Klimawandel konkret: Wenn die Saat nicht mehr aufgeht

Nicaragua zählt zu jenen Ländern Lateinamerikas, die dem Klimawandel am meisten ausgesetzt sind. Letztes Jahr verdorrten die Pflanzen auf den Feldern, Hunger war die Folge. Mit Hilfe der Spenderinnen und Spender von SWISSAID entwickeln die Landwirte darum Saatgut, das auch bei Trockenheit gedeiht. Ein langwieriger Prozess.

Jucuapa Occidental, Nicaragua, rund 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Managua: Trocken schmiegen sich die Felder in die hügelige braun-grüne Landschaft, der Mais und die Bohnen stehen halbhoch. Zwar regnete es seit der Aussaat, doch nicht genug − die Bauern warten täglich auf die erlösenden Tropfen, die nicht fallen. Der Fluss, in dem die Frauen gewöhnlich die Kleider waschen und dem die Männer das Bewässerungswasser entnehmen, schlängelt sich als Rinnsal den Feldern entlang. 

«Die Ernte wird weniger gut», weiss Bäuerin Rosalba Flores Aguilar schon jetzt und lässt den Blick prüfend über die Felder schweifen. «Aber es kommt wenigstens nicht zu einem
Totalausfall.» 

Letztes Jahr konnte Rosalba wegen Dürre und sengender Hitze nur die Hälfte ernten. Dabei hatte sie und ihre Familie Glück. Andere in der Gegend standen buchstäblich vor dem Nichts. Die Speicher waren leer, das Saatgut aufgegessen. Die nicaraguanische Regierung bezifferte den Ausfall bei der Bohnenernte auf 80, bei Mais auf 60 Prozent. SWISSAID startete mit Unterstützung vieler Spenderinnen und Spendern in den Dörfern Nothilfe-Aktionen, um wenigstens das Schlimmste zu verhindern.

«Gewusst wie» schützt vor Ernteausfall

Rosalba Flores Aguilar hatte während der Dürre letztes Jahr nicht nur Glück. Sie wappnet sich seit längerem gegen klimatische Unbill. Die 37 -jährige Bäuerin und ihre Familie setzen
auf Mischkulturen, Sortenvielfalt, sparsame Bewässerungssysteme und hausgemachten Bio-Dünger. Dank diesen agroökologischen Massnahmen ist sie den Wetterkapriolen weniger ausgesetzt als wenn auf ihrer kleinen Finca bloss Kaffee-Stauden in Reih und Glied stehen würden. Die Pflanzen auf ihrem Acker leiden auch weniger häufig unter Schädlingen und Krankheiten, die sonst den Bauern das Leben schwer machen.

Diese Landbaumethoden allein reichen jedoch nicht, um dem Klimawandel die Stirn zu bieten. Unisono stellen die Bäuerinnen und Bauern der Region fest, dass die Trockenperioden zunehmen. «Seit Jahren wird es immer wärmer», sagt Bauer Antonio Zamoura Suarez. «Heute kann es auch mal 35 Grad warm werden, früher hatten wir bloss 30 Grad.»

Rascher Temperaturanstieg

Die Pflanzen können mit solchen Temperaturschwankungen nicht Schritt halten. Die Hoffnung der Bauernfamilien ruht daher auf der lokalen Sortenvielfalt. In der Region säen die Landwirte Dutzende lokale Mais- und Bohnensorten, die an Boden und Klima angepasst sind und sich durch verschiedene Eigenschaften auszeichnen. Während die einen besser schmecken oder schöner aussehen, benötigen andere eine kürzere Reifezeit oder bringen mehr Ertrag. Aus diesen lokalen Sorten lassen sich neue kreuzen, die besser an den Klimawandel angepasst sind.

Doch diesen Schatz an Sortenvielfalt mussten die Bauerngemeinschaften erst «bergen». Allein 32 lokale Mais- und Bohnensorten katalogisierten die Bäuerinnen und Bauern in den vergangenen zwei Jahren auf ihre Eigenschaften hin – der Beginn jeder erfolgreichen Züchtung. Gemeinsam mit der lokalen Universität selektionierten sie daraufhin vier Bohnen- und fünf Maissorten, die sich im Hinblick auf den Klimawandel für die Züchtung von verbessertem Saatgut eignen.

Erster Erfolg mit «Dor Acriollado + H-Vaina Roja»

Dabei war einer der Züchter besonders erfolgreich: Ihm gelang bereits 2013 die Kreuzung zweier ertragreicher und dürreresistenter, lokaler Bohnen − die Sorte «Dor Acriollado + H-Vaina Roja» war geboren. «Es wird aber noch mindestens sechs Jahre dauern, bis die Sorte genügend stabilisiert ist und die gewünschten Eigenschaften langfristig aufweist», erklärt der SWISSAID-Länderverantwortliche, Daniel Ott Fröhlicher. «Züchten braucht Zeit.» 

Hier lässt sich auch eine der grössten Schwierigkeiten verorten, wie Rosalba im Gespräch anklingen lässt. 1100 Familien haben dank dem Projekt Zugang zu gutem Saatgut. Doch nicht alle beteiligen sich an der Verbesserung des Saatguts. «Wenn sich mehr Familien einbringen, erzielen wir in den Dörfern eine grössere Wirkung und die lokalen Sorten werden
besser in der Gemeinschaft verankert», weiss Rosalba als eine der erfahrensten Bäuerinnen weit und breit. Über 300 sogenannte «Promotores» oder Berater sind darum in den Dörfern unterwegs und zeigen konkret, worauf die Kleinbauern achten müssen – besonders wenn die anstehende Winterernte erneut weniger reichlich oder qualitativ schlechter ausfallen dürfte.

Der Ehemann findet zuhause Arbeit

Rosalba ist jedoch des Lobes voll: «Ich habe enorm viel gelernt über den Anbau, Schädlinge und Krankheiten, über die Sortenvielfalt und die sichere Lagerung der Ernte.» Dank den Erfolgen mit den neuen Anbaumethoden fand ihr Ehemann heuer auf der eigenen kleinen Finca ein Auskommen und muss sich nicht mehr in Costa Rica verdingen. Die neuen Kenntnisse wisse auch ihr Sohn zu nutzen, sagt Rosalba Flores Aguilar. «Er ist jetzt 17 und wird dereinst ein besserer Bauer sein.»

Projektcode: NC 2/15/16

Projektkosten: 7'396 Franken

Laufzeit: 6 Monate

Anzahl Begünstigte: 1'100 Bauernfamilien