Neues Leben in der Erdölzone

Die Menschen in der Erdölzone im Süden des Tschads haben zwei Möglichkeiten: Entweder sie schaffen einen Neuanfang – oder sie wandern früher oder später als Tagelöhner ab. SWISSAID setzt sich dafür ein, dass die Bauernfamilien in der Heimat eine Zukunft finden – gegen Widrigkeiten wie Umweltzerstörung, korrupte Dorfchefs oder habgierige Konzerne.

Hier die Erdölkonzerne, die über einen eigenen Flughafen, Strassen, Strom und taghelle Scheinwerfer verfügen. Dort, fast in Wurfdistanz zu den Förderanlagen, Bauernfamilien in strohgedeckten Hütten, Kinder in Lumpen, Schulen unter dem Mangobaum, das Land verdorrt. Trinkwasser gibt es bestenfalls am Dorfbrunnen und Strom bloss vom Hörensagen. Doch Hoffnung besteht, dass die Familien für die enteigneten Felder entschädigt werden und so einen Neuanfang wagen können.

Eine Erfolgsgeschichte mitten im Elend

Diese Hoffnung schöpft, wer im Dörfchen Bemangra beispielsweise dem 27-jährigen Nathan Dogolmbayé begegnet. Sein Haus leuchtet pastellgrün in der Abendsonne, die beiden Kinder lugen neugierig hinter dem Papayabaum hervor und einzelne Hühner gackern im sauberen Hof. Vor fünf Jahren «sicherte» sich der Erdölkonzern Griffith (heute Glencore) zwei Hektaren seines besten Ackerlands, um Erdöl an die Oberfläche zu pumpen. Nathan verlangte mit Hilfe einer SWISSAID-Partnerorganisation eine Entschädigung und erhielt bereits ein Jahr später rund 1700 Franken zugesprochen. Damit kaufte er – dank Beratung durch die Organisation – einen Hektar Ackerland sowie Werkzeug, Schafe, Ziegen und Erdnüsse, die er später mit Gewinn weiterverkaufte. Einen Teil des Geldes gab er auch seiner Frau, die auf dem lokalen Markt einen florierenden Handel mit Krapfen aufzog. «Heute bewirtschafte ich vier Hektar und wir haben das ganze Jahr über genug zu essen.»

Doch längst nicht alle Enteignungen gehen so glimpflich aus. Die Erdölzone bei Moundou im Süden des Tschads ist riesig. Esso, Glencore und die Chinese National Petroleum Company fördern hier seit 2003 das schwarze Gold. Reich hat es vor allem die habgierige Elite des bitterarmen Landes und die Konzerne selber gemacht. Die Bevölkerung ging und geht leer aus. Selbst unvoreingenommene Beobachter müssten blind sein, würden ihnen die Umweltzerstörung, die Armut und der Hunger in den Dörfern verborgen bleiben.

Konkrete Hilfe vor Ort hilft weiter

In 26 Dörfern half die Partnerorganisation EPOZOP den Bauern, vor dem Schiedsgericht der Weltbank einen Entschädigungsprozess ins Rollen zu bringen. Demnächst sollten die Fälle abgeschlossen sein. «Es sieht gut aus», weiss Urbain Moyombayé, der Leiter von EPOZOP, der den Bauern mit Rat und Tat zur Seite steht, zu vielen Kontakte pflegt und sich den Respekt der Gegenseite erarbeitet hat.

Das ist zweifelsohne von Vorteil. Denn über das Thema Erdöl hat der Staat einen dichten Schleier aus Geheimniskrämerei und Klientelwirtschaft gewoben. Sieben von zehn Franken des Staatsbudgets stammen direkt aus dem Erdölgeschäft. Und wer versucht, Licht ins Dunkel zu bringen oder sich für die Menschenrechte einsetzt, lebt gefährlich. Bereits zwei Mal hat Urbain Moyombayé einen Mordanschlag überlebt. «Aber aufgeben kommt nicht in Frage.»

Das Nebeneinander von Landwirtschaft und Erdölförderung ist schwierig. Die Umweltschäden sind immens: In den Kraterlandschaften, die der Aushub für Pumpen und Plattformen hinterlässt, entstehen dreckige Tümpel – hier wächst nichts mehr. Auch die Felder, die durch die Erdölkonzerne nach eigenen Angaben wieder instand gestellt wurden, «sind kaum noch fruchtbar», wie die Bauern der Region klagen. Zudem stellen sich die Konzerne häufig genug auf den Standpunkt, dass keine Entschädigung geschuldet sei, weil die Felder angeblich brach lagen.

Zermürbendes Nebeneinander

Das Nebeneinander ist nicht nur schwierig, es zermürbt auch. Die zivilgesellschaftliche Erdölbewegung der Region wurde in den letzten Jahren schwächer. Erst 2015 konnte in den Dörfern wieder eine gewisse Aufbruchsstimmung festgestellt werden. Junge Leute scharten die Betroffenen um sich, nahmen die Anliegen der Frauen und Männer ernst und suchten das Gespräch.

In dieser Situation entschied SWISSAID, die Organisationen in ihrem Kampf darin zu unterstützen, dass die Reichtümer unter der Erde auch der Bevölkerung zugute kommen. Bauernfamilien, wie jene von Nathan Dogolmbayé und Isaac Madjiledé (siehe Augenzeugenbericht), sollen in ihren Heimatdörfern eine Zukunft haben.

Augenzeuge Isaac Madjiledé: «Ich verlange eine gerechte und angemessene Entschädigung»

«Ich heisse Isaac Madjiledé und bin 74 Jahre alt. Vor ungefähr zehn Jahren kam Esso und nahm mir meine Felder weg, wir wohnen ja in unmittelbarer Nähe der Erdölbohrungen. Ich wehrte mich und wollte zusammen mit ein paar anderen Bauern nicht klein beigeben. Der Chef der Region sagte, er wolle sich für mich einsetzen. Doch nichts geschah. Ich besass damals 1,5 Hektar fruchtbares Ackerland, davon hat Esso dann schlussendlich eine halbe Hektare entschädigt. Das restliche Land behauptet Esso, sei nicht genutzt worden. Aber das stimmt nicht.

Vor fünf Jahren sammelte dann die Organisation EPOZOP die Anzeigen der Bauern in der Gegend und reichte beim Schiedsgericht der Weltbank Klage ein. Ich verlange eine gerechte und angemessene Entschädigung für meine Hektare Ackerland und die zwei Fruchtbäume, die darauf wuchsen.

Ich bin verheiratet; bei uns leben fünf meiner Grosskinder. Ausserdem habe ich vier Ochsen, drei Ziegen und fünf Hühner. Um uns zu ernähren, pflanzen wir so viel wir können im Garten rund ums Haus an. Manchmal stelle ich Holzkohle her, die ich verkaufen kann oder helfe anderen auf den Feldern, die mich dann entlohnen. Es reicht hinten und vorne nicht.

Die Entscheidung wird bald erwartet. EPOZOP sagt, meine Chancen stehen gut. Es geht um mehr als eine Million FCFA, rund 2000 Franken. Dem Dorfchef werde ich davon nichts abgeben. Wenn ich etwas bekomme, dann werde ich Land pachten, damit wir wieder genug anbauen können und nicht mehr Hunger haben. Ich werde Nahrungsmittel kaufen, vielleicht auch noch einen Ochsen für eines meiner Kinder. Sonst weiss ich noch nicht.»