Korn um Korn zum Erfolg

Armut, Dürre und Bodenerosion zwingen seit Jahren viele Bauern im Niger zur Flucht in die Stadt, während die Frauen und Kinder auf dem Land zurückbleiben. Anstatt jedoch den Kopf in den Sand zu stecken, schlossen sie sich zusammen und machten die Wüste fruchtbar. Ein Projekt, das Schule macht.

Pralle Tomaten hängen an den Stauden, daneben wachsen Auberginen, Kürbisse, Kohl, Erdnüsse und Salat. Zitronen-, Orangen- und Mangobäume spenden etwas Schatten in der flirrenden Hitze im Dorf Djoga im westlichen Niger. Ihr Anblick ist in der von Dürre und Hunger bedrohten Region eine Wohltat – und zudem der Beweis für eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. 

Wenn die Männer früher nach der Erntezeit dem Dorf den Rücken kehrten, um in der Stadt ein Auskommen zu suchen, blieben die Frauen mit den Kindern auf dem kleinen Bauernhof zurück. Die Vorräte reichten nicht weit, und anstatt die Schule zu besuchen, gingen die Mädchen ihren Müttern auf dem Feld zur Hand und halfen, die Familie über die Runden zu bringen. Den Frauen mangelte es an allem: Wasser und Essen, Medikamenten und Bildung, Arbeitskräften und Ansehen.

Erfolg auf der ganzen Linie

Doch seit 2002 ist alles anders: Obwohl sie anfangs von den Dorfbewohnern belächelt wurden, schlossen sich rund 50 Frauen zusammen, um dem Elend die Stirn zu bieten. Unterstützt von SWISSAID gründeten sie die Gartenbaugruppe „Cernafa“, um gemeinsam Früchte und Gemüse für den lokalen Markt anzubauen. Die Gärtnerinnen teilten sich die Arbeit – den Gang zum Markt ebenso wie die sparsame Bewässerung der Felder mit der Giesskanne – und schickten ihre Töchter wieder zur Schule. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten und bald zählte die Gruppe über Hundert Mitglieder. 

Mit dem Geld aus dem Verkauf ihrer Produkte bezahlen die Frauen das Schulgeld der Kinder, übernehmen allfällige Gesundheitskosten oder ergänzen den Speiseplan: 

„In einem Jahr kaufte ich zwei Schafe, finanzierte die Heirat meiner Tochter und die Medikamente für meinen kranken Sohn“, erzählt Mariama Yéro stolz, Gründungsmitglied und Präsidentin von „Cernafa“. Doch damit nicht genug: Mit der grösseren Einkommenssicherheit stabilisierten sich auch die Familienverhältnisse und die Kleinkriminalität ging zurück. Kein Wunder, dass auch die Männer plötzlich beginnen, Interesse am Gemüseanbau zu bekunden und die Migration in die Städte in Frage zu stellen.

Erfolgsmodell „Cernafa“

Was in Djoga funktionierte, soll nun auch Familien aus anderen Dörfern Glück bringen. Auf Betreiben von „Cernafa“ hin übernimmt „Suba Se“, eine  2007 gegründete Produzentenvereinigung, das Erfolgsmodell des gemeinschaftlichen Anbaus für den gesamten Bezirk Torodi. 

Rund 1200 Personen aus 16 Dörfern treten dabei in die Fusstapfen der Pionierinnen aus Djoga: Sie packen mit an, wenn es darum geht, das ausgetrocknete Land vor ihren Häusern fruchtbar zu machen, Brunnen zur Bewässerung zu bauen oder eine Tierzucht aufzubauen. Zum Gesamtpaket „Modell Cernafa“ gehören ausserdem Alphabetisierungs- und Technikkurse. Die Gärtnerinnen und -Gärtner sind jetzt in der Lage, selbständig eine Kredit- und Spargruppe professionell zu betreiben oder einen Teil ihres Saatguts selbst herzustellen.

Mais-Anbau: Ein überzeugender Pilotversuch

Leider reichen alle diese Anstrengungen noch nicht aus, um dem Mangel an Getreide entgegenzuwirken. In einem Land, in dem 40 Prozent der Kinder unter 15 Jahren unterernährt sind und mehr als die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Wasser hat, legten SWISSAID und ihre Partner 2012 grosse Hoffnungen auf den Anbau eines neuen Getreides: Nachdem eine Studie gezeigt hatte, dass der biologische Maisanbau trotz der geringen und unregelmässigen Niederschläge in der Region funktionieren kann, wenn die Felder bewässert werden, startete „Suba Se“ einen vielversprechenden Pilotversuch.

Solche Projekte mögen angesichts der ständigen Versorgungskrise im Land – das Erntedefizit der gesamten Agrarsaison 2011-2012 belief sich auf 600‘000 Tonnen – wie ein Tropfen auf den heissen Stein erscheinen. Für die Frauen, Männer und Kinder jedoch sind die mannshohen Maispflanzen grüne Wegbereiter in eine bessere Zukunft.

 

 

Projektcode: NI 2/14/07

Projektkosten: 140‘714.- Franken

Projektdauer: 2 Jahre

Anzahl Begünstigte: 1190 Bauernfamilien aus 16 Dörfern