Happiness-Seminare gegen häusliche Gewalt

Indien zählt weltweit zu den gefährlichsten Ländern für Frauen, häusliche Gewalt gehört für viele Inderinnen zum Alltag. Vorschub leisten die Kinderheiraten und die weit verbreitete Armut. Doch wie lässt sich die Gewaltspirale durchbrechen? Mit Happiness-Seminaren, aber auch klassischen Anlaufstellen und Weiterbildungsangeboten erreichen die Partnerorganisationen nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer - und gute Ergebnisse.

„Papa, wann kommst du endlich zum Znacht? Ich vermisse dich!“ Kein anderer Telefonanruf lässt Ankush Bardes Herz höher schlagen, wenn er abends auf der Plantage Zuckerrohr schneidet. Was für andere Väter eine Selbstverständlichkeit ist, hat er sich hart erarbeiten müssen: Das Vertrauen und die Liebe seiner drei Kinder – und seiner Frau.

Früher, so erzählt er, habe er seine Frau misshandelt und angeschrien und dabei die Kinder so erschreckt, dass sie sich versteckten, wenn er nach Hause kam.

Ankush und seine Frau Songita heirateten vor 13 Jahren. Die Braut war gerade 17 geworden, als sie sich das Ja-Wort gaben. Ankush, damals 22,  besuchte noch das College. Als er nach dem guten Abschluss als Angehöriger der Pardhi, einer der untersten Gesellschaftsschichten, keinen festen Job fand, war er sehr wütend. Zudem fürchtete er, Männer aus oberen Kasten würden sich an seiner Frau vergreifen, wenn sie als Tagelöhnerin arbeiten müsste.

Gefangen in patriarchalen Strukturen

So wie es von einer verheirateten Inderin auf dem Dorf erwartet wird, dass sie Kinder bekommt und zu Hause den Gatten verwöhnt, muss der junge Mann das Familieneinkommen sichern. „Als das nicht möglich war, liess ich meine Angst und Wut an meiner Frau aus“, erzählt Barde.

Der Wendepunkt kam mit einem ersten Gruppentreffen, das eine Partnerorganisation von SWISSAID im Dorf in der Nähe von Beed organisierte. Hier fand er erstmals Männer, mit denen er sich austauschen konnte und Aktivistinnen, die andere Wege aufzeigten. „Ich lernte, meine Wut zu zügeln“, erzählt Barde, der mittlerweile als Gruppenführer auf der Zuckerrohrplantage arbeitet und andere Pardhi-Männer berät. Im ganzen Dorf stellt er ein besseres Verständnis zwischen Mann und Frau fest.

Das Gleichstellungsprojekt von SWISSAID, von dem die beiden profitieren, erstreckt sich über 140 Dörfer in der ärmsten Region des Gliedstaats Maharashtra. Die Partnerorganisationen SPMM und MANAVLOK führen vor Ort Anlaufstellen, bieten Rechtsberatung, bauen Frauenhäuser auf, leiten Selbsthilfegruppen an und bilden Polizisten und Richter weiter.

Die Binsenwahrheit, dass die Gleichstellung auch Männer betrifft und die Geschlechterrollen schon in jungen Jahren festgelegt werden, haben die Partnerorganisationen längst begriffen. Sie sprechen daher Kinder und Jugendliche, Mädchen und Knaben gezielt an. Junge Paare werden zu spielerischen Ehe-Workshops geladen, die den gegenseitigen Respekt fördern und die Liebe aufblühen lassen – als effektive Gewalt-Prävention.

Ehe-Seminare für Anfänger und Fortgeschrittene

„Stellt eure Partnerin vor und streicht ihre Vorzüge hervor“, lautet die einleitende Aufgabe eines so genannten Happyness-Workshops. Einige der jungen Männer suchen nach Worten – es wollen ihnen partout keine anderen Vorzüge einfallen, als dass sie das Essen pünktlich serviert bekommen. Später werden die Paare miteinander besprechen, was ihnen an der Darstellung durch das Gegenüber gefallen hat - oder auch nicht. In Spielen erfahren die sie, wie sie sich liebevoll begegnen und Respekt aufbauen können. Auch Verhütung und Alkoholkonsum sind ein Thema, ebenso die Gleichstellung – warum soll die Frau alle Hausarbeit erledigen? Weshalb der Mann das Ackerland besitzen?

Dass solche und ähnliche Workshops funktionieren und die Gewalt eingedämmt wird, zeigt das Beispiel von Ankush und Songita Barde (Hintergrundinfo, weshalb das funktioniert hier). Die Frau ist des Lobes voll: „Heute bin ich die glücklichste Frau im Dorf.“ Sie könne ihren Mann kritisieren, müsse auch nicht immer das Essen bereitstellen, weil er sich selber bediene. „Und ich bin so privilegiert, dass ich sogar Nein zu Sex sagen kann.“

 

  • Projektnummer: IN 2/13/16
  • Projektdauer: 24 Monate
  • Kosten: Fr. 106'450.-
  • Anzahl Begünstigte: 140 Dörfer im Distrikt Beed