Das ABC ist erst der Anfang

Sie, liebe Spenderin und lieber Spender, haben Glück: Sie durften Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Dieses Glück haben auch immer häufiger benachteilige Frauen im Süden des Sahellandes Tschad. Der Besuch von Alphabetisierungskursen eröffnet ihnen Welten, und die Probleme werden weniger. Sie wissen: Die Kinder impfen lassen, Latrinen bauen, Kompost selber machen? Kein Problem. Denn das alles und noch viel mehr haben sie im Alphabetisierungskurs gelernt.

Wer im tschadischen N’Djaména landet, der landet im Dunkeln. Die Flugzeuge aus Europa kommen nachts an – und dann ist selbst die Hauptstadt zappenduster. Bloss zwei, drei Strassenzüge sind von der Luft aus zu erkennen. Tagsüber ist der zweite Eindruck nicht weniger düster: Die Strassen, die in den Süden des Landes führen, bestehen vorwiegend aus Löchern, ja Kratern. Keine einzige Werbetafel säumt die Route und weist auf Waschmittel oder den lokalen Handyanbieter hin. Und die meisten Frauen, Männer und Kinder sind zu Fuss am Strassenrand unter der gleissenden Sonne unterwegs. Da erstaunt nicht, dass das Sahelland auf dem Entwicklungsindex der Uno beinahe das Schlusslicht bildet. Doch deswegen die Hoffnung verlieren?

Nicht, wer Frauen wie Jeanne oder Elizabeth kennen gelernt hat. Beide leben in Pala, einem Städtchen im Südwesten des Landes nahe der Grenze zu Kamerun, ziehen ihre Kinder auf und beackern wenige Aaren Land mit Mais und Erdnüsschen, die sie auf dem Markt verkaufen. 

Jetzt werden die Kinder geimpft

Jeanne hat dank der lokalen Frauenvereinigung und SWISSAID-Partnerorganisation in den letzten drei Jahren lesen, rechnen und schreiben gelernt – und das hat ihr Welten eröffnet. "Im Lehrbuch wurde zum Beispiel das Impfen ausführlich erklärt", erzählt sie in gutem Französisch. Früher habe sie sich nicht impfen lassen, weil sie glaubte, dass sie deswegen krank würde. "Als ich verstanden habe, worum es geht, habe ich meine Kinder und mich selber sofort schützen lassen." Wörter wie Polio, Diphterie und Tetanus kommen ihr fliessend über die Lippen, auch wenn sie ab und zu einen Blick zu Elizabeth wirft, ihrer Lehrerin, die in der Nähe sitzt. «Bei lokalen Impfkampagnen weibelt Jeanne von Haus zu Haus und sorgt dafür, dass ihre Nachbarinnen und deren Familien mitmachen», ergänzt die Professorin (ein ausführliches Interview mit Jeanne finden Sie hier).

Geliebte Hausaufgaben

Begeistert erzählt Jeanne vom Unterricht, den Elizabeth jeweils von Januar bis Juni täglich von 14 bis 17 Uhr erteilt (in der zweiten Jahreshälfte müssen die Frauen auf den Feldern ackern). Hinzu kommen noch Hausaufgaben von täglich 30 Minuten Rechnen und 45 Minuten Lesen. «Das mach ich sehr gern!» Stolz erzählt sie, dass ihr heute auf dem Markt niemand mehr ein X für ein U vormache und wehe, jemand würde es wagen, sie beim Verkauf ihrer Krapfen und Erdnüsse übers Ohr zu hauen.

Neun von zehn Frauen können nicht lesen

In ländlichen Gegenden des Tschad können neun von zehn Frauen weder lesen, schreiben noch rechnen, wobei sich die Karte des Analphabetismus mit jener der Armut deckt. Der Südosten zählt zu den ärmsten Regionen des Landes. Weniger als drei Prozent der Bevölkerung hat Zugang zu Internet, 70 Prozent der Einnahmen müssen die Familien für Nahrungsmittel ausgeben. Die Landwirtschaft ist harte Plackerei. Frauen und Männer hacken die Felder von Hand, und mit etwas Glück können sie fürs Pflügen auf die Unterstützung eines Ochsen zählen.

Mehr als blosse Buchstaben

Ein SWISSAID-Selbsthilfeprojekt wie jenes von Pala umfasst neben der Alphabetisierung weitere, auf  die Bedürfnisse vor Ort zugeschnittene Komponenten. Zum einen werden die Frauen und die Selbsthilfegruppen in ihrer Organisation gestärkt. Frauen erhalten Maschinen wie etwa Getreidemühlen oder Wasserpumpen, die ihnen die Arbeit erleichtern. Zum anderen erlernen sie Fertigkeiten, um sich ein Zusatzeinkommen zu erwirtschaften. In Pala etwa haben viele Frauen auf einer der drei fussbetriebenen Nähmaschinen, die der Gruppe zur Verfügung stehen, schneidern gelernt. Die Kleider halten sie auf dem Markt feil.

Um auf den Hunger eine Antwort zu finden, sind in den meisten SWISSAID-Projekten die Methoden einer modernen, ökologischen Landwirtschaft ein Thema, das am praktischen Beispiel regelmässig auf den Feldern vermittelt wird. Doch für eine nachhaltige Entwicklung sind Ausnahmetalente und Führungsfiguren entscheidend – Frauen wie Jeanne und Elizabeth, die andere begeistern können, bei Schwierigkeiten nicht aufgeben, Erfolge vorweisen und anderen helfen, wenn nicht alles sofort klappt (zum ausführlichen Interview mit Elizabeth).

Kuhdung gegen Hunger

In Pala haben die Alphabetisierung, das grössere Selbstbewusstsein und der wirtschaftliche Erfolg der Frauen in den letzten Jahren einiges verändert. "Mein Mann schaut jetzt gerade zu den beiden Jüngsten", sagt Jeanne und ist nicht die einzige im Raum, die kichert. Dass ein Mann Kleinkinder betreut, damit die Frau einer anderen Beschäftigung nachgehen kann, ist unerhört.  "Und er sammelt jetzt auch sehr fleissig Kuhdung ein", fügt sie an und muss laut lachen.

Doppelte Ernte

Den Dung braucht die Familie für die Herstellung von Kompost. Dieser wird als Dünger auf den Feldern ausgebracht. "Als ich in der Frauengruppe erstmals davon hörte und zu Hause anwendete, tippte sich mein Mann an die Stirn." Doch der Erfolg überzeugte auch ihn: "Die Maisernte konnten wir in bloss einem Jahr auf 12 Säcke pro Hektar verdoppeln, und die Maiskolben sind gross und voll."

Früher litt die Familie wie die meisten Kleinbauern von Juli bis Oktober Hunger, bis die Hirse und der Mais reif waren. "Das ist vorbei", sagt Jeanne. "Heute hat meine ganze Familie das ganze Jahr über zwei Mahlzeiten pro Tag zu essen. "Die Mais- und Hirse-Speicher seien vor der nächsten Ernte nicht mal komplett leer gewesen, führt Lehrerin Elizabeth aus. "Wir hatten zum ersten Mal mehr als genug." Mit Begeisterung in der Stimme doppelt sie nach: "Wenn wir von Anfang an gewusst hätten, wie man Kompost einsetzt, wären wir heute nicht mehr arm!"

 

 

Projektnummer: TS 2/14/04
Projektdauer: 14 Monate
Projektkosten: Fr. 41'565.-
Anzahl direkt Begünstigte: 753 (fast ausschliesslich) Frauen