Nie mehr Hunger: mit dem Handy die Ernte steigern

Wenn wegen Schädlingsbefall eine Missernte droht, können Bauern in Tansania bei Fachleuten Rat holen – per Smartphone. Sogar wer in einem abgelegenen Gebiet lebt und weder lesen noch schreiben kann, hat so Zugang zu Wissen, das auf dem Acker von grossem Nutzen ist. Denn so lässt sich letzten Endes mehr ernten.

«Hallo, ich habe ein Problem mit meinen Chinakohlköpfen: Sie sind von innen her aufgefressen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Vielen Dank für Ihre Hilfe!» Diese Nachricht spricht Teresia Mpunga, eine Bäuerin aus Masasi im Süden Tansanias, um 11.26 Uhr auf ihr Handy und postet sie zusammen mit einem Foto im Internet. Bereits um 11.55 Uhr erhält sie eine Nachricht von Angelika Hilbeck, Agrarökologin an der ETH Zürich: «Es handelt sich wahrscheinlich um Raupen, die alles auf ihrem Weg fressen, von den Wurzeln bis zum Stiel. Sie müssen rasch vernichtet werden, sobald man sieht, dass sie über dem Boden fressen.» Tausende von Kilometern und ganz unterschiedliche Biografien liegen zwischen den beiden Frauen. Und dennoch: In nur 30 Minuten erhält die Bäuerin von der renommierten Wissenschaftlerin einen Lösungsvorschlag für ihr Problem.

Das «Facebook» der tansanischen Bauern

Diese kleine digitale Revolution heisst «Macho Sauti». Wörtlich aus dem Suaheli übersetzt bedeutet das «die Augen, die Stimme». Technisch gesehen ist das Prinzip einfach: Mit einem Smartphone und der entsprechenden App fotografieren die Bauern die Pflanze, die ihnen Probleme bereitet, sprechen einen Kommentar aufs Telefon und schicken das Ganze auf eine Internetplattform. Diese wird von anderen Bauern sowie Agronomen und Wissenschaftlern in Tansania und anderen Ländern gemeinsam genutzt – die Antworten auf die drängenden Fragen liefern daher Fachleute in Tansania oder auch in der Schweiz. Ein Onlineübersetzer überträgt den Kommentar aus dem Suaheli ins Englische und umgekehrt. Dank GPS kann die Lage des betroffenen Feldes genau bestimmt und so zum Beispiel verhindert werden, dass sich eine Krankheit auf benachbartes Land ausbreitet. Mit diesem Projekt unterstützt SWISSAID Bäuerinnen und Bauern in Tansania, die agroökologische Methoden anwenden. Agroökologie verzichtet auf den Einsatz von chemischen Produkten und setzt voraus, dass sich die Bauern Wissen über die Bodenfruchtbarkeit, die Herstellung von Dünger aus Kompost oder Mist, die Zubereitung von Biopflanzenschutzmitteln und dergleichen aneignen. In diesen abgelegenen Gegenden ist der Zugang zu Bildung und Wissen aber Mangelware: 23 Prozent der Bevölkerung in Tansania sind Analphabeten. Diese Kluft will die Technologie schliessen: Mithilfe der Smartphones können sich die Kleinbauern vernetzen und bei Agroökologie-Spezialisten genaue und persönlich abgestimmte Informationen einholen – ohne ihr Dorf verlassen zu müssen. Dank dem neuen Wissen können sie ihre Produktivität steigern. 20 Bauern haben bereits ein Smartphone und eine Schulung erhalten. Jeder gibt sein Wissen wiederum an eine Gruppe von 30 Bauern weiter, die je ein Smartphone erhalten. Insgesamt werden 200 Geräte verteilt und so 6000 Bauern vernetzt.

Internet in ländlichen Gebieten als Wegbereiter

Ohne den Ausbau des Internets in den ländlichen Regionen wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Lange Zeit tat sich nichts in den Dörfern, doch jetzt sind endlich auch hier Antennen zu sehen. Drei Viertel der Bevölkerung Tansanias leben auf dem Land. Das sind fast 37 Millionen mögliche neue Nutzerinnen und Nutzer. Der vietnamesische Mobilfunkanbieter Halotel und die tansanische Regierung haben eine Vereinbarung über die Versorgung der abgelegensten Gebiete abgeschlossen. Ergebnis: Seit einem Jahr schiessen die Antennen wie Pilze aus dem Boden. Für Teresia Mpunga und die übrigen Bauernfamilien ein Geschenk des Himmels: «Ich glaube, dass es dank dem Netz und dieser neuen Technologie von Macho Sauti weniger Krankheiten bei unseren Pflanzen geben wird. So können wir unsere Einkommen steigern und werden ein besseres Leben haben.»

Ein innovatives und ambitioniertes Vorhaben 

Innerhalb der kommenden zwei Jahre sollen 6000 Kleinbauernfamilien vom Ausbildungsprogramm profitieren, das eigens von SWISSAID und zwei Fachorganisationen entwickelt wurde. Dafür müssen 400 Lehrkräfte ausgebildet werden, die dann zu zweit (je ein Mann und eine Frau) die Bauerngruppen anleiten werden. Bereits haben über 200 künftige Lehrkräfte einen Einführungskurs besucht und sind mit einem detaillierten Umsetzungsplan in ihre Dörfer zurückgekehrt. Alle drei Monate bekommen sie nun Besuch von einem Mitarbeiter, der sie berät und neue Tricks zeigt. Oder Erkenntnisse aus der Praxis der Bauern zurück ins Ausbildungszentrum nimmt, um diese dort auszuprobieren und weiterzugeben.

Ihre Spende wirkt 

Mit einer Spende von 50 Franken finanzieren Sie den Kauf eines Smartphones, mit dem 30 tansanische Bauern die Internetplattform Macho Sauti nutzen und so ihre Ernten steigern können. Mit 100 Franken unterstützen Sie den Kauf von zwei Smartphones, die 60 Bäuerinnen und Bauern zugutekommen.

Projektnummer: TA 02/16/04

Dauer: 4 Jahre 

Anzahl Begünstigte: 6000 Kleinbauern und -bäuerinnen 

Projektkosten: 1'095'346 Franken