„Bei uns gibt es keine Treuepunkte, bei uns gibt es Identität!“

Flanieren, Leute treffen, Einkäufe tätigen, regionale Spezialitäten degustieren: Alle zwei Wochen fahren die Bäuerinnen und Bauern aus dem kolumbianischen Hochland nach Bucaramanga und bringen den Städtern Frisches vom Land. Das schafft Vertrauen.

Verschiedene Gemüse, aromatische Kräuter, frischgepresste Säfte, Naturkosmetik und unzählige Körbe mit Früchten in allen Formen und Farben biegen die Tische der einfachen Marktstände durch. Der Markt in La Joya, einem Quartier in der Stadt Bucaramanga im Nordosten Kolumbiens, ist eine Augenweide – und weit mehr als nur eine Alternative zum Shopping in gesichtslosen Supermärkten: Er entstand aus einem von SWISSAID unterstützten Projekt, das die ländliche Entwicklung und den Austausch zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung in der Provinz Soto fördern und insbesondere Frauen und Jugendlichen bessere Zukunftsperspektiven ermöglichen sollte. Das harte Leben der Bauern etwas zu erleichtern und die Umwelt zu schützen, sind Hauptziele aller Bemühungen. Nahrungssicherheit für die Familien ist das Schlagwort.

Die Liebe geht durch den Magen

Bevor der erste vollbepackte Marktwagen die Fahrt über die Schotterstrassen ins Tal in Angriff nehmen konnte, mussten die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern lernen, wie sie den Ertrag ihrer Äcker erhöhen können. Die Kurse in ökologischem Landbau, die die Partnerorganisation von SWISSAID organisierte, waren ein Erfolg: Es gelang den Bauernfamilien mit ökologischen Kniffs, die Ernte so zu erhöhen, dass neben der Menge für den eigenen Verzehr genug bleibt, um Überschüsse auf dem Markt zu verkaufen.

Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen

Das alles ging nicht von heute auf morgen: Drei Jahre harte Arbeit brauchte es, bevor sich der Markt in der jetzigen Form in der Stadt etabliert hatte. In dieser Zeit war die Unterstützung durch SWISSAID fundamental. Mit der Verbesserung des Saatguts der Bauern wurden robustere Pflänzchen gezüchtet und die Sortenvielfalt erhöht. Die lokale SWISSAID-Partnerorganisation kümmerte sich zudem um die winzigen Familienunternehmen, die in Eigenregie  Maisbier, Kuchen oder andere Hof-Produkte herstellten. Mit kleinen Massnahmen professionalisierten die Mikro-Unternehmerinnen den Herstellungsprozess, um ihre Betriebe für den städtischen Markt fit zu machen. Nicht zuletzt ging es auch um Werbung und die Präsentation der Ware – schliesslich isst das Auge mit.

„Eine tolle Sache“

Jeden zweiten Sonntag füllen die Bäuerinnen und Bauern nun ihre Körbe und Taschen und machen sich frühmorgens auf den Weg nach Bucaramanga. „Eine tolle Sache“, sagt die Kleinbäuerin Martha Isabel Arciniegas aus der Gemeinde Floridablance „Wir lernen Leute kennen und kommen in direkten Kontakt mit den Kundinnen und Kunden aus der Stadt.“ Auch Bäuerin Isolina Niño aus Lebrija schwärmt. „So sehen unsere Kunden, woher ihre Lebensmittel kommen und dass es saubere Produkte ohne Chemie sind. Wir können hier ohne Zwischenhändler verkaufen, das heisst, unsere Kundschaft unterstützt direkt unsere Arbeit.“

Die Freude über den Bauernmarkt ist gegenseitig. „Die Produkte sind hier sehr gut, ausserdem günstiger als im Laden. Zum Beispiel der Maniok. Und man darf alles probieren“, sagt Miryam Mantilla, eine Anwohnerin und Kundin von La Joya. Viele Kunden kommen regelmässig, richtige Beziehungen sind so bereits entstanden. „Da gibt es zum Beispiel ein Ehepaar, das uns alles zwei Woche Morgenessen bringt. Oder den Herrn, der immer sein Maisbier bei uns trinkt“, erzählt die Verkäuferin Rosa Isabel Rincón.

Das gewisse Etwas

Der Markt fördert das Bewusstsein über die Herkunft der Lebensmittel und überbrückt die Kluft zwischen Land und Stadt. Oder in den Worten von Yeimi Katherine, einer jungen Städterin: „Auf dem Markt sehen wir die ganze Vielfalt und was alles bei uns wächst. So bleiben wir in Verbindung mit den Traditionen unserer Vorfahren.“

Wer auf dem Bauernmarkt einkauft, legt deshalb neben erntefrischen Mangos und Gemüsen auch ein gutes Stück Identität in seinen Einkaufskorb. Das Preis-Leistungsverhältnis ist nicht das einzige, das zählt: „Bei uns gibt’s keine Punkte, bei uns gibt’s das gewisse Etwas für das gute Leben. Keine Märkli, dafür Identität“, sagt Markfahrerin Claudia Gimena Roa.

Schlechte Markttage dürfen nicht sein

Finanziell ist der Markt nach wie vor eine Gratwanderung: 45 bis 170 Franken verdient eine Bauernfamilie pro Markttag durchschnittlich. Die Hauptschwierigkeit sind die hohen Kosten für den Transport der Ware in die Stadt. „Die meisten Bauern haben kein eigenes Fahrzeug. Weil die Strassen in sehr schlechtem Zustand sind, ist der Transport mit durchschnittlich 1.80 Franken pro Korb recht teuer“, erklärt Mitorganisator Fernando Salazar Ferreira. Das erzeugt Druck: „Die Bauernfamilien sind darauf angewiesen, dass der Markt viele Leute anzieht. Schlechte Markttage können sie sich gar nicht leisten.”