Zum Ostermarsch: Bettelarm und steinreich - weltweit und bei uns

Zum Ostermarsch: Bettelarm und steinreich - weltweit und bei uns

Warum das Brot an der Börse nichts verloren hat – und warum wir uns wieder um die Landwirtschaft kümmern müssen.

Jedes Kind, jeder Mensch, der oder die heute an Hunger stirbt, wird ermordet. So hat es Jean Ziegler schon vor Jahren formuliert. Und der Satz stimmt immer noch. Denn es wird längst genug Nahrung weltweit produziert. Laut Statistiken der Welternährungsorganisation FAO sind es pro Kopf 4‘600 Kilokalorien. Notwendig wären durchschnittlich nur 2‘400 Kilokalorien. Das Problem ist, dass die Nahrung nicht denjenigen zur Verfügung steht, die sie am nötigsten brauchen. Freihandel und offene Märkte führen nicht zu einer gerechten Verteilung von Gütern. Im Gegenteil. Die Lebensmittel landen dort, wo am meisten Geld für sie bezahlt wird. Die Kaufkraft entscheidet, nicht die Bedürfnisse. Und heute hat jeder Hund und jede Hauskatze der wohlhabenden Gesellschaftsschichten in egal welchem Land mehr Kaufkraft als arme Frauen und Männer in Entwicklungsländern. Bettelarm oder steinreich, das äussert sich noch immer darin, ob und was ich zu essen habe. Ob ich etwas Land zur Verfügung habe, um etwas anzubauen. Oder ob ich genügend Geld habe, um mir das tägliche Brot, den Reis oder die Hirse kaufen zu können.

Die Preise steigen

2008 stiegen die Preise für Weizen, Mais und Reis auf dem Weltmarkt dramatisch an. Das löste eine Hungerkrise aus, die die Themen Landwirtschaft und Ernährung wieder auf die Agenda brachte. Denn diesmal war es nicht der stille Hunger auf dem Land, den die Politiker so gut ignorieren konnten. Die hohen Preise für Lebensmittel trafen neu auch die städtischen Mittelschichten, die armen Menschen in den Slums sowieso. Denn wer bis zu drei Viertel seines Haushaltsbudgets für Lebensmittel ausgeben muss, hat keinen Spielraum nach oben. Höhere Preise bedeuten dann ganz einfach weniger zu essen. Die wütenden Menschen in den Städten haben sich zur Wehr gesetzt. In Mosambik und Haiti haben ihre Proteste zum Sturz der damaligen Regierungen geführt. Zu einer besseren Versorgung mit Lebensmitteln hat das leider noch nicht geführt.

Casino mit Lebensmitteln

Seitdem sind die Preise hoch, mit starken, kurzfristigen Schwankungen. Dafür hat es verschiedene Gründe. Auch die Finanzmärkte haben auf die Preise für Lebensmittel einen Einfluss. Dazu gehören Investitionsfonds und Banken wie die UBS, vor der wir hier stehen. Seit dem in den USA die Immobilienblase geplatzt ist, haben die Anlagen in Rohstofffonds massiv zugenommen. 2003 waren 15 Milliarden Dollar in solchen Fonds angelegt, 2011 waren es 400 Milliarden. Rohstofffonds umfassen neben Erdöl und Metallen auch Agrarrohstoffe. Ein Anlagefond der UBS, der so genannte Dow-Jones-UBS-Commodity-Index, umfasste vor zwei Jahren einen Anteil von 30 Prozent Agrargütern. Konkret heisst das: mit dem Geld der UBS-Kundinnen und Kunden werden an den jeweiligen Börsen Verträge für den Kauf von zum Beispiel Weizen erworben. Ein solcher Vertrag legt den Kauf einer bestimmten Menge Weizen zu einem bestimmten Preis an einem bestimmten Datum in der Zukunft fest. An dem Weizen selbst sind die Anleger jedoch nicht interessiert. Denn weder die UBS-Berater noch ihre Kunden sind plötzlich zu Bäckern oder Müllerinnen geworden. Bevor ein solcher Vertrag wirklich eingelöst wird, wird er wieder verkauft. Es geht also lediglich darum, über den Kauf und Verkauf dieser Verträge von Preissteigerungen zu profitieren. Finanzspekulation nennt man das. Spekulation, die von dem Produkt Weizen komplett losgelöst ist. Das führt dazu, dass an der Börse bis zu 30mal so viel Weizen gehandelt wird, wie tatsächlich produziert wird und folglich zum Kauf angeboten werden kann. Dieses virtuelle Kasino beeinflusst auch den realen Markt und treibt die Preise in die Höhe. Denn was an der Börse für Weizen bzw. die bezahlt wird, dient auch Produzenten und Händlern als Orientierung.

Höhere Preise wären für die Kleinbauern und -bäuerinnen weltweit eigentlich eine gute Entwicklung. Denn sie können von ihrer Produktion kaum leben. Aber erstens sind auch Bauernfamilien keine Selbstversorger und auf den Zukauf von Lebensmitteln angewiesen. Zweitens erschweren ihnen die Preisschwankungen eine gute Produktionsplanung. Kleine und mittlere Bauernbetriebe verfügen über keine finanziellen Reserven, um diese Schwankungen aufzufangen. Und drittens sind auch die Preise für Dünger, Benzin und Saatgut gestiegen und erhöhen ihre Produktionskosten. Preisschwankungen sind gut für Spekulanten, Bäuerinnen und Konsumenten können dabei nur verlieren.

Stopp der Spekulation mit Nahrungsmitteln!

Eine von den Schweizer Jungsozialisten lancierte Volksinitiative fordert den Stopp dieser Spekulation mit Nahrungsmitteln. Konkret sollen Investitionen in Finanzinstrumente verboten werden, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel beziehen. SWISSAID unterstützt diese Initiative, denn das Brot gehört nicht an die Börse und nicht in die Hände von Spekulanten. Ich möchte alle Schweizerinnen und Schweizer unter Ihnen bitten, diese Initiative zu unterschreiben. Unterschriftenbögen liegen während der Schlussveranstaltung heute in der Steiner-Schule aus.

Die Spekulation mit Nahrungsmitten ist nur ein Teil der Geschichte. Die Finanzwelt hat nicht nur die Spekulation mit Agrarrohstoffen als lukratives Geschäft entdeckt. Auch das fruchtbare Ackerland ist in das Visier von internationalen Firmen und Investoren gelangt, die es als Anlageobjekt entdeckt haben. Das Landgrabbing, wie dieser Ausverkauf von Land genannt wird, findet vor allem in Afrika und einigen zentral- und südostasiatischen Ländern statt. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 wurden über 200 Millionen Hektar Agrarland an ausländische Investoren verpachtet oder verkauft. Das entspricht acht Mal der gesamten Fläche Grossbritanniens. Mehr als die Hälfte davon in afrikanischen Ländern, in denen Hunger an der Tagesordnung ist.  Die Landkäufe dienen entweder der reinen Spekulation. Dort, wo tatsächlich etwas produziert wird oder werden soll, sind das Agrargüter für den Export. Zum Beispiel Palmöl oder Zuckerrohr, um Agrotreibstoffe für europäische Autos herzustellen.

Unter den ausländischen Käufern oder Pächtern finden sich auch Vertreter von Regierungen, die ihre eigene Lehre aus der Hungerkrise 2008 gezogen haben. Ländern wie Saudi-Arabien zum Beispiel wurde bewusst, wie gefährlich es ist, für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gänzlich auf Importe angewiesen zu sein. Sie haben daher ihre Firmen losgeschickt, um Land in Äthiopien oder Mali zu pachten, um dort Weizen und Reis für den eigenen Markt anzubauen. Denn seit der Hungerkrise die Regierungen Angst vor Hungeraufständen, wie sie in Haiti, Ägypten oder Mosambik stattgefunden haben. Landwirtschaft ist wieder ganz oben auf der Agenda, nachdem sie in den letzten Jahrzehnten eher als lästiges Überbleibsel aus alten Zeiten empfunden wurde, das für eine moderne Wachstumsgesellschaft nichts hergibt. Das ist gut so. 

Hunger findet auf dem Land statt

Mit ein paar Zahlen möchte ich erläutern, warum wir uns wieder sehr viel mehr als bisher um die Landwirtschaft und den Umgang mit Lebensmitteln kümmern müssen. Ein Drittel aller Lebensmittel wandert in den Industrieländern in den Abfall. Rund 1.4 Milliarden Menschen leiden an krankhaftem Übergewicht. Und 870 Millionen Menschen leiden an Hunger und Mangelernährung. Das ist jeder achte Mensch auf der Welt. Ein Grossteil der Hungernden lebt auf dem Land, viele von ihnen sind Bauern und Landarbeiterinnen. Es sind paradoxerweise diejenigen, die die Lebensmittel produzieren. Und die Mehrheit der Hungernden sind Frauen und Mädchen, paradoxerweise diejenigen, die weltweit noch immer die Hauptverantwortung dafür tragen, dass Tag für Tag etwas zu Essen auf den Tisch kommt. Warum ist das so? Wie schon erwähnt: viele Kleinbäuerinnen und –bauern können von ihrer Produktion nicht leben. Sie reicht nicht für das ganze Jahr. Es fehlt an fruchtbarem und an genügend Land. Es fehlt an Bewässerungsmöglichkeiten. Es fehlen gute Lagermöglichkeiten. Und es fehlt die Möglichkeit, ihre Produkte auf nahegelegenen Märkten zu fairen Preisen zu verkaufen. Und warum haben vor allem Frauen und Mädchen nicht ausreichend zu essen? Sie gelten in vielen Ländern als weniger Wert als Männer und Söhne. Innerhalb der Familie oder Haushalte erhalten sie oft als letzte zu essen. Und sie verfügen weltweit über weniger Einkommen, über weniger Land, über weniger Bewegungsfreiheit, um sich die tägliche Mahlzeit leisten zu können.

Es ist also zwingend notwendig, Bauernbetriebe zu unterstützen. Wir müssen nicht weltweit mehr produzieren können, aber es braucht eine Verbesserung der Produktion in den Gebieten, wo die Ernährung der Menschen nicht gesichert ist. Es braucht eine ökologische Produktion, um die fruchtbaren Böden und das Wasser auch für die Zukunft zu bewahren. Es braucht lokale und regionale Märkte, auf den Bäuerinnen ihre Produkte zu fairen Preisen verkaufen und Konsumenten gesunde Lebensmittel kaufen können. Für all das müssen wir uns einmischen und Veränderungen fordern. Denn die Art und Weise, wie unsere Lebensmittel heute produziert, verarbeitet und gehandelt werden, ist nicht nachhaltig, nicht gesund, nicht ökologisch, nicht gerecht. In vielen Fällen ist es mörderisch.

Landwirtschaftspolitik gehört auf die Agenda

Ich habe es schon erwähnt: Landwirtschaft ist immerhin wieder ein Thema. Doch in den Debatten und Verhandlungen darüber, wie die Landwirtschaft und Ernährung heute und in Zukunft aussehen soll, geben die grossen Agrarkonzerne den Ton an. Denn die haben die letzten zwei Jahrzehnte, in denen Landwirtschaft als wenig sexy ignoriert worden war, für sich genutzt. Mehr oder weniger unbeachtet von der Öffentlichkeit haben Saatgut- und Agrarchemiekonzerne, Getreidehändler und Lebensmittelkonzerne den Weltmarkt unter sich aufgeteilt. Nur drei der grossen Agrarkonzerne – Monsanto, Syngenta und Du Pont – kontrollieren über 50 Prozent des kommerziellen Saatgutmarkts. Beim Getreidehandel teilen sich die Top vier 75 Prozent des Weltmarktes auf und in der Verarbeitung haben die zehn  grössten Firmen schon knapp ein Drittel des Marktes unter Kontrolle. Nestlé liegt hier mit Abstand ganz vorne. Das heisst, das nur sehr wenige multinationale Firmen die Lebensmittelproduktion kontrollieren – die Grundlage unseres Überlebens. 

Es ist Zeit, sich diese Kontrolle zurück zu holen. Dafür müssen wir als Bürgerinnen und Bürger die richtige Politik einfordern. Und als Konsumentinnen und Verbraucher sollten wir uns an einer simplen Formel orientieren: Lokal, saisonal, ökologisch und fair einkaufen hilft Bäuerinnen und Bauern weltweit.

Diese Rede hielt Tina Goethe, Verantwortliche für das Dossier Ernährungssouveränität, am 1. April 2013 am Ostermarsch/Internationalen Bodensee-Friedensweg unter dem Titel "Bettelarm und steinreich weltweit und bei uns".