Ein Mütterhaus für die Ärmsten: Sicher ins Leben starten

Im Umland von San Dionisio, Nicaragua, leben die Frauen ohne Wasser, Strom und Gesundheitsversorgung ein entbehrungsreiches Leben. Sind sie schwanger, können sie im „Haus der Mütter“ in sicherer Nähe zum Ambulatorium die letzten Tage vor der Geburt verbringen. Wenn sie denn den beschwerlichen Weg dahin schaffen.

Das Schreien eines Neugeborenen hallt durch das „Haus der Mütter“. Die junge Mutter ist ratlos. Ist die Kleine hungrig oder stört sie die nasse Windel? Mit hochrotem Köpfchen liegt das Baby nun in ihren Armen und saugt fast empört an der Brust, die sie ihm anbietet. Immer wieder verschluckt es sich. Eine Hebamme betrachtet die beiden und gibt Tipps, wie die Kleine beruhigt werden kann.

In den kleinen Zimmern nebenan ruhen sich andere Frauen aus. Fast alle sind Kleinbäuerinnen aus der Umgebung, die ins „Haus der Mütter“ in San Dionisio gekommen sind, um hier während der Zeit vor und nach der Geburt zu wohnen. Einige haben ihr Neugeborenes bei sich, andere warten noch auf die Niederkunft.

Lebenswichtiges Wissen

Im „Haus der Mütter“ können die Frauen jeden Tag Kurse besuchen. Dabei erfahren sie von den beiden angestellten Hebammen alles Notwendige über die Geburt, das Stillen, die Pflege von Neugeborenen, den Umgang mit Kinderkrankheiten – und die Familienplanung. Wissen, das lebenswichtig sein kann, wenn die Mütter in ein paar Tagen oder Wochen wieder zurück in ihren Dörfern sind, fernab von Gesundheitszentrum und Apotheke. „Die Hebammen haben uns erklärt, dass wir das Baby nach der Geburt auf der Gemeinde registrieren lassen müssen. Und dass wir es auf dem Gesundheitsposten impfen lassen und regelmässig wiegen sollen, um sein Wachstum im Auge zu behalten“, sagt die Wöchnerin Maritza Loáisiga Orellano. Sie ist begeistert über den Aufenthalt im Mütterhaus. „Die Versorgung durch das Personal ist sehr gut, sie kümmern sich wirklich um uns Frauen. Wenn es ein medizinisches Problem gibt, sind sofort Ärzte zur Stelle. Und das Essen ist gut.“ Auch die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert: Die lokale Regierung liefert Lebensmittel, das Gesundheitsministerium Hygieneartikel, Bettwäsche und die Erstausstattung für die Babys.

Abgelegene Dörfer, mangelernährte Bevölkerung

San Dionisio ist eine ländliche Gemeinde mit einer Kleinstadt und 19 Dörfern, 37 Kilometer von der Departementhauptstadt Matagalpa entfernt. 57 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze (weniger als 2 US-Dollar pro Tag), davon ein Viertel gar in extremer Armut (weniger als 1 US-Dollar pro Tag).

Die Frauen in diesen abgelegenen Dörfern haben viele Sorgen: Ihre Ernte reicht nicht aus, um die Familie das ganze Jahr zu ernähren. Viele leiden unter Mangelernährung. Trinkwasser, Strom, Gesundheitsversorgung oder Schulen gibt es in den Dörfern nicht. Viele Frauen werden von ihren Männern unterdrückt und geschlagen: Jahrzehntelanger Machismo und das gewaltbereitschafte Klima während des Bürgerkriegs haben ihre Spuren hinterlassen.

Schwanger vervielfachen sich die Sorgen

Wenn die Frauen schwanger werden, vervielfachen sich ihre Sorgen. Ihr ohnehin schon strenger Alltag wird beschwerlicher, dazu kommen Zukunftsängste und die Ungewissheit der Geburt: „Wird jemand bei mir sein und mir beistehen, wenn die Wehen einsetzen?“ „Was geschieht mit mir und meinem Baby, wenn während der Geburt Probleme auftreten?“ „Können wir gut für ein weiteres Kind sorgen, wo wir doch selbst fast nicht über die Runden kommen?“ Es sind solche Fragen, die in ihren Köpfen drehen, während sie mit dicken Bäuchen Unkraut jäten oder Bohnen ernten.

Hochschwanger zwei Stunden marschieren

Im „Haus der Mütter“ kann ihnen ein Teil dieser Sorgen genommen werden – wenn sie es denn rechtzeitig dorthin schaffen. Meyveling Sevilla Herrera beispielsweise musste hochschwanger zwei Stunden Fussmarsch zurücklegen. „Ich bin hierher nach San Dionisio gekommen, um mein Leben und das meines Kindes zu schützen. In meinem Dorf gibt es keinen Gesundheitsposten. Wenn du dort bleibst bis die Wehen einsetzen, kommst du nicht mehr weg.“ Die Frauen aus dem „Haus der Mütter“ gehen zur Geburt normalerweise ins nahe Ambulatorium. Meyveling aber musste wegen Kompliaktionen ins Spital nach Matagalpa verlegt werden. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die junge Frau für die Geburt in ihrem Dorf geblieben wäre.

Dank der Genossenschaft geht’s aufwärts

Die Frauen sind es gewohnt, auf sich zu gestellt zu sein. Viele Männer und Jugendliche verlassen die Dörfer und versuchen ihr Glück in den Städten oder im Ausland. Um ihr Leben zu verbessern, gründeten 96 Bäuerinnen vor ein paar Jahren deshalb die Genossenschaft „Cooperativa Tierra Fructífera“. Die Genossenschaft unterstützt die Frauen bei der Einführung nachhaltiger Produktionstechniken auf den Feldern und vergibt Kleinkredite, damit die Frauen eine Ausbildung machen oder ein kleines Business starten können. Ausserdem organisiert sie medizinische Beratungen und Gesundheitschecks für die Bevölkerung, führt eine Apotheke und eben das Mütterhaus. Timotea Palacio Martínez verbringt gerade ihre letzten Tage dort. In ein Tuch gewickelt hält die junge Mutter ihr Baby Francisca im Arm. Bald geht es zurück auf die Finca, zu Hof, Herd und den drei anderen Kindern. Mit der Ruhe ist es dann vorbei.

Projektcode: NC 02/16/04

Projektkosten: 61'554 Franken

Laufzeit: 18 Monate

Anzahl Begünstigte: 96 Genossenschaftlerinnen, sowie rund 450 Frauen, die pro Jahr das „Haus der Mütter“ nutzen.