„Lasst euch von eurem Herzen leiten – Gewalt zerstört die Familie!“

Die Verfassung Ecuadors setzt Frauen und Männer gleich und verbietet jegliche Diskriminierung. Doch die Realität sieht anders aus. Frauen werden unterdrückt und geschlagen und gerade die Landbevölkerung steckt fest im Zangengriff des Machismo. Doch es gibt neue Ideen zu Förderung der Gleichberechtigung. SWISSAID bringt sie ins Andenland.

Gleichstellung ist Voraussetzung für echte Entwicklung – und doch gelang es in den Anden Ecuadors über Jahre kaum, die Themen Gleichberechtigung oder Gewalt aufs Tapet zu bringen. Dies obwohl Gewalt in den vorwiegend indigenen Gemeinschaften weit verbreitet ist und die Frauen seit jeher unter dem Machismo leiden.

Zwar werden Ecuador nach Nicaragua die grössten Fortschritte beim Thema Gleichberechtigung in Lateinamerika bescheinigt. Und doch gaben bei einer offiziellen Erhebung sechs von zehn Ecuadorianerinnen an, dass sie im Jahr 2011 Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt waren. Während die gesamte Mordrate im Land seit Jahren fällt, stieg der Anteil an Frauenmorden zwischen 2008 und 2012 von 8,5 auf 12 Prozent. Die Gewalt trifft neben Frauen auch Mädchen und Jungen, Jugendliche, sexuelle Minderheiten, Seniorinnen und Menschen mit Behinderung.

Geglückter Export nach Ecuador

Seit bald fünf Jahren arbeitet SWISSAID in Ecuador zum Thema Gleichberechtigung. Doch der Machismo sitzt so tief, dass kein wirklicher Durchbruch gelang. Erst das Treffen mit einer SWISSAID-Mitarbeiterin aus dem benachbarten Kolumbien brachte die Wende. Sie erzählte so begeistert von der Arbeit der kolumbianischen Partnerorganisation „Colectivo hombres y masculinidades“, dass die Ecuadorianer die beiden Gründer des Kollektivs kurzentschlossen einluden.

Und plötzlich lag in Reichweite, was lange Zeit ausgeschlossen schien: Das Thema ins Bewusstsein zu rücken und so eine Verhaltensänderung herbeizuführen. Mit den Führungskräften der Dachorganisation der indigenen Bevölkerung der Provinz Cotopaxi, der MICC, hielten Vertreter des „Colectivo“ im Hochland Ecuadors erste Workshops ab, die mit Übungen und Spielen darauf abzielten, die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Ungewöhnliches Bild

„Uns wurde klar, dass jeder Mann und jede Frau bei sich selber beginnen muss, um Frieden zu verbreiten und gegen Gewalt in der Familie anzukämpfen“, sagt Julio Cesar Pilalumbo rückblickend, der als Präsident des MICC 33 Vereinigungen vertritt. Die Führungsriege liess sich rasch überzeugen. Offensichtlich war es dem „Colectivo“ gelungen, den richtigen Ton zu treffen.

Zugegeben, es sieht eigenartig aus, wenn eine Gruppe Kleinbauern heute mit ihren wettergegerbten Gesichtern im Kreis sitzt und sich von ihrer ersten Verliebtheit vorschwärmt, einander den Rücken massiert, mit Farbe den Körper bemalt oder in kleinen Theatern Szenen aus dem Familien- und Beziehungsalltag nachstellt. Mit diesen Rollenspielen führen sich die Teilnehmer in den Kursen nicht nur den alltäglichen Machismo vor Augen, sondern zeigen auch Möglichkeiten, neue Männerrollen anzunehmen und ohne Aggression zu handeln.

Das Thema in die Dörfer tragen

Seit jenem denkwürdigen Anfang hat das MICC mit Unterstützung von SWISSAID viele Frauen und Männer ausgebildet, die das Thema auf Quechua, der lokalen Sprache, in die Dörfer und Schulen tragen. Lokale Politgrössen äusserten öffentlich ihre Unterstützung für die Kampagne, die unter dem Titel „Lass dich von deinem Herzen leiten – Gewalt zerstört die Familie“ im lokalen Fernsehsender gegen Gewalt in der Familie aufrief. Auch an Plänen für die nahe Zukunft fehlt es nicht: Nun wird ein Set mit Methoden und Instrumenten ausgearbeitet, das den MICC-Mitgliedern in den Dörfern die Arbeit gegen Gewalt und Machismo erleichtern soll. Weitere TV-Spots und die Ausbildung zusätzlicher Fachleute sind geplant. „Schöne Beziehungen zwischen Männern und Frauen, am besten eine Provinz Cotopaxi ohne Gewalt – das ist mein Ziel“, bringt es Norma Mayo von der MICC auf den Punkt.

 

 

  • Projektcode: EC 02/15/05
  • Projektdauer: Zwölf Monate
  • Projektkosten: 71’657 Franken
  • Anzahl Begünstigte: 1000 Frauen und Männer