Familienplanung in Nicaragua: Verhütungsmittel sind da, aber an Wissen fehlt’s

Wie viele Kinder wollen wir haben? Wie ernähren wir unsere Familie? Dass sie in der Familie und in der nicaraguanischen Gesellschaft wenig zu melden hatte, war für Esmeralda Álvarez Bermúdez normal. Seit sie in einer von SWISSAID unterstützten Frauenorganisation mitmacht, ist der Maulkorb Vergangenheit.

„Mein ganzes Leben hat sich geändert.“  Esmeralda Álvarez Bermúdez weiss gar nicht, wo sie anfangen soll zu erzählen. Die Bäckerin, Bäuerin, Kämpferin in einer Frauengruppe, dreifache Mutter und Ehefrau ist selber erstaunt, wie sehr sich ihr Engagement in der von SWISSAID unterstützten Frauenkooperative La Dariana bezahlt gemacht hat. 

Entscheidungen gemeinsam fällen

„Ich bin nicht mehr die Gleiche. Ich habe gelernt, mich auszudrücken, mit meinem Mann zu diskutieren, Argumente vorzubringen. Ich konnte unsere Ernährungssituation verbessern, mein Selbstwertgefühl und auch meine Gesundheit.“ Und, ganz nebenbei bemerkt, auch die Beziehung zu ihrem Mann.  „Wir treffen Entscheidungen über unser Leben nun gemeinsam, zum Beispiel in Bezug auf die Familiengrösse. Wir müssen an die Zukunft denken, daran, wie vielen Kindern wir eine Ausbildung, Ernährung und medizinische Versorgung ermöglichen können.“ 

Für die 43-Jährige ist das Thema Familienplanung (siehe Box unten) mittlerweile abgeschlossen. Als Mutter zweier erwachsener Töchter bleibt das Thema aber aktuell: „Meinen Töchtern sage ich immer, dass sie einen Mann sehr gut kennen sollen, bevor sie sich auf ihn einlassen. Ich spreche mit ihnen über ihre Rechte als Frau. Sie sollen ihre Schwangerschaften planen und sie nicht dem Zufall zu überlassen.“

In der Kindheit bestimmen die Eltern, später der Mann

Mit Frauenrechten ist es in Nicaragua so eine Sache. Eigentlich hat das Land eine starke Frauenbewegung, so die SWISSAID-Büroleiterin Lucía Aguirre. „Aber auf dem Land merkt man davon wenig. In ihrer Kindheit müssen die Frauen den Eltern gehorchen, sind sie erwachsen, müssen sie sich dem Mann unterordnen.“ Aktiv werden dürften sie höchstens in der Kirche oder in Elternkomitees. „Es sei denn, in der Gemeinde gebe es eine Frauenorganisation. Dann ändert sich meistens sehr viel.“ 

Frauenorganisation La Dariana

Bei Esmeralda Álvarez Bermúdez war genau das der Fall. 180 Familien leben in ihrem Dorf Dulce Nombre im hügeligen Hinterland von Matagalpa. In diesem Ort, mitten im Kaffeeanbaugebiet Nicaraguas, gründeten die Frauen mit Hilfe von SWISSAID vor ein paar Jahren die Frauenkooperative La Dariana. Anfänglich lag der Fokus auf der Landwirtschaft. „Es ist wichtig, dass die Frauen landwirtschaftlich geschult werden“, erklärt Lucía Aguirre. Denn wenn es ihnen gelingt, ihre Felder zum Blühen zu bringen, Ernteüberschüsse auf dem Markt zu verkaufen und damit das knappe Familieneinkommen zu erhöhen – dann steigt nicht nur ihr Selbstbewusstsein, sondern auch ihre Akzeptanz in der Gesellschaft. 

Von A wie Aussaat bis Z wie Zyklus

Mit den ersten gemeinsamen Erfolgen wächst auch das Vertrauen in die Organisation und die gemeinsame Stärke. Bald geht es nicht mehr nur um Schädlingsbekämpfung, Saatgut und Vermarktung, sondern auch um Frauenrechte, Gewalt in der Familie und Sexualität. In Workshops sprechen die Frauen über Familienplanung und verschiedene Verhütungsmittel, über Schwangerschaft und Menopause und über sexuell übertragbare Krankheiten. 
 

Familienplanung geht auch Männer an

Mittlerweile verhüteten die meisten Frauen auf die eine oder andere Weise. Esmeralda Álvarez Bermúdez und ihr Mann beispielsweise benutzen Präservative. Allerdings gibt es immer noch Frauen, die sich nicht trauen, auf dem Kondom zu bestehen: „Die meisten Männer hier mögen Kondome nicht. Sie behaupten, das Kondom entspräche nicht dem Willen Gottes, nennen es  ‚Sackʼ oder ‚Kapuzeʼ und spötteln darüber“, so die Bäuerin. Die Männer davon zu überzeugen, dass sie Verantwortung für die Familienplanung, die eigene Gesundheit und diejenige der Partnerin übernehmen müssen, bleibe eine Herausforderung.

Es fehlt an Bildung und Selbstbewusstsein

An Verhütungsmittel zu kommen ist in Dulce Nombre dagegen kein Problem. In einer kleinen Apotheke können die Männer und Frauen Kondome oder die Antibabypille kaufen. Hoch im Kurs stehen auch die Dreimonatsspritze, die Kupferspirale und andere Verhütungsmethoden, die mit kleinen chirurgischen Eingriffen verbunden sind. Und wenn die staatliche mobile Klinik auf dem Dorfplatz haltmacht, werden die Frauen – und zunehmend auch die Männer – von La Dariana dazu ermutigt, die kostenlosen Check-Ups zu machen. Sind Untersuchungen in der Provinzhauptstadt Darío nötig, bietet die Organisation Unterstützung und Beteiligung an den Reisekosten. Wie sehr sich das lohnen kann, hat Esmeralda am eigenen Leib erfahren: „Der Test auf Gebärmutterhalskrebs war bei mir positiv. Zum Glück hat unsere Kooperative einen Notfalltopf für solche Fälle, aus dem ich die Behandlung und die Nachkontrollen zahlen konnte. Heute bin ich geheilt.“ 

 
Projektcode: NC 02/12/16
Projektdauer: Bis 2015
Projektkosten: 52’773 Franken
Anzahl Begünstige: 130 Familien
 
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Verhütung und Familienplanung in Nicaragua: Bildung tut Not

 
Unter der herrschenden Regierung der sandinistischen Partei wurde die medizinische Versorgung der Bevölkerung markant verbessert. Im Bereich der Frauengesundheit nahmen zum Beispiel die Vorsorgeuntersuchungen bei Schwangeren, medizinisch betreute Geburten sowie nachgeburtliche Kontrollen zu. Auch Beratungen zur Familienplanung werden heute öfter in Anspruch genommen. Den Präventionskampagnen und der kostenlosen Gesundheitsversorgung stehen jedoch ein restriktives Abtreibungsverbot sowie zunehmende materielle und personelle Ressourcenknappheit gegenüber. Die peripheren Gebiete, in denen SWISSAID aktiv ist, sind davon besonders betroffen. 
 
Im Vergleich zu anderen Staaten Zentralamerikas – und überhaupt zu Lateinamerika – weist Nicaragua die höchste Rate schwangerer Teenager auf. Etwa ein Viertel aller Geburten im Land betrifft junge Frauen zwischen 15 und 19 Jahren, in ländlichen Gebieten ist es sogar rund ein Drittel. Laut der nicaraguanischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ist das Risiko von Komplikationen während der Geburt für Frauen unter 20 Jahren höher als bei Frauen zwischen 20 und 35 Jahren. Auch deshalb kämpft das Land mit einer hohen Müttersterblichkeit, die sich bei 100 Todesfällen pro 100‘000 Lebendgeburten bewegt.
 
Nicaraguanerinnen sind traditionell stark fremdbestimmt und verfügen häufig über zu wenig Wissen und Entscheidungskompetenz im Bereich Familienplanung und Anwendung von Verhütungsmitteln. In einer neuen Studie in einer Klinik in Managua gab ein Drittel der werdenden Mütter an, dass ihre Schwangerschaft ungewollt sei. 30 Prozent von ihnen wurde trotz des Wunsches, kein weiteres Kind zu bekommen und trotz der Anwendung von Verhütungsmitteln schwanger.
 
Die Zahlen zeigen, wie wichtig das Wissen über die richtige Anwendung von Verhütungsmitteln ist. Denn einmal schwanger, ist das Gesetz knallhart: Seit 2006 gilt in Nicaragua ein absolutes Abtreibungsverbot. Schwangerschaftsabbrüche sind auch dann unter Strafe gestellt, wenn das Leben oder die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist oder die Schwangerschaft von einer Vergewaltigung herrührt. Wenn sich Frauen oder Gesundheitspersonal dem Gesetz widersetzen, drohen beiden mehrere Jahre Gefängnis