Einheimisches Saatgut kann den Frieden nähren

Kolumbien lebt von seinen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Das Land verfügt über eine grosse biologische Vielfalt, ein breit abgestütztes Netzwerk hat sich dem Schutz von einheimischem Saatgut verschrieben. Doch die Regierung verfolgt andere Pläne.

«Die ungerechten Landbesitzverhältnisse gehörten in den kolumbianischen Friedensverhandlungen zu den komplexesten Fragen», sagt Walquíria Pérez von SWISSAID Kolumbien. Das erstaunt kaum, verfügen doch 10% der Landbesitzer über 82 Prozent des produktiven Landes. Mehr als die Hälfte der Anbaufläche wird für die industrielle Landwirtschaft genutzt. Die Regierung fördert Monokulturen, transgene und agrochemische Produkte und begünstigt die Niederlassung von Agromultis im Land.

Benachteiligte Kleinbauern und verbotenes Saatgut

Währenddessen produzieren Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auf gerade mal fünf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche mehr als 60 Prozent der Nahrungsmittel, die im Land konsumiert werden – ohne dabei auf staatliche Unterstützung zählen zu können. «Zwar hat das Landwirtschaftsministerium Ende 2017 eine Resolution verabschiedet, die einen Kompromiss vorsieht, von dem auch Kleinbauernfamilien profitieren sollen», erklärt Walquíria Pérez. «Es ist aber dringend nötig, den Inhalt der Resolution auf Gesetzesebene zu heben.»

Das alles bleibt nicht ohne Folgen: Kolumbien ist gezwungen, immer mehr Lebensmittel zu importieren. Und, was Walquíria Pérez besonders Sorgen macht: Kürzlich wurde traditioneller Mais gefunden, der mit Gentech-Mais kontaminiert wurde. Einheimisches Saatgut ist an lokale Bedingungen angepasst und so gewappnet für den Klimawandel. «Aber die Regierung sieht nicht, wie wichtig es ist, einheimische Sorten zu schützen», so Walquíria Pérez. Mehr noch: Ein Gesetz schränkt die Verbreitung von lokalem Saatgut ein.

Drei Akteure diskutieren an einem Forum

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gibt es in Kolumbien eine grosse Anzahl von lokalen Organisationen, Bäuerinnen und Bauern, die einheimisches Saatgut konservieren. Von SWISSAID, weiteren Nichtregierungsorganisationen und Universitäten zur «Semillas de Identidad» zusammengeschlossen, erhalten die Saatgutnetzwerke mehr Gehör. Die Kampagne fördert den Austausch und die Vermarktung von lokalem Saatgut und den Bau von Saatgutbanken – das macht Kleinbäuerinnen und Kleinbauern unabhängiger und verbessert ihr Einkommen. Die Ernährungssouveränität wird gestärkt.

Um den Dialog zwischen der Basis und der Regierung zu fördern, organisiert «Semillas de Identidad» mehrere Veranstaltungen. Mit der Veröffentlichung eines Papiers mit politischen Forderungen und der Bildung einer Allianz von verschiedenen Organisationen (SWISSAID, HEKS, indigene Organisationen, Bauernorganisationen, Friedensorganisationen, Universitäten), die politisches Lobbying betreibt, wurde ein wichtiger Schritt getan. «Nun geht es darum, als politische Allianz anerkannt und gehört zu werden», so Walquíria Pérez. Für die Stärkung des lokalen Saatguts, das für die vielen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Kolumbien überlebenswichtig ist – und so auch zum Frieden im Land beiträgt.