Gewalt gegen Frauen: Heirate oder leide

Eine Studie bringt Licht in die dunklen Praktiken, unter denen Frauen in Guinea-Bissau leiden. Zwangsheirat ist dort nur ein Beispiel einer traurigen Tradition, die in vielen Kulturen bis heute zum Alltag gehört. Ergänzend zu nationalen Gesetzen lassen gemeinsame Erklärungen von religiösen und traditionellen Führern auf Besserung hoffen.

Die Fakten

Land, Region:
Guinea-Bissau, Gabú, Bafatá, Oio und Quinara
Dauer:
Juni 2014 - Mai 2021
Begünstigte:
819 Frauen and 856 Männer
Gesamtprojektbudget:
113'682 CHF

Die Ziele

Mit Kampagnen soll die Bevölkerung aufgeklärt und auf das Thema sensibilisiert werden.

Es kostete sie unendlich viel Mut: Ana, eine junge Frau aus Bissorã in der Region Oio, verweigerte sich mit Hilfe eines Pastors der Zwangsheirat – gegen den Willen ihrer Familie. Ana begann ein neues Leben in einer anderen Gegend, verliebte sich und wurde Mutter. Ihr Kind wurde krank – ihre Familie ermutigte sie heimzukommen, um es nach traditioneller Methode zu heilen.

Zurück in der alten Heimat wurde die junge Frau von ihrer Familie festgehalten und gezwungen, die ihr auferlegte Ehe anzunehmen. Der Vater des Kindes versuchte zu intervenieren – erfolglos. Er wurde bedroht und daran gehindert, seiner jungen Frau beizustehen.

Zwangsheirat: Nur eine Form von Gewalt gegen Frauen

Ana ist ein fiktiver Name – die Geschichte deswegen nicht weniger real. In Guinea-Bissau ist Zwangsheirat an der traurigen Tagesordnung. Noch im Kindesalter werden Mädchen Männern jeden Alters versprochen. Den Familien winken finanzieller und gesellschaftlicher Segen. Erreichen die Mädchen die Pubertät, wird die Hochzeit vollzogen.

Zwangsheirat ist nur eine Form von Gewalt, unter der Frauen in Guinea-Bissau leiden. Dabei kommen viele Fälle nie an die Öffentlichkeit. Vielerorts ist die Gewalt Teil von kulturellen Normen und lokalen Bräuchen und wird deshalb nicht als Verletzung der Rechte von Frauen angesehen.

Auch von Frauen gerechtfertigt – oder verdrängt

Eine Erhebung von SWISSAID bringt die Hintergründe und Bedeutung der Gewalt gegen Frauen ans Licht: Als wichtigste Formen wurden neben Zwangsheirat von Kindern Mädchenbeschneidung und häusliche Gewalt genannt. Zwar verabschiedete das Parlament 2011 ein Gesetz gegen Mädchenbeschneidung, 2014 eines gegen häusliche Gewalt. Trotzdem werden die Rechte der Frauen weiterhin in vieler Hinsicht verletzt. So wurde etwa innerhalb von drei Jahren kein einziger Fall von häuslicher Gewalt vor Gericht gebracht.

Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen sind in Guinea-Bissau gesellschaftlich und psychologisch tief verankert – und werden nicht zuletzt von den Frauen selbst gerechtfertigt oder verdrängt. 42 Prozent der weniger gebildeten Frauen finden es normal, dass ein Mann seine Frau unter gewissen Umständen schlägt. Dann etwa, wenn sie das Haus ohne sein Wissen verlässt, ihm widerspricht oder nicht gut kocht.

Wer nicht hören will, muss fühlen

So wird auch die Zwangsheirat bis heute als traditionelles Ritual vollzogen. In der Kultur der Balantas etwa ist es verbreitet, dass die Ehefrau eine Nichte zu sich ins Haus nimmt und aufzieht. Kommt die Ehefrau in die Menopause, hat die Nichte deren sexuellen Pflichten gegenüber dem Ehemann zu übernehmen. Wer sich wehrt, kriegt diese Missachtung der Tradition in aller Härte zu spüren.

Pastor Caetano von der Evangelischen Kirche in Bissau, der in seinem Haus Mädchen aufnimmt, die der Zwangsehe entkommen wollen, erinnert sich an einen Fall: «Ein 14-jähriges Mädchen sollte einen 70-Jährigen heiraten. Weil sie das nicht akzeptieren wollte, wurde sie gequält – das Mädchen weigerte sich weiter, bis es die körperliche Folter nicht mehr aushielt und daran starb.»

Gegen Tradition wirken nur Gesetze

Das von SWISSAID lancierte Aufklärungsprojekt bezieht je 800 Männer und Frauen aus allen Schichten mit ein. Über Medien und in Schulen wird über die Situation informiert und auf eine Veränderung hingearbeitet. Gute Resultate erhofft man sich von gemeinsamen schriftlichen Erklärungen der traditionellen und religiösen Führer, die sich für ein Ende von Mädchenbeschneidungen und Zwangsheirat einsetzen. Sechs Erklärungen wurden 2017 unterzeichnet.

Die Zivilgesellschaft kann es schon als Erfolg verbuchen, dass Diskriminierung und Gewalt nicht mehr tabu sind und in den Medien thematisiert werden. Nicht zuletzt deshalb haben etliche Beschneiderinnen ihre Tätigkeit aufgegeben. Einige wurden auch verurteilt. Nur wenn sich angesehene Personen gegen Gewalt an Frauen aussprechen, das Thema öffentlich debattiert und auch gegen die Zwangsheirat ein nationales Gesetz erarbeitet wird, werden Mädchen wie Ana irgendwann ihrem Herzen folgen dürfen, ohne dabei grosses Leid befürchten zu müssen.