Wenn Frauen sich trauen

Gleichberechtigung und Unabhängigkeit gehen im Niger Hand in Hand. Der wirtschaftliche Erfolg ist für Frauen das Tor zu gesellschaftlicher Achtung und politischer Mitsprache. Ein Stolperstein ist jedoch das Bodenrecht.

«Darauf bin ich stolz», sagt Bäuerin Aïssa Issaka, 54, und lächelt: Als Gemeinderätin hat sie ihre Ratskollegen vom Kauf einer Getreidemühle überzeugen können, bezahlt von der «Mairie». Nun müssen die Frauen nicht mehr im Morgengrauen los, um die zwölf Kilometer bis zur Mühle zu laufen, um das Getreide zu verarbeiten. 

Auch Aïssa Issakas Weg in den Gemeinderat von Koygolo mit den fast 50 Dörfern und 60000 Einwohnern war lang. Denn Gleichberechtigung ist im nigrischen Alltag keineswegs selbstverständlich. Frauen erfahren bloss Respekt, wenn sie erfolgreich wirtschaften – ein Ziel vieler Hilfsprojekte. Haben Frauen in einem Kurs Rechnen gelernt und werden auf dem Markt nicht mehr übers Ohr gehauen, verschafft ihnen der finanzielle Erfolg Selbstbewusstsein und Respekt.

Noch mehr Arbeit für Frauen 

Im Klartext bedeutet das, dass die Frauen noch mehr Arbeit und Verantwortung schultern. Gleichzeitig geraten die Männer in ihrem Selbstverständnis als Ernährer und Oberhaupt der Familie unter Druck, wie eine Studie von SWISSAID bestätigte. Es gilt daher, Rollenbilder zu hinterfragen. 

Ein erster Schritt in diese Richtung ist die Verbreitung von Basiswissen. Denn weder Männer noch Frauen kennen ihre Rechte. SWISSAID lancierte daher eine Informationskampagne zu Frauenrechten, gepaart mit Seminaren für weibliche Führungskräfte – damit auch Frauen sich trauen, in Gremien Einsitz zu nehmen oder bei den Dorfversammlungen unter dem Mangobaum das Wort zu ergreifen. Wie Aïssa Issaka. 

Wer besitzt das Land?

Heikel ist die Diskussion um Zugang zu Land. Theoretisch und von Gesetzes wegen können die Frauen zwar Ackerland erben. In der Praxis gehen sie jedoch leer aus, weil die Marabouts (islamische Heilige) die Koranverse zum Erbrecht zugunsten der Männer auslegen. Die Äcker bleiben in den Familien der Brüder, und ein Ausgleich wird nicht geleistet. Frauen werden nur sehr selten Landeigentümerinnen. 

Auch wenn sie ein Feld pachten, sitzen sie am kürzeren Hebel. Viele Bäuerinnen hüten sich, viel Arbeit in die Bodenqualität zu stecken. Zu gross ist die Gefahr, dass der Acker bei Gedeihen an den Eigentümer zurückfällt. 

Am SWISSAID-Forum über «Frau und Boden» warb Bäuerin Aïssa Issaka daher laut und deutlich für mehr Verständnis, wenn Frauen ihre Rechte geltend machen. Die Veranstaltung wurde vom Lokalradio übertragen und wiederholt ausgestrahlt. «Seither wächst das Bewusstsein und das Verständnis für die Frauen, wenn sie für ihre Rechte einstehen», stellt Aïssa Issaka mit Genugtuung fest. 

Selber bewirtschaftet sie drei Hektar Ackerland, die sie nach harten Diskussionen mit ihren Brüdern von ihrem Vater geerbt hat. Was sie besonders freut: «Selbst wenn ich sterben sollte, fällt das Land nicht an sie zurück, sondern bleibt in den Händen meiner Kinder.»