Digitalisierung in der Entwicklungszusammenarbeit: Mit einer App für Kleinbauern gegen den Hunger

Digitalisierung in der Entwicklungszusammenarbeit: Mit einer App für Kleinbauern gegen den Hunger

Bern/Lausanne, 15. Oktober 2017. Erstmals seit Jahren nimmt die Zahl der Hungernden wieder zu. Im Grossen liegen die Ursachen in kriegerischen Konflikten, schwachen Staaten und den Folgen des Klimawandels. Im Kleinen sind es landwirtschaftliche Probleme, die zu Missernten und Hunger führen. Dank einer neuen Smartphone-App und der Zusammenarbeit mit der ETH kann SWISSAID Bäuerinnen und Bauern in Tansania fast in Echtzeit Hilfe bieten.

Eine «digitale Revolution» der anderen Art: Wenn die Bäuerinnen und Bauern in der Region Masasi im Süden Tansanias verzweifeln, weil ihr Chinakohl von innen her zerfressen wird, greifen sie nicht nach einem Schädlingsmittel, sondern nach dem Smartphone. Dass viele von ihnen weder lesen noch schreiben können, ist für einmal kein Hindernis. Mit Sprachnachricht und Foto beschreiben sie in der App «Macho Sauti» das Problem, via GPS eruiert das Programm darauf das Chinakohlfeld. Kurze Zeit später erhalten die Fragesteller Antwort von Bauern aus der Umgebung, von lokalen Wissenschaftlern oder von Angelika Hilbeck, Agrarökologin an der ETH Zürich.

Die ETH-Forscherin war es auch, die die Landwirtschafts-App als Plattform zum Wissensaustausch mitentwickelt und nach Tansania gebracht hat. In der Region von Bagamoyo, nördlich der Hauptstadt Dar es Salam, erfolgte der erste Feldversuch mit 40 bis 50 Bauern. «So gross die Armut in den abgelegenen Dörfern ist, so gross ist auch der Einfallsreichtum der Bauern. Doch bislang hatten sie nahezu keine Möglichkeit, ihr landwirtschaftliches Wissen auszutauschen, schon gar nicht über grössere Distanzen. Hier füllt ‹Macho Sauti› eine Lücke», so Hilbeck. Seit sechs Jahren nutzen die Bauerngruppen von Bagamoyo die App und engagieren sich stark in deren Weiterentwicklung.

Erfolgreiches «Social Media» für Bauern

Nach den guten Erfahrungen in Bagamoyo sollte das Beispiel Schule machen. Gemeinsam mit Angelika Hilbeck von der ETH Zürich brachte SWISSAID die App letztes Jahr leicht adaptiert nach Masasi, einer der ärmsten Distrikte Tansanias. 1121 Bäuerinnen und Bauern – fünfundzwanzigmal mehr als in Bagamoyo – teilen sich dort heute 38 Smartphones. Auch wenn das Projekt noch in den Anfängen steckt, lässt sich der Erfolg sehen: Allein im August und September 2017 gingen in Masasi 255 Postings auf dem sozialen Netzwerk ein; 60 davon mit konkreten Fragen zu Schädlingsbekämpfung oder Düngemittel. Ein Drittel dieser Probleme konnten die Bäuerinnen und Bauern untereinander lösen, indem sie ihre «Best Practice»-Erfahrungen über die App teilten. Bei 40 Anfragen schalteten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu.

Dass Bäuerinnen und Bauern in isolierten Dörfern Afrikas schnell Hilfe erhalten und sich vor Ernteausfällen schützen können, ist für ihre Ernährung essentiell. Nach den jüngsten Zahlen der UNO-Landwirtschaftsorganisation FAO nahm die weltweite Zahl der Hungernden 2016 nach Jahren des Rückgangs erstmals wieder zu. 815 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Neue Wege im Kampf gegen den Hunger sind pure Notwendigkeit.

Weitere Informationen:

  • So funktioniert die App (Video)

  • Caroline Morel, Geschäftsleiterin SWISSAID, 079 208 75 17

  • Dr. Angelika Hilbeck, Institut für Integrative Biologie, 076 380 12 73