Trinkwasser, das fliessende Glück

Dank neuen Brunnen haben Tausende Mädchen und Frauen im Niger heute mehr Zeit. Sechs Stunden mussten sie früher fürs Wasserholen aufwenden – jeden Tag. Nun bleibt genug Zeit für Schule und Arbeit. Doch der Weg dahin war ausgesprochen steinig.

«Wir konnten es kaum glauben, als SWISSAID dem Wasserprojekt zustimmte », erzählt eine der Frauen, die für das Projekt «geweibelt» hatten. Zu oft hatten andere Hilfswerke oder staatliche Stellen Trinkwasser versprochen «und waren dann auf Nimmerwiedersehen verschwunden». Denn die geologischen Verhältnisse in der hügeligen Region Arzérori des Sahelstaates Niger sind extrem schwierig. Der Wasserspiegel befindet sich in 300 Meter Tiefe, geschützt von dicken Lehm- und Gesteinsschichten. Fast hätte auch SWISSAID das Handtuch werfen müssen.

Die erfahrene nigrische Firma, die mit der komplexen Bohrung der Brunnen beauftragt worden war, musste nach einem Jahr und mehreren Fehlversuchen Forfait erklären. «Aber Aufgeben kam für uns nicht infrage », sagt Idrissa Moussa, der einheimische Projektleiter vor Ort. «Denn die Verhältnisse waren einfach unerträglich.» 

Sechs Stunden brauchten die Mädchen und Frauen in neun Dörfern von Arzérori täglich, um schmutziges Wasser herbeizuschaffen. In der Schule blieben die Bänke der Mädchen daher häufig leer. Und die Frauen fanden keine Zeit zum Geldverdienen. Zudem war das Wasser sehr teuer, viele mussten sich dafür verschulden. Die Wasserlöcher waren ausserdem in einem derart desolaten Zustand, dass es beim Wasserholen zu tödlichen Stürzen kam. «Gott sei Dank ist das vorbei», sagt Idrissa Moussa.

Schliesslich gelang es mithilfe einer ausländischen Firma, die Wasserschicht in 314 Meter Tiefe anzubohren. Die Fachleute installierten daraufhin Pumpen sowie Reservoire und verlegten kilometerlang Wasserrohre. Denn das Wasser soll auch in den Weilern, bei den Schulen, Gesundheitszentren und Marktplätzen fliessen.

Tiere verschmähen Dreckbrühe

«Wir können SWISSAID einfach nur Danke sagen», sagt Hindatou Rabo stellvertretend für die 7000 Männer, Frauen und Kinder (sowie doppelt so viele Rinder, Ziegen und Schafe), die heute feines, sauberes Wasser trinken. Und dies zu günstigen Preisen: 25 Liter kosten nun weniger als 1 Rappen, was auch für die Ärmsten erschwinglich ist. «Selbst die Tiere verschmähen die Dreckbrühe von früher», erzählen die Frauen mit einem Schmunzeln. «Unser Leben ist so viel einfacher geworden!»

Seit Wasser günstig und gut erhältlich ist, sehen Beobachter erste zarte Pflänzchen von «Wohlstand»: Es werden mehr Kinder getauft, die Familien essen ausgewogener, weil sie weniger Geld fürs Wasser ausgeben müssen. Die Frauen finden mehr Zeit, um auf dem Markt etwas dazuzuverdienen und die Lehrer zählen viel mehr Mädchen in den Klassenzimmern. 

Rekordhohe Kindersterblichkeit

Damit ist die Arbeit von SWISSAID jedoch nicht getan – jedenfalls nicht, wenn sie nachhaltig sein soll. Zu jedem Trinkwasserprojekt gehört der Bau von Latrinen, denn auf dem Land erledigen die allermeisten ihr Geschäft im Busch, mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen. Jedes achte Kind im Niger kann den fünften Geburtstag nicht feiern – damit belegt das Land im weltweiten Vergleich einen traurigen Spitzenplatz. Vielfach sterben die Kinder an Krankheiten, die sich auf verschmutztes Trinkwasser und mangelnde Hygiene zurückführen lassen.

Gemeinsam mit den Dorfverantwortlichen plante SWISSAID in den Gemeinden daher 380 Latrinen. Einheimische wurden im Bau der Toilettenhäuschen unterrichtet, und eine breite Toiletten- und Seife-Kampagne zum Gebrauch der WC gestartet. Projektleiter Idrissa Moussa schätzt, dass «derzeit die Hälfte der Leute in unseren Dörfern eine Latrine benutzen».

Das ist deutlich mehr als der nationale Durchschnitt von elf Prozent, aber nicht genug. «Immerhin müssen heute die Mütter dreimal weniger Kinder wegen Durchfall in die Krankenstation bringen», sagt Krankenpfleger Issoufou Souleymane.

Weltweit erfolgreiches Konzept

Langfristig am wichtigsten sind jedoch die lokalen Wasserkomitees, die SWISSAID bei Brunnenprojekten zur Pflicht macht. Denn die Wasserversorgung muss unterhalten werden, was bloss garantiert ist, wenn die Infrastruktur in der Bevölkerung verankert ist − ein Konzept, das SWISSAID seit Jahrzehnten weltweit mit grossem Erfolg anwendet. 

In Arzérori nun wählte die Dorfversammlung gemeinsam mit der «Mairie» aus ihren Reihen ein fünfköpfiges Wasserkomitee. Die Persönlichkeiten, darunter zwei Frauen, sorgen heute als Säckelmeisterin, Verwalter und einfacher Brunnenmeister dafür, dass die Einnahmen der einzelnen Brunnenwächterinnen auf dem Bankkonto des Vereins landen – und tatsächlich für den Unterhalt verwendet werden. Bereits liegen umgerechnet über 2500 Franken auf dem Konto – und das in einem bitterarmen Land, das berüchtigt ist für Korruption, Misswirtschaft und Instabilität.

Projektcode: NI 2/13/01

Projektkosten: 684'000 Franken. Einzelne Schweizer Gemeinden und Kantone sowie mehrere Stiftungen finanzierten zwei Drittel des Projekts. 

Anzahl Begünstigte: 7000 Männer, Frauen, Kinder