"Das sind keine gewöhnlichen Bohnen!“

Dank Saatgutbanken und lokalem Wissen sichern Bauernfamilien nicht nur ihre Ernährung, sondern auch die biologische Vielfalt.

Vorsichtig steckt Don Antonio den brennenden Kerzenstummel in das Aluminiumfass, das bis zum Rand mit Bohnen gefüllt ist. Dann verschliesst er es luftdicht mit Deckel und Gummiband. „Die Kerze verbrennt den Sauerstoff und erlöscht dann“, erklärt mir der Kleinbauer. „Das haben schon mein Ur- und Ururgrossvater so gemacht.“  Dank dem Vakuum, das durch diesen Trick entsteht, kann Don Antonio die Bohnen schadlos bis zur nächsten Ernte lagern.

Wir stehen in der Saatgutbank mit dem viel versprechenden Namen „Neue Hoffnung“, einem fensterlosen Raum, drei auf drei Meter gross, voll gestopft mit Fässern aller Grössen. Die von den Bauern von San Ramón gebaute und verwaltete Saatgutbank versorgt über 1200 Bauernbetriebe in den umliegenden Dörfern mit Mais- und Bohnensamen. Deren Qualität ist für die Ernteerträge und damit die Ernährung der Bauernfamilien entscheidend.

Nachfrage übersteigt Angebot

Don Antonio ist einer von 95 Saatgutspezialisten, die auf ihren Parzellen lokale Bohnen und Maissorten anbauen und weiterzüchten. Dadurch gelang es den Kleinbauern in den letzten Jahren, zwölf Bohnen- und zehn Maissorten vor dem Aussterben zu bewahren und wieder nutzbar zu machen. Die Nachfrage nach qualitativ gutem Saatgut, das den ökologischen und klimatischen Bedingungen vor Ort angepasst ist, ist ausgewiesen: Die Bauern von San Ramón könnten jährlich doppelt soviel absetzen.

Denn während Jahrzehnten verliessen sich die Bauern und Bäuerinnen in Nicaragua auf die Saatgutlieferungen des Landwirtschaftsministeriums. Das Wissen über Saatgut verkümmerte. Die hochgezüchteten Hybridsorten benötigen jedoch teure chemischen Dünger und Pflanzenschutzmittel, die sich die meisten Bauernfamilien nicht leisten können. Die Folgen: Hunger und Armut.

Mehr Wissen, weniger Hunger

Daher taten sich vor mehreren Jahren über 800 Bauern und Bäuerinnen in San Ramón, Nähe Matagalpa, zusammen. Ihr Ziel: Gemeinsam die Vielfalt von lokalem Saatgut bewahren. Heute testen sie die Eigenschaften der teils wiederentdeckten Sorten auf Versuchsfeldern und dokumentieren diese. Die Bauernfamilien wissen daher genau, mit welcher Bohnensorte sie auch bei sehr langen Regenperioden mit hohen Erträgen rechnen können oder welche Maissorte gegen anhaltende Trockenheit resistent ist. In Zeiten des Klimawandels ist solches Wissen überlebenswichtig.

Die Produzentinnen und Produzenten erhalten das Saatgut auf Kredit und müssen nach der Ernte der Saatgutbank mindestens die doppelte Menge „zurückzahlen“. So können Jahr für Jahr mehr Bauernbetriebe von den qualitativ guten Samen profitieren.

Die Verantwortlichen der Saatgutbank untersuchen bei jeder Lieferung die äusseren Merkmale und die Keimfähigkeit. Erst dann werden sie eingelagert. „Das sind schliesslich nicht gewöhnliche Bohnen, sondern Samen!“, erklärt Don Antonio stolz.

 

 

  • Projektnummer: NC 02/14/19
  • Kosten: 10'2756 Franken
  • Laufzeit: Zwei Jahre
  • Partnerorganisation: Fundación Denis González (FUDEGL)
  • Begünstigte: 800 Produzentinnen und Produzenten, davon 37 Prozent Frauen