Hin und zurück im Einbaum

Bis die Bauern von Bahía Solana den Reis im Kochtopf und dem eigenen Teller haben, ist’s ein weiter Weg – und alles nimmt seinen Anfang in einem einfachen Boot an der Pazifikküste Kolumbiens. Der Biolandbau spielt dabei eine zentrale Rolle.

Das kennen wohl alle: «Kommst du», ruft der Ehemann, der draussen bereitsteht. «Ja, gleich», tönt es aus dem Innern des Hauses, die Frau muss noch etwas im Haushalt erledigen. Während der Mann draussen wartet, hört man vom gegenüberliegenden Haus das Grunzen eines riesigen Schweins, das sich kurz darauf auch in seinem Verschlag zeigt. Der Mann geht schliesslich alleine los – weit ist es nicht – und eine halbe Minute später hastet ihm seine Frau nach.

Nur per Schiff und Flugzeug erreichbar

Das Ehepaar Arías-Bermudez im Weiler El Valle an der kolumbianischen Pazifikküste will nicht etwa in die Ferien verreisen, sondern macht sich mit geschulterten Werkzeugen auf den Weg zur Reisernte. El Valle gehört zur Gemeinde Bahía Solana und eine Strasse, welche die Ortschaften mit der Aussenwelt verbindet, gibt es nicht. Nur per Schiff oder kleinem Flugzeug gelangt man hierhin.

Fast kein Durchkommen

Die erste Überraschung folgt bald: Die Reisfelder von El Valle stehen im Trockenen, wie andernorts Weizen und Roggen. Aber das Wasser ist nicht weit. Keine zwei Meter tiefer liegt der Grundwasserspiegel, und für Nachschub wird beinahe täglich gesorgt: In der Region fällt etwa vier- bis sechsmal mehr Regen als im Schweizer Mittelland.

Doch noch sind Alberto Arías und Nubia Bermudez nicht auf ihrem Acker. Am Ufer des Río Valle liegt ihr schmaler Einbaum, dort verstauen sie ihr Werkzeug sowie einen Kochtopf. Vorsichtig steigt Nubia Bermudez in das schmale, schwankende Kanu ein – fast wäre es gekentert. Dann geht die Reise los: Zuerst staken die beiden den breiten, trägen Río Valle hinauf, dann biegen sie in den schmalen Río Angía ein. Zwei Stunden dauert die schweisstreibende Fahrt durchs grüne Dickicht, vorbei an farbenprächtigen Vögeln, umgestürzten Bäumen. Manchmal müssen sie ein paar Äste kappen, um den Durchgang wieder freizubekommen.

Die Globalisierung erreicht die letzten Winkel

So idyllisch und abgeschieden der Ort ist – von der Globalisierung ist auch er nicht verschont geblieben. In den 90er Jahren begann Kolumbien billigen Reis zu importieren und die eigene Produktion ging stark zurück. Statt selber mühevoll Reis anzubauen, kauften die Leute von El Valle nun dieses Grundnahrungsmittel auf dem Markt ein. Erst nach der Jahrtausendwende erlebte der Reisanbau – auch mit Unterstützung von Swissaid – wieder einen Aufschwung. Der Reis-Reichtum ist dabei gross: allein 14 lokale Reissorten wachsen hier. Sie tragen klingende Namen wie Fortuno und Mariangela, Chino, Negrita oder Tres Meses. Jede hat ihre bestimmten Eigenschaften und Verwendungszwecke.

Früher lebten die Leute oben bei ihren Reisfeldern. Die Jungen hingegen zogen hinunter ins Dorf, wo mehr Leben herrscht und ihre Kinder die Schule besuchen können. Dafür nehmen sie den zweistündigen Weg zu ihren Feldern in Kauf. Wenn sie einmal dort sind, bleiben sie eine Woche. Sie nehmen Lebensmittel und Kochgeräte mit und campieren in einer festen Strohhütte. Gekocht und gegessen wird gemeinsam.

Heute ist Reisernte. Alberto Arías schleift zuerst seine Sichel und dann die Machete, prüft die Schärfe der Klinge mit dem Daumen und grinst: «Damit kann ich hier alles leerschneiden!»

Dreschen als Sport

Wenig später streift eine kleine Prozession durch das Dickicht: Zwei Männer tragen eine Art kurzes Kanu auf dem Kopf, gefolgt von Frauen und Männern mit Sicheln. Sie ernten in Zweierteams: Alberto Arías schneidet ein paar Büschel Reishalme, bis er ein rechtes Bündel beisammen hat. Das gibt er seiner Frau weiter, die es drei Mal in das kleine Boot haut, den Behälter für den Reis. Die Reiskörner fallen so aus ihrer Rispe ins kleine Bötchen, die Halme und Spelzen wirft Nubia Bermudez weg. Sie verrotten und düngen so wieder den Boden. Der Rhythmus ist atemraubend: Schnitt, Schnitt, Schnitt – Dresch, Dresch, Dresch!

Ganz wichtig ist den Reisbauern vom Río Valle, dass Mann und Frau sich abwechseln, also auch die Frauen Schnittarbeiten übernehmen und die Männer dreschen. «Wir betreiben das wie einen Sport», erklärt Leonor Murillo, eine der älteren Bäuerinnen, die jetzt Alberto Arías‘ Platz und Sichel übernommen hat. «Wer am meisten schneidet, gewinnt!»

Bio ist selbstverständlich

Zu den Gewinnern gehört auch die ganze Gemeinde. Davon, dass der Reis biologisch angebaut wird, spricht niemand – das ist selbstverständlich. Seit Swissaid hier mit von der Partie ist, nimmt der Reisanbau neuen Aufschwung. «Wir wissen heute viel mehr über Dünger und die Bekämpfung von Krankheiten», sagt Leonor Murillo: «Vorher kannten wir das nicht. Jetzt wissen wir, was wir gegen Schädlinge tun können.»

Die Zweierteams schneiden und dreschen weiter, in einem Rhythmus, der auf jahrelanger Erfahrung beruht. «Das machen wir seit Kindstagen so», sagt Bauer Ismael Cordoba, «unsere Eltern haben uns das gelehrt.» Wenn die kleinen bootförmigen Behältnisse voll sind, werden sie von Blättern und Rispenresten gesäubert, bis nur noch Reiskörner daliegen.

Zum Trocknen unters Plastik

Nun muss der Reis getrocknet werden. Früher nahmen die Reisbauern vom Río Valle ihre Ernte mit ins Dorf und legten sie auf der Strasse zum Trocknen aus. Das funktionierte zwar einigermassen, aber immer wieder fuhr ein Wagen drüber und wischte die Körner auseinander. Und mehr als einmal – es sind Naturstrassen – mischten sich Steinchen unter den Reis.

Vor der Ernte haben die Bauern nun ein Trockenhaus aus Plastikplanen gebaut, eine Art Treibhaus, durch das der Wind streichen kann. «Früher dauerte es zwei bis drei Tage», sagt Bauer Ruperto Nagles, «heute ist der Reis in einem einzigen Tag trocken!»

Die Neuerungen wirken sich aus. «Das ist unser Essen!», freut sich Leonor Murillo, während sie ein neues Büschel abschneidet und weiterreicht. «Und wir verdienen erst noch etwas daran! Was wir nicht essen, verkaufen wir nämlich auf dem Markt.»

Projektcode: KO/2/14/01 

Projektkosten: 100'478 Franken

Projektdauer: Bis 2015

Begünstigte: 945 Frauen, Männer und Kinder