung gentechnisch veränderter Insekten? Eventuell in Partnerschaft mit Oxitec? Wenn ja, welche Gentech-Insekten sollen freigesetzt und vermarktet werden? Wie sieht der Zeitrahmen für die allfälligen Pläne aus?
  • Wenn Syngenta nicht selber Gentech-Insekten kommerzialisieren wird, finanzieren Sie die Forschungsarbeit an Gentech-Insekten der Firma Oxitec?
  • Wie ist Syngenta in die Erarbeitung der gesetzlichen Vorschriften für die Freisetzung von Gentech-Insekten involviert? Auf Länder- bzw.  internationaler Ebene?

Für die baldige Beantwortung meiner Fragen möchte ich mich bereits jetzt bedanken. Ebenso für Ihre Aufmerksamkeit.

Tina Goethe, SWISSAID

23. April 2013, Basel